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​Wie mir meine Mutter am Muttertag in den Rücken fiel und warum ich sie trotzdem liebe

von Lara Schnyder

13 MAI 2018

Life

Friday-Autorin Lara Schnyder erfuhr aus der Zeitung, dass ihre Mutter findet, sie sei undankbar. Ihre Antwort darauf.

Letztes Jahr, am Muttertag, lud ich meine Mutter und meine Grossmutter zu uns nach Hause zum Brunch. Ich hatte einen grossen Blumenstrauss für meine Mutter, einen zweiten für meine Grossmutter gekauft. Klar, Blumen und Frühstück stehen in keinem Verhältnis zu dem, was die beiden für mich geleistet haben: Meine Mutter war alleinerziehend, meine Grossmutter unsere unverzichtbare Unterstützung. Trotzdem finde ich es schön, an diesem Tag, dem manche auch skeptisch gegenüber stehen, meiner Mutter besondere Aufmerksamkeit zu schenken.


"Ich muss dir etwas beichten"


Nach dem Brunch gingen wir spazieren. Wir liefen gerade los, als meine Mutter ihren Arm um mich legte und meinte: "Du, ich muss dir noch was beichten." Sie habe so einen blöden Text geschrieben und eine der bekannten Sonntagszeitungen habe ihn doch tatsächlich veröffentlicht. Dabei gehe es ums Muttersein. Natürlich wollte ich gleich wissen, was sie zu sagen hatte und las den Text beim Spazieren auf meinem Smartphone. Die Überschrift des Artikels: "Ein paar bittere Gedanken zum Muttertag". Wow! Damit hatte ich nicht gerechnet.


Sie schrieb von ihrer "heimlichen Sehnsucht nach ein bisschen Wertschätzung für all die durchlittenen Nächte, für die Finanzierung meines Studiums, für das Spendieren meines Hochzeitskleids, oder für die liebevolle Betreuung meines Sohnes, der kurz vor Abschluss meines Masters auf die Welt kam".


Ein Vorwurf nach dem anderen


Und dann stand noch das: "Und was wünscht sich meine schöne Tochter zum Muttertag? Natürlich nichts sehnlicher, als dass ich an diesem Tag meinen lieben und süssen Enkel hüte, damit sie mit ihrem Mann ungestört ein zweites Kind produzieren kann." Meine Mutter veröffentlichte hinter meinem Rücken einen Text , in dem ich nicht gerade gut wegkomme. Auch ihre Geschwister, ihre Mutter, und nicht zuletzt meinen Vater kritisiert sie. Eine Woche vor meiner Hochzeit. Es lief mir kalt den Rücken runter. Zudem stimmte so einiges nicht in dem Text.

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  • Da profitieren nur die Blumenläden - ich zeige meiner Mutter das ganze Jahr über Dankbarkeit. 60%
  • Es ist ein wichtiger Tag, an dem ich meiner Mutter etwas zurückgeben will. Dazu gehört ein Geschenk und viel Liebe. 22%
  • Meine Mutter erwartet zu viel von mir - ich mag diesen Druck an diesem Tag nicht. 19%

Wie soll man diese Schuld abarbeiten?


Ich hatte meine Mutter nicht darum gebeten, am Muttertag meinen Sohn zu hüten, damit ich mit meinem Mann Zeit verbringen konnte, sondern weil ich am Abend zuvor meinen Junggesellinnenabschied feierte, mein zukünftiger Mann nicht da war und dieses Datum bereits einige Zeit im Voraus feststand. Ich fühlte mich blossgestellt und ungerecht behandelt, denn so, wie sie mich im Text beschrieb, bin ich nicht. Dankbarkeit ist mir sehr wichtig. Und ich versuche, diese so oft es geht zu äussern. Vor allem meiner Mutter gegenüber. Mir ist bewusst, wie viel sie für mich tut. Besonders seit ich selbst Mutter bin.

Wie kann ich denn der Wertschätzung, die sie von mir erwartet, je gerecht werden? Und ist es überhaupt richtig, von seinen Kindern eine Gegenleistung zu erwarten? Ich sehe es ähnlich wie die Philosophin Barbara Bleisch, die in ihrem Buch "Warum wir unseren Eltern nichts schulden", die Verletzlichkeit (die Kehrseite der Liebe) in familiären Beziehungen betont. Sie sagt:  "Dieser Blick auf die Eltern-Kind-Beziehung, der die Schuldigkeit des Kindes betont, ist nicht hilfreich. Zumal immer unklar bleibt, wie es diese Schuld abarbeiten kann." Oder: "Die Kinder haben um ihr Leben, ihre Erziehung ja nicht gebeten. Gäbe es eine Pflicht zur Rückerstattung, könnte auch das Kind den Eltern sagen: Ihr schuldet mir etwas, denn ich habe euch zu Eltern gemacht und euch viel Liebe geschenkt." Und: Der Haltung der Dankbarkeit folgen keine konkreten Pflichten."


Beziehungen können nicht an einer Momentaufnahme gemessen werden


Viel schöner ist es doch, aus Dankbarkeit etwas gern zu tun, nicht weil es eine Pflicht ist. Wenn ich es damals so hätte ausdrücken können, hätte ich diese Worte benutzt. Über längere Zeit führte ich intensive Gespräche mit meiner Mutter. Es dauerte, bis wir die Perspektive des anderen nachvollziehen konnten.


Rückblickend ist dieses Ereignis doch ein schönes Beispiel dafür, dass Beziehungen nicht an einer Momentaufnahme, wie den Ereignissen am Muttertag oder einem Artikel gemessen werden können, sondern an einer längeren Geschichte, die wir miteinander teilen. Viel wichtiger ist es, dass man mehr miteinander spricht, sich der der Verletzlichkeit des anderen bewusst wird und seine Bedürfnisse platziert - bevor es zu solch bitteren Worten kommt.

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