demi lovato
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Wir haben mit einem Experten über Demi Lovatos Sucht gesprochen

von Marie Hettich

26 NOVEMBER 2018

Health

Die 26-jährige Sängerin ist nach drei Monaten Rehab wieder zuhause. Wir haben Jan Gerber, den Gründer einer Zürcher Rehab-Einrichtung speziell für Celebrities, gefragt, wie es zu Demis lebensbedrohlichem Rückfall kommen konnte und ob ein Karriereende für den Weltstar am allerbesten wäre.

Demi Lovatos Mutter hat vor Kurzem stolz verkündet, ihre Tochter sei seit 90 Tagen clean. Eine starke Leistung? Ja, 90 Tage sind toll und vielversprechend. Je länger eine Person durchhält, desto kleiner wird das Rückfallrisiko. Allerdings muss man auch sehen, dass es natürlich deutlich einfacher ist, clean zu bleiben, wenn man von einem Therapeuten begleitet wird.

Wird das die Sängerin denn? Wir können nur spekulieren, aber ich gehe stark davon aus, dass sie aktuell sehr intensiv betreut wird. Celebrities haben nach ihrem Rehab-Aufenthalt meist für eine gewisse Zeit jemanden bei sich, der dann bei ihnen im Gästezimmer oder in einem Hotel in der Nähe wohnt. Es kommt auch immer wieder vor, dass Therapeuten mit auf Tournee gehen.

Als eine Art Aufpasser? So würde ich das nicht nennen. Es geht darum, mithilfe des Therapeuten zu verstehen, warum man rückfällig geworden ist. Der oder die Betroffene muss lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen, ohne zur Flasche oder Pille zu greifen. Das ist ein langwieriger Prozess.

Demi Lovato war ganze sechs Jahre lang clean. Wie kann es sein, dass jemand nach so langer Zeit rückfällig wird? Sucht ist nicht heilbar – es besteht immer ein latentes Risiko, rückfällig zu werden.

Aber einen Auslöser muss es ja gegeben haben. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass mehrere Dinge zusammengekommen sind. Oftmals geht es den Betroffenen vor einem Rückfall schlecht – sie haben beispielsweise sehr viel Stress oder leiden unter Depressionen oder Angstzuständen. Und dazu kommt dann vielleicht eine Trennung, der Tod eines geliebten Menschen – in Demis Fall kann es auch eine Auseinandersetzung mit dem Management oder eine negative Schlagzeile in den Medien gewesen sein. Sucht oder der Konsum von Suchtmitteln ist immer als Selbstmedikation zu verstehen. Als ein Versuch, seine unangenehmen Gefühle wegzuschlucken oder wegzuspritzen.

Sind Stars suchtgefährdeter? Um ein Vielfaches sogar. Der Druck, immer zu performen, immer perfekt aufzutreten und dabei, wie in Demis Fall, von der ganzen Welt beobachtet zu werden, kann so stark sein, dass ein Sucht-Teufelskreis beginnt. Ich würde jedem Menschen, der in der Öffentlichkeit steht, raten, regelmässig mit einem Therapeuten zu sprechen.

Empfiehlt Ihr Psychologen-Team manchen Celebs, die Karriere zu beenden? Das kommt darauf an. Am meisten suchtgefährdet sind Menschen, die am Morgen keinen Grund haben, aufzustehen. Für Menschen, die sich über ihre Karriere definieren, kann es also gefährlich werden, wenn sie diese beenden. Man sieht die Problematik oft bei Profisportlern, wenn sie in den Ruhestand gehen. Entweder sie finden einen neuen Lebensinhalt – oder es wird schwierig. Allerdings muss man unterscheiden zwischen Leuten, die gern im Rampenlicht stehen und solchen, die irgendwie auf der Bühne gelandet sind, aber vor jedem Auftritt Wodka gegen ihre panische Nervosität trinken müssen.

Wie Star-Produzent und DJ Avicii zum Beispiel, der sich im April das Leben nahm? Ganz genau. In seinem Fall hätte ein Karriereende ihm eventuell das Leben gerettet.

Die von Ihnen gegründete Einrichtung ist auf Menschen spezialisiert, die in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit stehen. Was ist anders im Vergleich zu herkömmlichen Kliniken? Celebrities oder auch sehr reiche, mächtige Menschen sind es gewohnt, dass sich in ihrem Leben alles um sie dreht und sich ständig Leute um sie scharen. Man muss das gar nicht werten, das ist einfach so. Und dann in eine Rehab zu gehen, wo man plötzlich das Bett selber machen und um eine bestimmte Uhrzeit zur Gruppentherapie erscheinen muss, funktioniert oft nicht. Wir nehmen deshalb jeweils nur eine Person auf, die in luxuriösem Ambiente von einem knapp 20-köpfigen Team die volle Aufmerksamkeit bekommt.

Wäre es ratsam, sich am Demi Lovatos Stelle ein Leben lang therapeutisch begleiten zu lassen? Wenn jemand sehr stark rückfallgefährdet ist, kann es Sinn machen, langfristig, eventuell sogar lebenslang einen Therapeuten zu haben, ja. Aber es gilt abzuwägen, ob dies die beste Lösung ist. Auch eine Abhängigkeit von einem Therapeuten kann eine ungesunde Abhängigkeit sein. Aber davon gibt es wenigstens keine Überdosis.

Jan Gerber ist der Gründer von Paracelsus Recovery, einer Luxus-Einrichtung in Zürich, wo jeweils eine suchtkranke Person von einem knapp 20-köpfigen Team – u.a. bestehend aus Ärzten, Psychotherapeutinnen, Personal Trainern und einem eigenen Butler – auf Luxus-Niveau betreut wird.

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