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"Trauer ist zu gross, um sie allein bewältigen zu können"

von Gina Buhl

3 OKTOBER 2019

Life

Wie fühlt sich Trauer eigentlich an? Und wie schafft man es, sie in den Alltag zu integrieren? Wir haben mit Trauerbegleiterin Barbara Lehner gesprochen.

Frau Lehner, wie fühlt sich Trauer an? Kann man sie mit einem anderen Schmerz vergleichen? Wenn Sie schon mal Liebeskummer hatten, können Sie einen Teil des Trauerschmerzes erahnen: Trauernde sagen, es fühle sich besonders am Anfang ununterbrochen so an, als würde ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen. Als würde ihr Herz innerlich zerreissen. Später beschreiben einige den Trauerschmerz als loderndes Feuer, dichte Nebelschwaden oder dunkle Wolken. Ganz oft gehen mit der Trauer auch Verspannungen oder Bauchschmerzen einher.

Kann man eigentlich vortrauern, also sich auf einen bevorstehenden Tod einstellen? Wer einen schwerkranken Angehörigen bis zum Tod begleitet, erlebt immer wieder Momente der Trauer und des Abschieds: etwa wenn er oder sie ins Hospiz muss. Man trauert also bereits angesichts des anstehenden Abschieds vor. Wenn die Person dann stirbt, fühlt es sich nach Erleichterung an: Die Person hat es nun hinter sich. Mit der Zeit kommt aber auch hier der Schmerz. Deshalb kann es sehr hilfreich sein, vor dem Tod miteinander über den endgültigen Abschied zu sprechen. Das ist sicher nicht einfach, baut aber auf beiden Seiten Druck ab.

Warum fällt das Trauern vielen Menschen so schwer? Trauern macht verletzlich und bedürftig. Wenn ein Mensch stirbt, erleben wir uns selbst anders und sind uns manchmal fremd – das macht Angst. Ausserdem ist unsere Gesellschaft darauf ausgelegt, dass wir funktionieren und dass wir alles allein schaffen müssen. Da stört dieser Ausnahmezustand natürlich. Trauer braucht Gemeinschaft; Orte und Menschen, bei denen ich mich aufgehoben fühle. Denn das Thema ist zu gross, um es allein bestreiten zu können. Männer haben oft besonders Mühe, sich dem Thema zu öffnen.

Frauen können also besser trauern? Ich denke, dass es Frauen aufgrund ihrer Sozialisation oft leichter fällt, über ihre Gefühle zu sprechen. Ausserdem kennen viele Geburtsschmerzen, und die ermöglichen neues Leben. Für Männer bedeutet Schmerz, dass sie verwundet sind. Er fühlt sich lebensgefährlich an. Ausserdem passt Trauer nicht zum Rollenbild vieler Männer – stark bleiben, den Schmerz ignorieren. Es braucht für sie oft noch mehr Mut, sich zu öffnen und zu erfahren, dass Trauern auch innerlich entlasten kann.

Barbara Lehner

Trauerbegleiterin

"Ich glaube nicht, dass es im Sinne der Verstorbenen ist, wenn man sich im Schmerz wälzt."

Wie bewältige ich Trauer im Alltag, in dem man, wie Sie erwähnt haben, funktionieren muss? Ich vergleiche den Druck des Verdrängen-Müssens gerne mit einem Dampfkochtopf: Wir wollen funktionieren. Das erzeugt im Innern Überdruck, der sich dann in Aggression, Wut oder Konzentrationsschwäche äussert. Um das zu vermeiden, ist es wirklich wichtig, dass ich mir genug Zeiten einräume, in der ich traurig sein darf: Dass ich einen Spaziergang mehr mache oder zu Hause einen Ort der Erinnerung einrichte, an dem zum Beispiel die Musik höre, die mich tröstet.

Gibts sonst noch etwas, das ich tun kann? Manche haben auch ein Tagebuch, in dem sie Gespräche mit dem verstorbenen Menschen führen. Es hilft auch Daten wie Geburtstag, Todestag oder Weihnachten ganz bewusst zu gestalten. Ich rate den Trauernden in der Begleitung an solchen Tagen frei zu nehmen und zum Beispiel Orte zu besuchen, an denen man zusammen war.

Viele haben ja auch ein schlechtes Gewissen, wenn sie zwischendurch fröhlich sind. Ja, es fühlt sich für sie wie Verrat an. Ich glaube aber nicht, dass es im Sinne der Verstorbenen ist, wenn man sich im Schmerz wälzt. Hinter dem schlechten Gewissen steckt oft auch Angst.

Vor was? Davor, die Verbindung zu dem geliebten Menschen zu verlieren. Die Nähe kann aber auch in unbeschwerten Momenten weitergelebt werden.

Was, wenn es gar nicht aufhört, weh zu tun? Wenn man über Wochen an Schlaflosigkeit leidet, der Schmerz sich bodenlos anfühlt, man sich gar nicht mehr entspannen kann oder wenn Trauernde schon vorher gesundheitliche Schwierigkeiten hatten, sollte man sich unbedingt Hilfe holen. Das gleiche gilt, wenn mehrere Verluste in kurzer Zeit geschehen oder jemand unerwartet stirbt. Aber es muss einem nicht total schlecht gehen, um Trauerbegleitung oder psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Was raten Sie Freunden oder Angehörige im Umgang mit Trauernden? Bietet konkret Hilfe an. Sagt: “Ich gehe einkaufen, was kann ich dir mitbringen?”, “Ich fahre nach XY, willst du mitkommen?”. Vermeidet Aussagen wie: "Meld dich, wenn du etwas brauchst". Trauernde haben oft nicht die Kraft, sich zu melden. Auch wichtig: Entwickelt ein Bewusstsein für die besonderen Tage wie Todestag, Geburtstag oder Muttertag und setzt ein kleines Zeichen der Zuwendung wie ein SMS, eine Blume, ein kleines Geschenk. Das zeigt Betroffenen, dass sie und ihre Liebsten nicht vergessen gehen und ist enorm tröstlich.

Barbara Lehner ist freischaffende Theologin und Expertin für Trauerbegleitung und Trauerrituale. Zusammen mit Antoinette Brem bildet sie Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter aus und engagiert sich im Verein Familientrauerbegleitung. Weitere Infos findet ihr hier.

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