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Lukasz Wierzbowski

Wieso reagieren manche Männer komisch auf meine Karrierepläne?

von Luise Philine Pomykaj

13 JULI 2018

Job & Budget

Unsere Praktikantin Luise fragt sich, wieso es in modernen Beziehungen noch immer Konkurrenzdenken beim Beruf gibt.

Meine erste grosse Liebe, ein Kunststudent, warf mir einst in Freigeist-Manier vor, ich renne bloss im Hamsterrad der Gesellschaft mit und würde das auch noch gut finden, als ich etwas Positives von meinem Studentenjob erzählte. Ich stutzte, konterte aber, dass ich mir mein Modestudium wenigstens selbst finanziere, anders als er, der sich Farbe, Pinsel, Leinwand und Studiengebühren von den Eltern zahlen lasse. Es herrschte miese Stimmung. War es Missgunst oder Neid, dass ich etwas hatte, was mich bereicherte und mir Dinge ermöglichte und er nicht? Was war sein Problem?


Dass Frauen Karriere machen, sollte sich schon lang herumgesprochen haben. Bereits mein Vater arbeitete zeitweise von Zuhause aus, um mittags für meine Schwester und mich zu kochen oder uns zum Sport zu fahren, während meine Mutter beruflich in der Welt herum reiste. Als Kind sah ich daran nichts Ungewöhnliches und auch heute noch wünsche ich mir für mein eigenes Berufs – und Beziehungsleben ebenso, dass es keine Rolle spielt, wer mal daheim bleibt, wer mehr verdient oder wer mehr Ansehen im Beruf hat. Langsam habe ich aber die Sorge, dass dieser Wunsch ziemlich naiv ist und frage mich: Kann es sein, dass moderne Männer in meinem Alter ein Problem mit meiner Karriere haben?


Ein bisschen Konkurrenzkampf ist gar nicht so verkehrt


Denn da gab es noch einen anderen Exfreund, der, als ich mich dazu entschied, meinen ehemaligen Job zu kündigen, total verständnislos reagierte, mich hart für meine Entscheidung kritisierte, mir später dann aber gestand, dass er meinen Mut bewunderte, weil er sich selbst nicht traute, ebenfalls zu kündigen. Auch dies verwunderte mich extrem: Anscheinend war meine Entscheidung, in eine andere Richtung zu gehen und mich weiterzuentwickeln ein Problem für ihn.


Ein bisschen Konkurrenzkampf in Liebesbeziehungen sei grundsätzlich gar nicht so verkehrt, sagt Paar- und Sexualtherapeutin Bettina Disler. "Partner wachsen an ihren Unterschieden, ob dies nun auf beruflicher, sexueller oder einer anderen Ebene ist." Ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen sei es, sich gegenseitig zu pushen und zu bereichern. Gerade wenn die Partnerin eine eigenständige (Karriere-) Entscheidung treffe, sei das immer auch ein Spiegel, in dem das eigene Verhalten reflektiert werde, sagt Disler: "Was mache ich anders? Was würde ich gerne ändern? Was fordert mich heraus? Was lähmt mich?”


Vergleichen und konkurrieren kann also eine Bereicherung sein. Mein Exfreund allerdings hatte sich mit mir verglichen und in meinem Mut bloss sein Sich-nicht-Trauen erkannt. Dabei hätte er einfach mit in den Ring steigen können. 


Erst spielte der berufliche Unterschied keine Rolle  – dann doch


Reden wir noch über den kurzzeitig arbeitslosen Lover, der, wenn ich mich morgens für meinen Job fertigmachte, witzelte und Sachen von sich gab wie: "Los, geh arbeiten. Einer muss ja das Geld verdienen", als seien wir ein Ehepaar mit Familie. Am Wochenende sagte er dann zu mir: "Mich nerven Menschen, die ständig müde sind". Das machte mich fassungslos – erstens sah ich es als durchaus berechtigt an, mich nach einer anstrengenden Arbeitswoche noch mal ins Bett zu legen und zweitens schien es mir, als würde ihn nicht das so sehr stören, sondern eher seine eigene Situation. Diese Unzufriedenheit dann an mir auszulassen – unfair. Plötzlich fand ich ihn gar nicht mehr attraktiv. Seine berufliche Situation hatte für mich zuvor keine Rolle gespielt, nun schien er mir aber auf einmal zu wenig selbstbewusst.


Woher kommen diese Missgunst und das Konkurrenzdenken in unseren Beziehungen? Stecken dahinter immer noch Gender-Definitionen, die uns unser Umfeld eintrichtert? Sollten moderne Männer in meinem Alter, die von berufstätigen Müttern aufgezogen wurden, sich nicht langsam von dieser Versorger-Idee verabschiedet haben?


Bereicherung oder Bedrohung?


Wenn im Verlauf einer heterosexuellen Beziehung die Frau den Mann karrieretechnisch 'überholt', könne sich das auf das Rollenverhalten beider Partner auswirken, sagt Expertin Bettina Disler dazu. Es hänge ausserdem stark von seinem Selbstbewusstsein ab, ob der Mann den Karrieresprung seiner Partnerin als spannend und bereichernd für sich oder als Bedrohung und Schwächung seiner Männlichkeit wahrnehme.


Für meine nächste Beziehung wünsche ich mir in diesem Sinne, dass mein Freund zu jenen Männern gehört, mit denen ich auf Augenhöhe über die Arbeit diskutieren kann. Egal, wer gerade an welchem Punkt in seinem Jobleben steht.

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