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"Für viele gehts bei einer Trennung ums Überleben"

von Gina Buhl

21 MAI 2019

Life

Für ihr neues Buch hat die norwegische Paartherapeutin Sissel Gran mit Menschen übers Schluss machen gesprochen. Im Interview hat sie verraten, warum ein Schlussstrich unser Leben retten kann.

Sissel, warum braucht es ein Buch über Schlussmacher? In Hollywood-Filmen, Theaterstücken, Romanen und Songs gehts fast ausschliesslich um diejenigen, die sitzengelassen werden. Seit Jahrzehnten kümmern sich Paartherapeuten in ihren Praxen um die gebrochenen Herzen von Verlassenen.

Und was ist da falsch dran? Nichts. Für Sitzengelassene kann die Trennung ja durchaus ein sehr traumatisches Erlebnis sein. Aus meiner Praxiserfahrung weiss ich aber, dass die meisten Menschen, die Schluss machen, ebenso angehört und unterstützt werden wollen. Vor einigen Jahren gabs eine Begegnung, die mir das ganz deutlich klar gemacht hat.

Erzähl. Ich hab eine E-Mail von einer Frau erhalten. Sie war geschieden. Obwohl die Trennung ihre Entscheidung war, hatte sie mit starken Schuldgefühlen und Zweifeln zu kämpfen. Sie wurde von Freunden ausgegrenzt, die sich auf die Seite ihres Partners gestellt hatten. Sogar ihre Familie hielt sie auf Abstand. Die Frau fühlte sich komplett allein gelassen und missverstanden.

Warum haben wir weniger Mitgefühl mit Menschen, die sich von ihren Partnern trennen? Weil wir wissen, wie schmerzhaft es ist, verlassen zu werden. Wir haben das Gefühl, dass wir auf diejenigen aufpassen müssen, die zurückgelassen worden sind. Dagegen halten wir die Person, die sich entscheidet zu gehen, oft für egoistisch – sie ist für uns der Verräter, der den Vertrag gebrochen hat.

Ist da was dran? Naja, die Frauen und Männer, die mir für das Buch ihre Geschichten erzählt haben, sind jahrelang durch die Hölle gegangen. Sie haben sich in ihrer Beziehung unsichtbar gefühlt und lange vergeblich darum gekämpft, sich wieder mit ihrem Partner zu verbinden.

Warum verharren viele von uns trotzdem in solchen Beziehungen? Weil wir Zeit und Vertrauen in unsere Partnerschaft investiert haben. Wir haben zusammen ein Zuhause erschaffen, vielleicht sogar Kinder gekriegt. Unser Partner ist ein Teil unseres eigenen emotionalen Selbst geworden. Durch ihn haben wir uns sicherer, grösser und mutiger gefühlt als es vor der Beziehung der Fall war. Wir haben schöne Erinnerungen an die gemeinsamen guten Zeiten.

Also bleiben wir und hoffen, dass sie wieder zurückkehren? Genau. Wir haben aber auch Angst vor dem Unbekannten: Werde ich alleine wirklich besser dran sein oder werde ich es für immer bereuen, dass ich gegangen bin? Solange wir auf bessere Tage hoffen, bleiben wir.

Was sind die Folgen davon? Viele haben mir erzählt, wie ausgebrannt und unglaublich leer sie sich gefühlt haben. Manche fanden ihr Leben todlangweilig, haben es als traurig und wertlos beschrieben. Eine Frau sagte, sie habe das Gefühl, an einem Beatmungsgerät zu hängen. Sie sehnte sich verzweifelt danach, wieder frei zu atmen. Einige haben sich selber jahrelang überredet, die Situation zu akzeptieren.

Aber was bringt das ihnen denn? Nichts – aber das zu begreifen ist hart. Und es dauert. Ausserdem wissen Menschen, die gehen wollen, oft nicht, was sie sagen sollen. Deshalb verschwinden sie dann einfach ohne Erklärung. Viele der Frauen und Männer, die meinem Buch zu Wort kommen, waren emotional quasi tot. Die Trennung war ein Akt des Überlebens.

Nach all den Gesprächen: Ist es schwieriger, Schluss zu machen oder verlassen zu werden? Ich glaube, es wird immer schwieriger sein, verlassen zu werden. Wenn du gehst, war das deine eigene Entscheidung – auch wenn sie äusserst schmerzhaft ist. Aber: Beide Parteien werden am Ende gewinnen. Sehr wenige Menschen bleiben nach einer Trennung für immer unglücklich oder unzufrieden. Mehr als neunzig Prozent – ob es sich um die verlassene Person oder die Person handelt, die sich entschieden hat zu gehen – finden einen neuen Weg und ein gutes Leben, entweder mit einer neuen Liebe oder als zufriedene Einzelperson.

"Ich verlasse dich, weil ich leben will" von Sissel Gran, jetzt erschienen bei Herder

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