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Wanda Dufner

Ist der Hype um Yoga und Meditieren wirklich gut für uns?

von Marie Hettich

25 OKTOBER 2019

Life

Yoga, Meditation und Co. werden uns als Allheilmittel verkauft. Stimmt das? Und überhaupt: Müssen wir immer happy sein?

15,5 Millionen Mal. So oft wurden bisher auf Instagram Pics mit dem Hashtag #mindfulness versehen. 15,5 Millionen Posts, die lächelnde Schwangere am Strand zeigen, Regenbögen, Buddhas, Kaffeetassen, Sonnenauf- und untergänge, Menschen in Meditations- oder in waghalsigen Yoga-Posen. Häufig in Begleitung von Sätzen wie "Just breathe." Oder: "I am me – and that’s enough."

Besonders Influencer und Celebs schwören auf eine Prise Insta-Achtsamkeit. "Nicht du bist unglücklich. Es ist dein Ego. Schalte es aus", empfiehlt zum Beispiel die Luzerner Instagrammerin Anja Zeidler ihren Followern. Khloé Karda­shian tippt zu einem Ferien-Post im Bikini: "This summer I have been focused on ME. Me from within. Mind. Body. Soul." Auf Deutsch: "Diesen Sommer habe ich auf MICH fokussiert. Auf mich und mein tiefstes Inneres. Geist. Körper. Seele."

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Hellwach, ohne zu urteilen

Für alle, die sich jetzt fragen, was Mindfulness – oder auf Deutsch: Achtsamkeit – überhaupt ist: Im ursprünglichen, buddhistischen Sinne wird dabei ein hell­wacher Bewusstseins­zustand angestrebt, in dem der jetzige Moment einfach wahr­genommen wird, wie er ist – ohne darüber zu urteilen oder den Gedanken nachzuhängen. Seit knapp zehn Jahren steigen die Google-Suchanfragen nach den Begriffen "Mindfulness", "Meditation" und "Yoga" konstant, weltweit.

Ein Molekularbiologe aus New York hat das Ganze ins Laufen gebracht: Jon Kabat-Zinn entwickelte Ende der 70er-Jahre das sogenannte "Mindfulness-Based Stress Reduction"-Programm, kurz: MBSR. Was sich etwa mit "Stressbewältigung durch Achtsamkeit" übersetzen lässt, ist ein Kurs voller buddhistischer Praktiken, aber ohne religiösen Inhalt. Ein eigens für den Westen entwickelter Crashkurs sozusagen. Auch in der Schweiz gibt es mittlerweile zahlreiche Anbieter.

Das Geschäft brummt

Dann kam die Wissenschaft ins Spiel, die in den vergangenen Jahren praktisch wöchentlich mit einer neuen Studie die erstaunliche Wirkung der Achtsamkeitspraxis betonte: Regel­mässige Meditationen würden das Gehirn langfristig verändern, und das wiederum habe zur Folge, dass so ziemlich alles besser werde – die Laune, die Leistungsfähigkeit, das Körperempfinden, das Einfühlvermögen.

Mittlerweile schwören auch Fussballclubs und Investmentbanken auf das vermeintliche Allheilmittel, und ein riesiger Wirtschaftszweig versorgt uns mit oftmals schweineteuren Kursen und Retreats im In- und Ausland. Es gibt Matten, Kissen, Apps, Bücher, Tees, Cremes und Öle – alle mit derselben Botschaft: "Wenn du für mich jetzt Geld ausgibst, wird es dir ganz bald besser gehen." Doch ist das so? Geht es uns allen wirklich besser, wenn wir uns in ­Achtsamkeit üben?

Eva Kaul

Körperpsychotherapeutin

"Es gibt nichts, was per se für alle Menschen gut ist – auch Meditation nicht."

Ist Achtsamkeit ein Allheilmittel?

Eva Kaul, die in Winterthur als Körperpsychotherapeutin arbeitet, winkt ab, als das Wort "Allheilmittel" fällt. "Es gibt nichts, was per se für alle Menschen gut ist – auch Meditation nicht. Die einen fühlen sich währenddessen grandios, andere schlafen ein, wieder andere begegnen riesigen Ängsten", sagt sie. "Wir Menschen sind komplex – da kann man nicht sagen, wenn ich diesen Knopf drücke, passiert dieses oder jenes."

Die Neuropsychologin Willoughby Britton forscht an der US-amerikanischen Brown Uni­versity schon lange zum Thema Achtsamkeit. Bereits nach wenigen Gesprächen in verschiedenen Meditations­zentren stellte auch sie fest, dass jede Person anders darauf reagiert – und manche, wie von Eva Kaul angedeutet, tatsächlich erschreckende Erfahrungen machen.

Plötzlich gedankenleer

Einige Probanden berichteten der Wissenschaftlerin von Traumata, die durch das Meditieren im Gehirn plötzlich aktiv wurden. Eine Frau erzählte, sie habe an der Ampel nicht mehr zwischen Rot und Grün unterscheiden können, so gedankenleer sei sie gewesen. Eine andere Probandin verspürte plötzlich keine Verbindung mehr zu ihren Kindern. Manche hatten das Gefühl, sich in ein Nichts aufgelöst zu haben, gar nicht mehr zu existieren. All diese Symptome traten in 70% der Fälle während oder nach Achtsam­keitsretreats auf, bei den restlichen 30% genügte das tägliche Meditieren.

Brittons Fazit: Je nach Mensch und aktuellem Befinden kann das Praktizieren von Achtsamkeit sehr wohl guttun. Aber man kann es auch übertreiben – und dieser Punkt, an dem es kippt, ist von Person zu Person verschieden. Genauso wie die unangenehmen Symptome, die dann auftauchen können.

Im Hamsterrad

Laut Körperpsycho­therapeutin Eva Kaul ist deshalb oftmals eine individuelle Begleitung sehr wichtig – vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen oder Angststörungen. Auch in den östlichen Traditionen habe man sich in der Regel nicht einfach hingesetzt und meditiert, sondern sei für mehrere Monate in ein Kloster eingetreten – wo der eigene Lehrer dann längst nicht nur die Meditation, sondern auch das achtsame Verhalten im Alltag im Blick behielt.

Eigentlich gehe es in der Achtsamkeitslehre um eine Entwicklung, die zwar sehr wohl bei einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst anfangen, aber nicht dort aufhören sollte, so Kaul. "Bei manchen Menschen dreht sich alles nur noch um die eigenen Bedürfnisse: Stimmt das so für mich? Tut es mir gut, tut es mir nicht gut?" Für ein sinnvolles Leben sei es aber wichtig, auch nährende Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen und sich in den Dienst von etwas Grös­serem zu stellen. "Das weiss man auch aus der Glücksforschung."

Eva Kaul

Körperpsychotherapeutin

"Schwierige Gefühle gehören zum Leben"

Vom Zwang, sich gut zu fühlen

Ein Problem sieht die Körperpsychotherapeutin in unserer "Feel-good-Gesellschaft", wie sie sagt – und meint damit auch all die Kalendersprüche auf Social Media. "Uns wird immer häufiger ein­getrichtert, der Normalzustand des Menschen sei, sich gut zu fühlen. Und wer sich nicht gut fühlt, muss schleunigst daran arbeiten. Das ist absurd – schwierige Gefühle gehören zum Leben."

Eva Kaul hat schon öfter erlebt, dass Menschen in diversen Achtsamkeits­retreats so Tolles er­lebten, dass sie nicht mehr genug davon bekommen konnten. "Die Achtsamkeitspraxis sollte eine Kraftquelle für das alltägliche Leben sein – und mich von diesem nicht immer weiter wegführen", sagt sie. Für alle, die jetzt überlegen, ob sie dem In-sich-rein­-Spüren ein bisschen zu viel Platz in ihrem Leben einräumen, hat Eva Kaul einen Tipp: "Freunden oder der Familie zuhören, wenn diese sagen, dass man nur noch um sich selber kreist. Und wenn sie von sich aus nichts sagen: nachfragen."

Manchmal ist nicht alles tippitoppi

Es kann sich also lohnen, darüber nachzudenken, ob es am Abend die Yoga Class sein muss oder das Feierabendbier mit einer Kollegin ab und an nicht viel wertvoller wäre. Wir könnten ein paar Accounts entfolgen, die uns weismachen wollen, dass im Leben immer alles tippitoppi zu sein hat. Wir könnten uns fragen, ob manchmal eine Runde Heulen nicht die beste Medizin wäre. Und wir könnten versuchen zu verändern, was uns stört, anstatt auf dem Meditationskissen zu üben, mit allem klarzukommen.

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