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Darum konnte ich jahrelang nicht über meinen Missbrauch sprechen

von Melanie Biedermann

15 AUGUST 2019

Life

Sexismus ist endlich Teil der Mainstream-Debatte. Doch sobald es wirklich persönlich wird, verstummen wir. Ein schlimmer Fehler, findet unsere Autorin.

Meine Freunde und ich sprechen oft über Sexismus. Meistens geht es um News-Meldungen, die Täter oder unsere Gesellschaft, die den Missbrauch noch immer toleriert. So gut wie nie sprechen wir über konkrete Übergriffe, die uns passiert sind und über Narben, die sie hinterlassen. Und das ist ein riesiges Problem.

Das grosse weibliche Schweigen: Scham und Selbstschutz

Die öffentlichen Debatten, die wir seit dem #Aufschrei und #MeToo führen, kratzen noch immer zu sehr an den Oberflächen. Sie fokussieren zu oft auf die Schuld statt auf die Ursache. Kurzum: Es mangelt ihnen an Mut.

Denn den braucht es, um das Problem an der Wurzel zu packen. Dazu müssen Aspekte in den Fokus rücken, die in der Diskussion bisher weitgehend untergingen: Scham, Schuldgefühle, Selbstwert. Das sind Gründe, die noch immer viel zu viele von uns am Schweigen halten. Und dieses Schweigen ist schlicht verheerend.

Ich selber habe zehn Jahre lang geschwiegen, nachdem mich ein Taxifahrer auf dem Heimweg vom Ausgang zu einem Blow-Job nötigte. Ich war Anfang zwanzig, hatte gerade meinen Master angefangen und war dafür in eine neue Stadt gezogen. Mein Leben war aufregend, aber ich stand auf wackligen Beinen.

Melanie Biedermann

Friday-Autorin

Heute spüre ich nicht nur die Folgen des Missbrauchs und der Scham, sondern auch die des jahrelangen Schweigens.

Nicht über den Missbrauch zu sprechen, fühlte sich damals schlicht und ergreifend nach der erträglichsten Lösung an. Denn damit umging ich Fragen wie: Warum wehrte ich mich nicht? Wäre das passiert, hätte ich nicht getrunken?

Weil ich niemandem von dem Vorfall erzählte, fragte mich das natürlich niemand – ich selber tat es aber durchaus. Die Schuld suchte ich bei mir. Und ich schämte mich. Aber immerhin nur vor mir selber. Das schien aushaltbar. Heute spüre ich die Folgen. Und nicht nur die des Missbrauchs, auch die der Scham und des jahrelangen Schweigens.

Unsere Wut ist gerechtfertigt und wichtig

Ich bin 33 Jahre alt. Bisher hatte ich eine einzige Beziehung im Boyfriend-Girlfriend-Schema, sie war von unkommuniziertem Misstrauen geprägt und endete unschön. Mein Ex hat bis heute keine Ahnung, warum. Und natürlich ist der Missbrauch nur ein Faktor, der meine Beziehungsfähigkeit beeinträchtigt, aber er ist ein grosser.

Melanie Biedermann

Friday-Autorin

Ich fühlte mich nicht angesprochen, als Hashtags wie Aufschrei oder MeToo um die Welt gingen.

Warum es so wichtig ist, dass ich es beim Namen nenne, dass ein Mann mich sexuell missbrauchte, wurde mir erst klar, als ich vor ein paar Monaten meine Mitbewohnerin nach einer Partynacht in ihrem Bett fand. Sie erzählte mir, wie sie dort ein paar Stunden zuvor nackt neben einem Fremden aufgewacht war. Sie hatte keine Ahnung, was passiert war, aber ihr leerer Blick sagte mir alles, was ich wissen musste.

Ich war traurig und wütend. Sie so kurz nach ihrer Vergewaltigung zu sehen, erinnerte mich an die Ohnmacht und an das Gefühl von Leere, das ich damals im Taxi und noch lange nach dem Vorfall in mir getragen hatte. Meine Freundin übergab sich ohne Ende. Dasselbe tat ich in der Nacht nach dem Übergriff. Es war nicht der Alkohol – wir kotzten uns emotional aus. Man spürt den Unterschied. Da ist viel Ekel im Spiel. Sobald es ging, stellte ich mich damals unter die Dusche, um mich zumindest äusserlich rein zu waschen.

Danach hatte ich geschwiegen. Und zwar eisern: Ich hatte das Erlebnis so tief in mir vergraben, dass es mir zum Zeitpunkt, als Hashtags wie Aufschrei und MeToo um die Welt gingen, nicht einmal in den Sinn kam, etwas beizutragen. Ich fühlte mich schlicht und ergreifend nicht angesprochen.

Erst die unmittelbare Konfrontation damit, dass meine Freundin etwas Ähnliches erlebt hatte wie ich, liess mich meinen eigenen Missbrauch als solchen erkennen. Erst da kehrte meine Scham in Wut. Und diese Wut rüttelte mich auf. Ab diesem Moment war Schweigen für mich keine Option mehr.

Melanie Biedermann

Autorin

Wer im Stillen leidet, bestätigt die gegebenen Machtverhältnisse.

Gewalt ist immer aktiv – das stille Hinnehmen aber auch

Und darum geht es mir hier: Wer ungefiltert vom Missbrauch einer nahestehenden Person hört, dem geht es durch Mark und Bein. Mir wurde klar: Nur wer über die erlebte Gewalt spricht, kann sich von der Opferrolle lösen.

Wer im Stillen leidet, bestätigt die gegebenen Machtverhältnisse. Der Täter kommt ungestraft davon. Wer schweigt, legitimiert die Gewalt. Unser Schweigen hält das sexistische System aufrecht. Auch wir stehen in der Verantwortung.

Dieser Prozess ist ein emotionales Minenfeld, ganz klar. Aber wenn wir Gleichberechtigung wollen, kommen wir um eine schmerzhafte Aussprache nicht herum. Jetzt, nach MeToo, ist es ist an uns, die Diskussion weiterzuführen; in die Tiefe zu gehen. Die privaten Gespräche sind so wichtig wie die öffentliche Debatte. Denn sie helfen Betroffenen, das Erlebte einzuordnen, die Gewalt zu erkennen und Scham und Schuld von sich zu weisen.

Intime Gespräche helfen aber auch jenen, die zuhören. Von den schmerzhaften Details eines Missbrauchs zu hören und die Folgen davon im Gesicht des Gegenübers ablesen zu können, löst etwas aus, das Schlagzeilen oder Hashtags nie könnten: Man begreift in aller Deutlichkeit und Rohheit, was Sexismus bedeutet.

Bist du oder jemand in deinem Umfeld Opfer von sexueller Gewalt geworden? Hier bekommst du Unterstützung: Opferhilfe.ch

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