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Ich habe Waldbaden ausprobiert – und wurde verzaubert

von Marie Hettich

6 OKTOBER 2019

Health

Redaktorin Marie hat die japanische Achtsamkeitsmethode in einem Wald in Zürich-Wädenswil ausprobiert. Am Ende war sie den Tränen nahe.

Als ich an einem Mittwochabend am Bahnhof in Thalwil zum Waldbaden abgeholt werde, gehts mir ziemlich mies. Ich fühle mich bedrückt, meine Schultern sind verspannt, eine Erkältung ist im Anmarsch. Am liebsten hätte ich mich daheim aufs Sofa geschmissen.

Doch Waldbaden interessiert mich schon lange – spätestens seit meiner Japanreise im Mai, wo das sogenannte Shinrin-Yoku seinen Ursprung hat. Seit über 40 Jahren ist dort die wissenschaftlich fundierte Achtsamkeitsmethode ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems. Es passiert also ständig, dass jemand zum Arzt geht, und kein Rezept für die Apotheke, sondern eines für den Wald mit nach Hause nimmt. Crazy, oder?

Nadine Gäschlin, mit der ich jetzt im Auto sitze, sagt, dass sei ihr absoluter Traum: wenn das Waldbaden auch hierzulande so viel Anklang finden würde. Sie war nach ihrem ersten Waldbad während eines Wellness-Aufenthalts in Österreich so geflasht, dass sie sich kurze Zeit später in Deutschland zur Wald-Gesundheitstrainerin ausbilden liess. Ab November kann man sich auch in der Schweiz ausbilden lassen – von Nadine höchstpersönlich.

Wir fahren am linken Zürichsee-Ufer entlang nach Schönenberg, wo wir uns auf einem Parkplatz mit zwei Frauen treffen, die ebenfalls den Schnupperkurs gebucht haben. Warum es ausgerechnet dieser Ort sein muss, will ich wissen? Ein abwechslungsreicher Wald sei am wirkungsvollsten, sagt Nadine. Das Gehirn könne am besten entspannen, wenn es viel zu entdecken gebe, wenn sich hell und dunkel abwechsle.

Drei Stunden später weiss ich genau, was sie gemeint hat. Meine Sinne haben so viel erlebt wie nach einem ganzen Wochenende in der Natur: Kleine und grosse Lichtungen, düsteres Dickicht, meterhohe Fichten und Tannen, Buchenkeimlinge, Steine, Pilze, Hügel, Kühe. Und das, obwohl wir uns im Schneckentempo bewegt haben – oder gerade deswegen.

Während man beim Wandern etwa fünf Kilometer pro Stunde zurücklegt, sind beim Waldbaden nur 500 Meter pro Stunde vorgesehen. Anfangs fällt es mir schwer, so durch die Gegend zu schleichen – der Alltag sitzt mir im Nacken. Ein bisschen lächerlich fühle ich mich auch. Was, wenn uns Spaziergänger begegnen? Erklären wir dann, was wir hier gerade machen? Ein paar Zeitlupen-Schritte weiter wird unsere Truppe tatsächlich von einem erschrockenen Hund angebellt.

Immer wieder stoppen wir, und Nadine Gäschlin erzählt uns vom Wald. Zum Beispiel weiss ich jetzt, dass es in der Schweiz über 1000 verschiedene Moosarten gibt. Oder dass die Wurzeln eines Baumes mindestens so lang sind wie der Baum hoch ist. Spannend!

Noch toller finde ich die Übungen, die wir zusammen machen – etwa Qigong mit dem leisen Rascheln der Bäume als einzige Geräuschkulisse. Oder eine Sinnesübung für die Augen, bei der jede durch einen kleinen Bilderrahmen einzelne Ausschnitte des Waldes betrachtet. "Konzentriert euch so auf das Bild, als wärt ihr im Kunsthaus", sagt Nadine.

Mein Highlight: Als wir uns vor einer Fichte versammeln, streckt uns Nadine ihre Finger unter die Nase. Innerhalb weniger Sekunden breitet sich Entspannung in mir aus – wie auf Knopfdruck. Das, was da an ihrer Hand klebt, ist Fichtenharz, das voller Terpenen steckt, also den Duftmolekülen, mit denen die Bäume untereinander kommunizieren.

"Unter anderem liegts an diesen Terpenen, dass der Wald für unseren Körper und unsere Psyche so gesund ist", erklärt die Expertin. Deshalb mache auch das berühmt-berüchtigte Bäume-Umarmen so viel Sinn, weil sich die meisten Terpene eben direkt unter der Baumrinde ansiedeln. Weil ich von diesem himmlischen Spa-Duft nicht genug bekommen kann, bohre auch ich meinen Finger vorsichtig in das Harz. Noch auf der Zugfahrt nach Hause schnuppere ich immer wieder an meinen klebrigen Händen.

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Apropos Bäume umarmen: So weit bin ich nicht gegangen. Aber ich habe mit geschlossenen Augen einen Baum ertastet und war dabei so ehrfürchtig, als würde ich einem wildfremden Menschen gegenüberstehen. Als sich später dann jede einen Baum zum Anlehnen und Meditieren aussuchen darf, erwische ich mich dabei, wie ich kurz überlege, ob mein Auserwählter das überhaupt okay findet.

Langsam geht die Sonne unter. Wir gehen ein paar Meter barfuss durchs nasse Gras, aber mir wird so kalt, dass ich meine Schuhe schnell wieder anziehe. Wir schweigen. Ich bin froh darum, weil ich merke, dass ich allmählich ziemlich in mir selbst versunken bin. Der Stress, die Anspannung von vorher, ist weg. Ich fühle mich unter all den Bäumen geborgen – und so wunderbar bedeutungslos. Traurigkeit macht sich in mir breit, eine schöne, demütige Traurigkeit. Ich bin jetzt ganz bei mir, verbunden mit dem Wald, mit den drei Frauen, mit dem Leben.

An einem Weiher angekommen, auf dem die letzten Sonnenstrahlen des Tages funkeln, füllt Nadine Tee aus Fichtennadeln in kleine japanische Becher. Ich bin so gerührt, dass mir fast die Tränen kommen. Was bitte passiert da gerade mit mir? Wie hat mich der Wald so weich gekriegt? Es fühlt sich befreiend an – so, als hätte da ganz lange etwas in mir geschlummert, dass jetzt endlich raus darf. Als Nadine und ich uns im Auto verabschieden, frage ich, ob ich sie umarmen darf.

Du möchtest mehr über die Achtsamkeitsmethode wissen, selbst mal mit Nadine in den Wald oder hast Interesse an einer Ausbildung? Alle Infos gibts hier.

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