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Warum wir öfter wütend sein sollten

von Alisa Fäh

13 JANUAR 2019

Life

Textpraktikantin Alisa fiel auf, dass sie nie ausrastet – obwohl sie wütend ist. Damit ist sie nicht allein. Frauen dürfen keine Wut zeigen? Hiermit muss endlich Schluss sein.

Es gab keinen Mic Drop, ich knallte keine Türen zu, bin nicht ausgetickt und habe auch keine Feuerbälle an ihn geschmettert. Aber ich war ziemlich stolz auf mich, als ich meinem damaligen Chef klipp und klar die Meinung gesagt habe. Denn: Zum ersten Mal zeigte ich meine Wut, anstatt sie runterzuschlucken.

Dass ich mich nicht einschüchtern oder kleinmachen liess, hat viele meiner Arbeitskollegen überrascht. Mein Verhalten passte nicht zum Bild, dass ich als Frau sanftmütig sein und alles lächelnd hinnehmen sollte. Diese Erwartung erlebe ich nicht nur in der Arbeitswelt. Ich sagte einem Typen, den ich datete, endlich mal, was mich stört – seine Reaktion, als ich ruhig wurde: "Wenn du nichts sagst, gefällst du mir am besten." Seine Worte machten mich fassunglos – und noch wütender. Die Message: Ich muss meinen Mund halten, damit ich gemocht werde. Wenn ich sage, was mir ein schlechtes Gefühl gibt, wird mir meine Wut abgesprochen.

Wut ist ein Privileg

Ein wütender Mann gilt als überzeugt, eine wütende Frau als irrational. Während Männer wie Brett Kavanaugh und Donald Trump unkontrolliert schreien und aggressiv auftreten, um sich Gehör zu verschaffen, beherrschen Angela Merkel und Hillary Clinton ihr Pokerface perfekt. Es scheint klar zu sein: Auszurasten dürfen Frauen sich nicht leisten, wenn sie ernst genommen werden wollen.

Als ich vor meinem damaligen Chef stand, wurde mir klar: Auch ich habe mir antrainiert, meine Wut nicht zu zeigen. Ich habe gelernt, dass Frauen ihre Fassung bewahren müssen, um ernst genommen zu werden. Streiten sich zwei Frauen, wird das als Bitch Fight abgetan. Aussagen wie "Du bist aber leicht reizbar" oder "Du kannst nicht mit Kritik umgehen" liessen mich verinnerlichen, dass meine Wut unberechtigt ist. Ich habe sie jahrelang für mich behalten, damit ich nicht schwierig, nervig oder anstrengend wirke. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Ich will für mich einstehen

Es gibt so viele gute Gründe, hässig zu sein. Neben verschütteten Drinks, roten Ampeln und Leuten, die auf der Rolltreppe links stehen bleiben, sind es vor allem die grossen, strukturellen Dinge, die mich aufregen: Dass ich als Frau manchmal nicht dieselben Chancen bekomme wie ein Mann. Oder dass ich manche Angebote eben nur bekomme, weil ich eine Frau bin. Catcalling, Diätwahn, Schubladendenken – es gibt tausend Dinge, die mich ärgern. Aber sollte ich mal auf den Tisch hauen, werden mir Menstruationsprobleme oder Hysterie vorgeworfen, anstatt in Betracht zu ziehen, dass mein Ärger tatsächlich begründet ist.

Wut kann tricky sein, aber sie stellt eine klare Forderung: Es muss sich etwas ändern. Ich will mich nicht mehr zusammenreissen und Ungerechtigkeiten weglächeln, damit die Harmonie erhalten bleibt. Ich will für mich selbst einstehen und bestimmt sein, Konflikte laut und offen austragen und meinen Mund aufmachen. Meine Wut nicht mehr runterschlucken, sondern konstruktiv einsetzen – und vielleicht sogar auch mal eine Tür zuknallen.

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