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Meine Verlobung war total unromantisch – so what?

von Gloria Karthan

16 APRIL 2019

Life

Redaktorin Gloria hat sich verlobt. Und zwar anders, als ihr Umfeld es erwartet hätte.

Vergangenen Herbst, an unserem siebten Jahrestag, haben mein Freund und ich uns verlobt. Kurz darauf traf ich meine Freundinnen zum Apéro. Als sie nach ein paar Gläsli Prosecco meinen Ring erblickten, stieg der Lärmpegel an. "Oooh mein Gott! Wie hat er den Antrag gemacht?", fragte eine Freundin und sah mich erwartungsvoll an.

Ich wusste: Mist, jetzt sollte eigentlich eine romantische Story folgen. Irgendwas mit Geigenmusik, einem brennenden Herz aus Kerzen oder wenigstens einem Ring, der im Cüpli versenkt wurde. "Er hat gar nicht gefragt," enttäuschte ich meine BFFs stattdessen.

"Super unromantisch, ohne Antrag und so"

Denn unsere Verlobung war tatsächlich sehr unspektakulär. Statt formeller Frage mit Kniefall steckten wir uns zu Hause gegenseitig Ringe an, tanzten in Finken durch die Wohnung und gingen anschliessend zusammen essen.

Wem auch immer ich von meiner Verlobung erzählt habe – fast jedes Mal wollte mein Gegenüber wissen, wie mein Freund um meine Hand angehalten hat. Ein anderes Szenario scheint für mein eigentlich aufgeklärtes Umfeld undenkbar. Irgendwann habe ich pro forma relativiert: "Jaja, verlobt. Aber ganz pragmatisch. Super unromantisch, ohne Antrag und so."

Feminismus und die Frage aller Fragen

Dass ich meine eigene Verlobung – die für mich perfekt ist, wie sie ist – vor anderen herunterspiele, macht mich wütend. Sind wir dermassen von Hollywood gebrainwashed, dass sie zwingend filmreif sein muss?

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir sogar gewünscht, dass mir mein Freund eines Tages "die Frage aller Fragen" (allein schon diese Formulierung ist komplett daneben) stellen wird. Auch zum Verlobungsring war er gebrieft: Gelbgold soll er sein, mit einem Morganit – einem rosa Edelstein. Ich hatte ihm schon Pics davon gezeigt. Natürlich ironisch. Aber wenn ich ehrlich bin: im vollen Ernst.

Irgendwann dachte ich mir: Stopp mal. Ich kann nicht an Frauendemos gehen, mich für Feminismus einsetzen und dann darauf warten, bis mir mein Liebster meinen Traumring ansteckt – und ich ihn dann im schlimmsten Fall auch noch stolz auf Insta poste.

Spaghetti Heiratsantrag
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So könnte man einen Antrag machen. Muss man aber nicht.

Nach sieben Jahren wollten wir aber irgendwie mehr sein als nur Partner. Eine Verlobung schien mir die naheliegendste Möglichkeit, um unsere Beziehung zu festigen – selbst wenn sich die Feministin in mir wünschen würde, dass ich auch ohne Verlobung und Eheschliessung total happy wäre.

Als sein Antrag ausblieb, begann ich mir Gedanken zu machen und das Ganze selbst in die Hand zu nehmen. Wenn schon gesellschaftliche Konvention, dann wenigstens mit einem Twist, dachte ich mir. Daraus resultierte irgendwann der Plan, meinem Freund den Antrag zu machen – inklusive Ring. Meinen wollte ich mir dann selber shoppen.

"Wehe, du machst mir einen Antrag"

Doch wie findet man die Ringgrösse von jemandem heraus, der keinen einzigen Ring besitzt? Ich weiss jetzt, wie man es auf keinen Fall machen sollte: Ich tat so, als würde ich meinen Schmuck aussortieren und stülpte meinem Freund wahllos Ringe über. Und flog damit natürlich sofort auf.

"Wehe, du machst mir einen Antrag", sagte er. Warum denn nicht, fragte ich. "Ich hab zwar kein Problem mit meiner Männlichkeit", antwortete er. "Aber das wäre… komisch." Also einigten wir uns spontan darauf, uns pünktlich zum siebten Jahrestag zu verloben.

Übung für die Hochzeit

Noch am selben Abend bestellte ich meinen Traumring online. Seinen besorgten wir die Woche darauf gemeinsam in der Stadt. Zum Schluss fiel seine Wahl übrigens auf ein Schmuckstück, das doppelt so viel kostete wie mein Ring. Den Gesamtbetrag teilten wir fair durch zwei.

Und obwohl eine Lovestory spannender wäre, die bei Partygästen für rote Wangen und Tränen in den Augen sorgt, bin ich doch sehr froh darüber, dass wir unseren Weg gefunden haben – selbst wenn dieser Weg für viele Frauen auch heutzutage noch ein totales No-Go wäre. Plus: Dank dieser Übung machen wir uns für unsere Hochzeit in zwei Jahren erst recht keinen Druck. Die wird genau in dem Masse romantisch, wie wir es für richtig halten.

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