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Will ich irgendwann zurück aufs Land?

von Karin Zweidler

20 DEZEMBER 2017

Life

Stadt oder Dorf? Diese Frage stellte sich Redaktorin Karin Zweidler nie – bis sie älter wurde. Ein Mittzwanziger-Dilemma.

Früher war immer alles klar. Gross werden und dann: Schnell weg hier. Schnell weg von 7000 Einwohnern, den stündlich fahrenden Zügen, der gähnenden Langeweile, ab dorthin, wo das Leben leuchtet, passiert und voll reinhaut. Hab ich gemacht. Ohne viel zu überlegen bin ich mit 20 in die nächste Stadt gezogen, mit 22 in die grösste der Schweiz und mit 23 dann sogar kurz in eine richtige Metropole. Weil es eben klar war.

Ich hab das Leben eingesogen

Sechs Jahre lang hab ich also WG-Zimmer eingerichtet, immer wieder neue Migros-Filialen ausgecheckt, bin um die Ecke spontan ins Kino gehuscht. Ich konnte mich zwischen Vorträgen und Konzerten an ein und demselben Abend nicht entscheiden, musste mich zusammenreissen, mich nicht Wochenende für Wochenende durch Clubnächte zu hangeln, denn die lagen ja einfach so da, vor meiner Tür. Ich habe immer neue Menschen kennengelernt und dabei die alten Freunde doch behalten. Ich habe das Leben eingesogen, genau so, wie ich mir das vorgestellt hab. Und es keine Sekunde in Frage gestellt.

Dort, wo alles gut ist

Mach ich meistens immer noch nicht. Ausser dann, wenn ich meine Eltern mal wieder in ihrem Haus im Grünen besuche. Dort, wo Nachbarskatzen auf Sitzplätzen rumschleichen, an Abenden nicht viel mehr läuft als das gemeinsame Abendessen und dann vielleicht noch Tatort, man keine Konzerte, Vorträge, Partys verpassen kann und mein Kopf plötzlich ganz frei und ruhig wird. Vielleicht will ich das ja auch mal, denke ich dann ganz leise – und drehe schnell die Musik auf.

Multikulti-Strassen vs. Waldspaziergänge

Ich bin ein Landkind. Und – das wusste ich schon als Kind – ich will zurück, irgendwann. Mir dann keinen Stress mehr machen, dafür Kuchenrezepte ausprobieren, tief durchatmen, im Wald spazieren und ganz viel mit der immer gleichen Nachbarin reden. Meinen irgendwann-mal-Kindern die Unbeschwertheit, die Freiheit und das Pfützenspringen bieten, die ich als kleines Mädchen hatte. Darüber, dass dafür aber auch irgendwann der Moment vom Stadt-Absprung kommen muss, habe ich weniger nachgedacht. Und merke jetzt: Er ist im Reality-Check noch meilenweit entfernt. Mein Leben ohne ungeplante Nächte, meine Freunde, Multi-Kulti-Strassen, Lieferservice um 23 Uhr nachts? Ziemlich unvorstellbar.

Ich bin im Clinch. Je älter ich werde, desto mehr. Wenn ich Glück habe, werden Natur, Ruhe und TV-Abende den Abenteuerhunger, die immer neuen Cafés und langen Nächte irgendwann schlagen, und alles ist plötzlich ganz klar. Vielleicht aber auch nicht – und der Zwiespalt wird bleiben. Denn so einfach und plakativ, wie ich mir die Dinge früher in meinem Mädchenkopf ausgemalt habe, ist heute, als Erwachsene, selten irgendetwas. Aber schlussendlich dann doch meistens ziemlich okay.

Wie siehts bei euch aus? Wisst ihr, wo ihr leben wollt?

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