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"Ich bin schon fast auf trotzige Art ich selbst"

von Melanie Biedermann

8 NOVEMBER 2019

Entertainment

Fünf Jahre nach ihrem ersten Album veröffentlicht FKA Twigs jetzt "Magdalene". Beim Treffen in ­London spricht die Sängerin über private Tiefschläge.

Da steht sie plötzlich: Tahliah Barnett. Ihr Label hatte uns in ihre Privatwohnung in London bestellt, doch dann plagte sie der Hunger. Wir treffen sie im Coffee Shop um die Ecke. Beides ist nicht wirklich normal bei einem Interview mit einer Künstlerin ihrer Grössenordnung. Aber FKA Twigs, kurz Twigs, wie Barnett sich seit Beginn ihrer Musikkarriere nennt, scherte sich nie um Standards.

"Ich bin schon fast auf trotzige Art ich selbst", sagt sie. Diesen Eigensinn hört man, wenn sie spricht: zackig und viel, wenn das Thema stimmt, einsilbig, wenn nicht. Und man sieht ihn ihr auch an: Die Britin trägt eine Art Rock, mehr Stoffstreifen, die kaum ihre Beine bedecken. Darüber lampt ein riesiger Pulli. Unter dem Fischerhut trägt sie mit feuerroten Strähnen verzwirbelte Zöpfe, die markanten Sommersprossen scheinen fast zu glühen.

FKA Twigs

"Das Training erdet mich"

Ihr eklektischer Look machte sie 2012 erstmals zum Cover-Gesicht des Magazins "i-D" und wenig später zum Stilstar der Modeszene. Damals hielt sich die ausgebildete Tänzerin noch mit vier weiteren Jobs über Wasser: Sie tanzte in Musikvideos, war Sozialarbeiterin, arbeitete an einer Bar und sang an Hochzeiten. Dann wurde Twigs’ Debütalbum 2014 für den renommierten Mercury Prize nominiert. Mit ihrem Mix aus entschleunigtem R’n’B, Techno und überspitzt sinnlichem Gesang schaffte sie den Spagat zwischen Underground und Mainstream. Selbst die kritische Musikpresse witterte eine nächste Popikone.

Mit der 31-Jährigen bei frischem Ingwer-Zitronen-Tee und Chia-Pudding über die letzten fünf Jahre ihres Lebens zu sprechen, fühlt sich, gelinde gesagt, seltsam an. Zu real. Im Kopf haben sich längst Bilder von Twigs als Cyber-Alien in der Wüste oder als hypersexy Fee, die sich um eine Pole-Stange schlängelt, eingebrannt. Letztere Szene stammt aus dem neuen Video zum Song «Cellophane».

Trennung, Umbrüche, Schmerz

Die meisten nahmen Twigs, die Ausnahmekünstlerin, erstmals als Freundin von Hollywoodstar Robert Pattinson wahr. 2017 trennte sich das Paar. Davon handelt auch "Magdalene", Twigs‘ neues Album. "Es ist aber kein Break-up-Album, es geht um Umbrüche", sagt sie. Das macht Sinn, das Album folgt schliesslich nicht nur auf einen, sondern auf eine Serie privater Tiefschläge: Im Mai 2018 sprach Twigs erstmals öffentlich über eine Operation, bei der ihr im Dezember 2017 sechs Gebärmuttergeschwulste entfernt wurden: "So gross wie zwei Kochäpfel, drei Kiwis und ein paar Erdbeeren – täglich eine Obstschale Schmerz", schrieb sie damals zum Insta-Post.

Die lange Pause zwischen den Alben war nötig, um emotional wie körperlich wieder auf die Beine zu kommen. "Für mich bedeutet das, den Fokus voll auf mich selbst zu legen und sehr viel zu lesen. Ich finde auch jede Form von Tanz sehr heilend." Über kreative Prozesse spreche sie nicht so gern, weil sie nur schwer Worte dafür finde.

Tief verwurzelt

Es passt, dass Twigs während dieser Heilungsphase die Idee zum "Cellophane"-Video kam. Um die irren Pole-Tricks zu meistern, trainierte sie sechs Monate lang unermüdlich. Zu einem normalen Tag gehören für sie noch heute je drei Stunden Pole und Martial Arts. "Danach dehne ich bis in die Nacht vorm Fernseher", erklärt sie. "Das Training erdet mich, auch emotional."

Man spürt eine tiefe Verwurzelung in ihr - mit ihrer Kunst, aber auch mit der Stadt London, wo bis heute ihre Mutter und die meisten engen Freunde leben. Die Verabschiedung ist wieder Popstar-untypisch: Sie umarmt. "Ich bin Indie-Künstlerin", sagt sie. Alles, was sie erreichen wolle, sei Menschen zu finden, die sie in ihrer Vision unterstützen. "Darum geht es doch: eine Gemeinschaft zu schaffen.»"

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