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Melanie Ziggel

"Wir Millennials sind die Generation Arschkarte"

von Marie Hettich

23 OKTOBER 2018

Life

Die österreichische Autorin Bianca Jankovska (26) hat ein Buch über Zweck-WGs, Social-Media-Stress und eingerostete Arbeitsstrukturen geschrieben. Jetzt geht es ihr besser.

Bianca, was ist der grösste Unterschied zwischen dir und deinen Eltern? Als meine Eltern Mitte 20 waren, haben sie sich in Wien ein Grundstück gekauft und darauf ein Haus gebaut. Ich gehöre zur Generation Arschkarte – ich werde mir das niemals leisten können.

Aber würdest du das überhaupt wollen? Zumindest würde ich gern die Entscheidungsfreiheit haben. Ich bin schon ein bisschen neidisch auf die 55-jährigen Babyboomers, die in ihren Range Rovers rumfahren, die Umwelt verpesten und ihr Geld aus dem Fenster werfen. Ich könnte mir nicht mal eine Wohnung kaufen, weil sich die Preise so derartig vervielfacht haben. Selbst die Mieten kann sich in der Stadt kaum jemand mehr allein leisten – die meisten meiner Freunde müssen in WGs wohnen.

Sagt man über Millennials nicht, dass ihnen Geld und Besitztümer ziemlich egal sind? Dieser ganze Minimalismus-, Sharing- und Backpacking- Hype kommt doch vor allem daher, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt! Das ist besser für den Planeten, keine Frage. Aber mir kann niemand erzählen, dass er nicht mal gern pompös Ferien machen würde. Dass wir alle so pleite sind, wird als Lifestyle gefeiert.

Du sagst das aus der Perspektive einer Frau, die in der Kreativbranche arbeitet. Klar. Wenn man eine Mitte 20-Jährige aus der Immobilienbranche befragt, hat sie vielleicht ganz andere Ansichten.

Wird sich die Mitte 20-jährige aus der Immobilienbranche auch in deinem Buch "Das Millennial Manifest" wiederfinden? Ich schreibe aus der Perspektive einer Frau aus dem urbanen Milieu, die studiert hat und als freie Autorin und Medienwissenschaftlerin arbeitet. Ich spreche nicht für alle Millennials. Trotzdem würde ich behaupten, dass sich sehr viele in meinem Buch wiedererkennen werden. Sagen wir: 60%. Eine meiner ältesten Freundinnen hat das Buch schon gelesen. Sie hat nicht studiert, sie arbeitet im Back Office und auch sie fand es toll.

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Hast du eine Antwort darauf, warum wir Millennials alle ständig so gestresst sind? In der Fachzeitschrift "Psychological Bulletin" ist kürzlich eine Studie erschienen, die besagt, dass das Streben nach Perfektionismus seit 1989 konstant angestiegen ist. Und damit das Konkurrenzdenken. Ständig schielen wir zu anderen, beurteilen sie, vergleichen uns und haben gleichzeitig immerzu Panik, wie wir selbst bewertet werden. Das macht natürlich irre im Kopf.

Dazu kommt die ständige Erreichbarkeit. Und die konstante Reizüberflutung, von der wir mittlerweile abhängig sind. Ich muss alle paar Wochen für ein paar Tage meine Instagram-App löschen, weil ich merke, dass mir das ständige Feedback nicht gut tut.

Woran merkst du das? Ich werde unruhig, fühle mich ängstlich und bin so gestresst und rastlos, dass ich nicht mehr fokussiert arbeiten kann.

A propos Arbeiten: Du kritisierst in deinem Buch, dass sich viele topausgebildete Millennials ausbeuten lassen. Was müsste eine Firma dir bieten? Das Gehalt müsste deutlich höher sein, als das, was ich jetzt als Freie verdiene. Für dasselbe Geld würde ich nicht in ein Angestellten-Hamsterrad zurückgehen. Ausserdem möchte ich jederzeit von zuhause aus arbeiten können – auch spontan. Plus: Ich will keine Hierarchien. Viele Chefs arbeiten nach dem Motto "Wir hatten es auch nicht einfach" und vergiften die Atmosphäre. Und auch nicht zu vergessen: Das Team muss mir sympathisch sein.

Wow, das sind einige Anforderungen! Bist du Freelancerin geworden, weil dir all das kein Job bieten kann? Das liegt an den vielerorts unterirdischen, komplett eingerosteten Arbeitsstrukturen, absolut! Freelancen hat nämlich auch einen Haufen Nachteile. Aber ich bin seitdem kein einziges Mal krank gewesen, ist mir vor Kurzem aufgefallen. Mir geht es wirklich viel besser.

Gehörst du auch zu den Millennials, die konstant ihr Leben hinterfragen? Früher definitiv. Das Buch hat mich aber irgendwie zufriedener gemacht – wahrscheinlich weil ich beim Schreiben monatelang die ganze Scheisse wieder und wieder hochwirbeln und verarbeiten musste. Ich überlege nicht mehr ständig, ob ich wirklich die allergeilste Beziehung aller Zeiten habe und in der allergeilsten Stadt auf der ganzen Welt wohne.

Und das klappt gut? Ja. Ich suche in meinem Leben momentan keine Kicks mehr. Im Endeffekt ist jeder Kick ja sowieso nur eine Wiederholung des Kicks.

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Bianca Jankovsa sagt, sie habe ein Buch geschrieben, das sie vor ein paar Jahren selbst dringend gebraucht hätte – eines, das sagt: "Hey, es ist okay, wie du dich fühlst. Du bist damit nicht allein." In ihrem "Millennial Manifest" schreibt sie über anstrengendes Online-Dating, über Ghosting und sonstige inakzeptable Spielchen, und über die Sehnsucht nach einer ganz normalen Beziehung. Sie thematisiert Neid auf Berufskolleginnen, ihren Insta-Account, der sie manchmal fast in den Wahnsinn treibt und Arbeitsstrukturen, mit denen sie nichts mehr zu tun haben will. Beim Lesen fragt man sich tatsächlich immer wieder, warum so ein wichtiges Buch nicht längst in den Regalen steht.

Das Millennial-Manifest, Rohwolt Taschenbuch, Fr. 16.90

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