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Was ist so schlimm daran, dass ich allein sein möchte?

von Sonja Siegenthaler

20 JANUAR 2019

Life

Dass ich alleine nach Sri Lanka reisen wollte, fanden alle cool. Dass ich da aber auch für mich bleiben wollte, weniger.

Diesen Winter bin ich das erste Mal für längere Zeit alleine verreist. Nicht, weil ich keine Begleitung fand, sondern weil mein Ex-Freund der einzige Mensch war, den ich länger als zwei Tage am Stück ertragen konnte. Ausserdem bin ich gern allein. Dass mich Whatsapp-Nachrichten meiner Freunde aus der Schweiz vergessen liessen, wer ich wirklich bin, habe ich nicht erwartet.

Sollte ich mich einsam fühlen?

Ich sitze im Restaurant in der Wärme Südostasiens vor einem Curry. Ich bin entspannt, sogar glücklich, als mein Handy vibriert: “Hast du schon Leute kennengelernt? Bist du mit anderen Reisenden unterwegs?” Meine Freunde scheinen sich um meine sozialen Kontakte zu sorgen. Nach dem Essen gehts weiter: “Ich könnte nie so einsam im Paradies sein wie du. Hast du nicht das Gefühl, du verpasst was, so ganz allein?” Pah. Ich dachte, mit 26 Jahren haben wir diesen FOMO-Mist längst hinter uns. Dennoch: Die Nachrichten geben mir zu Denken. Und auf einmal fühle ich mich tatsächlich ein bisschen einsam. Also begebe ich mich in ein Hostel.

Hostel oder der Ort, an dem niemand alleine bleibt

“Der perfekte Ort für Alleinreisende wie dich”, sagt die sonnenverbrannte, offensichtlich verkaterte Engländerin im Hostel, “hier bleibst du nicht lange allein”. Die Backpacker nehmen mich gleich mit offenen Armen auf, jeden Abend stehen Rooftop-Partys, BBQs und Trinkspiele auf dem Programm. Ruhe gibt es ausserhalb des stillen Örtchens nicht. Bereits am ersten Abend frage ich mich: Sind das wirklich die Ferien, die ich mir als Alleinreisende vorgestellt habe? Und wieso lass ich mich von den Sprüchen meiner Freunde so verunsichern?

Die Geschwindigkeit drosseln

Ich mochte es schon immer, alleine zu sein. Bereits als kleines Mädchen sei ich lieber am Rand des Sandkastens gesessen und habe die anderen Kinder beim Spielen beobachtet. Mehr als meine zwei besten Freundinnen und Bücher brauchte ich nicht. Als Teenager gab es dann keinen Platz mehr für Me-Time. Ich wollte immer und überall dabei sein, hatte ständig Angst, etwas zu verpassen. Bis das Erwachsenenleben mit einem Hundertprozent-Job begann: Ich merkte, dass ich dringend mein Leben verlangsamen musste, denn ich war rund um die Uhr unterwegs, gestresst und müde. Die ständigen Verabredungen nach Feierabend fühlten sich an wie verlängerte Arbeitszeit: Konzentrieren, einbringen, zuhören, Eindrücke verarbeiten.

Also setzte ich mir selbst Grenzen – und begann, mindestens drei Abende die Woche frei zu halten: Für mich. Dann höre ich jeweils Musik, lese, koche, spaziere, mache nur Dinge für mich allein. Nur so nehme ich die Zeit bewusst wahr und kann mich entspannen.

Was sich anhört wie aus einem billigen Lebensratgeber vom Bahnhofskiosk, ist das Tollste am Alleinsein: Ich hab mich selbst gefunden. Seit ich die Zeit und Ruhe habe, mehr auf mich zu hören, weiss ich, was ich wirklich will und brauche. Ich höre meine innere Stimme zwar auch, wenn ich von Brunches zu Apéros und Abendessen renne, nur von ganz weit weg.

Allein sein zu wollen ist mutig – und scheinbar egozentrisch

Mein eigenes Wohl über Events und Freunde zu stellen, erfordert Überwindung. Erstaunlich wenig Menschen in meinem Umfeld verstehen, dass ich es geniesse, alleine zu sein. Etwa mein Ex-Freund, der an meiner Liebe zweifelte, als ich ihn nur noch zwei Abende die Woche sehen wollte. Oder die Kollegin, die beleidigt ist, wenn ich ihr trotz leerer Agenda absage. Ich wirke egoistisch. Und einsam.

Letzteres besonders oft: Als ich kürzlich in einem Restaurant sass und gedankenverloren die Menschen um mich herum beobachtete, setzte sich ein Mann neben mich und bot mir seine Gesellschaft an. "Du siehst so einsam aus.” Er dachte wohl, dass ich nur darauf warte, Anschluss zu finden und von meiner Einsamkeit erlöst zu werden. Ich bin aber weder eine Einzelgängerin, noch einsam.

Und doch hat mich in Sri Lanka die Annahme meiner Freunde, dass gerade Alleinreisende doch einsam sein müssen, verunsichert. Also suchte ich im Hostel Anschluss. Nach einer durchfeierten und zugegeben ziemlich coolen Nacht musste ich mir aber eingestehen: Das ist nicht die Art, wie ich meine Ferien verbringen will. Nachdem ich den Backpackern eindringlich versichert hatte, dass ich wirklich ganz alleine weiterreisen wolle, hat es sogar die hartnäckige Engländerin eingesehen: Die will wirklich nur für sich sein. Ab da waren es die entspanntesten Ferien überhaupt.

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