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Eine Traumforscherin erklärt, warum wir gerade so wirr träumen

von Gina Buhl

16 APRIL 2020

Health

Seit dem Lockdown träumt Redaktorin Gina Buhl fast jede Nacht von sehr absurden Dingen. Warum das so ist, hat sie im Gespräch mit Traumexpertin Brigitte Holzinger herausgefunden.

Angefangen hat es mit einer wilden Verfolgungsjagd, bei der ich vor einer überdimensional grossen Raupe fliehen musste. Beim nächsten Mal traf ich mich mit meiner BFF aus dem Chindsgi auf einen vergifteten Drink – und dann flog ich in hohem Bogen aus der Maturaprüfung. Seit Wochen träume ich nur noch komplett abgefahrene Sachen.

Weil mich diese crazy Träume teilweise stundenlang beschäftigen, hab ich mich natürlich mit meinen Freunden und Arbeitskolleginnen darüber ausgetauscht und ziemlich schnell festgestellt: Auch ihre Träume sind seit dem Lockdown very wild.

Ich will wissen, warum

Natürlich will ich unbedingt herausfinden, was genau die Coronakrise mit unseren Träumen macht – und wie ernst ich diese Raupen-Träume nehmen sollte. Deshalb wende ich mich per Mail an die Psychologin Brigitte Holzinger, die das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien leitet. Ihre Antwort? Auch sie habe festgestellt, dass Träume sich verändert haben. Umso gespannter greife ich zum Hörer.

Frau Holzinger, Sie haben mir geschrieben, dass Sie meine Beobachtungen teilen. Was genau haben Sie bemerkt? Tatsächlich haben auch mir viele Klientinnen und Bekannte erzählt, dass sie zur Zeit viel mehr träumen als sonst – und zwar nicht unbedingt angenehme Dinge...

Albträume? Genau. Es sind zwar nicht immer quälende Albträume, die sie jede Nacht hochschrecken lassen – aber man kann schon sagen, dass die Pandemie viele bis in die Träume verfolgt und die Schlafqualität dadurch stark beeinflusst.

Wie erklären Sie sich das? Naja, es gibt da ganz plausible Gründe: Zum einen schlafen viele gerade mehr und haben endlich den Kopf dafür, Erlebtes wirklich einzuordnen. Zum anderen ist das Virus ja eine reale Bedrohung, die gleichzeitig für einige nicht wirklich greifbar ist. Die Sorgen darüber kann man tagsüber vielleicht verdrängen, doch im Traum tauchen sie wieder auf. Es kann aber auch daran liegen, dass den meisten mittlerweile sehr wohl bewusst ist, wie gefährlich Corona ist. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Traumforschung, die eine steile These dazu aufgestellt haben.

Und die lautet? Es gibt in der internationalen Community Forschende, die sich fragen, ob das vermehrte Auftreten von Albträumen Anzeichen einer Art "kollektiven Traumatisierung" ist. Die Kollegen gehen sogar soweit, dass sie den Begriff einer posttraumatischen Belastungsstörung in den Raum stellen.

Das klingt ernst. Ja, ich würde auch nicht ganz so weit gehen. Denn diese Zuschreibung spielt die Diagnose von Menschen, die tatsächlich unter den heftigen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, herunter. Aber wir haben eben für solch neue Situationen noch keine passenden Traumatisierungs-Definitionen. Am treffendsten erscheint es mir, von "Dauerstress" zu sprechen – und der wirkt sich bekanntlich ja auch auf unseren Schlaf aus.

Warum träumen wir denn überhaupt? Ich bezeichne Träume gerne als eine Art kleine Psychotherapie. Es gibt viele Studien, die belegen, dass wir mit ihnen jede Nacht psychohygienische Massnahmen betreiben. Im wissenschaftlichen Jargon nennt sich das Emotionsregulierung: Träume erinnern uns daran, dass etwas wichtig ist und noch verarbeitet werden muss. Mit ihrer Hilfe lernen wir auch, mit der aktuellen Krisensituation umzugehen.

Mir haben auffällig viele Freundinnen erzählt, dass Sie in letzter Zeit von Verflossenen geträumt haben. Was hat das mit Corona zu tun? (lacht) Mein Team und ich interpretieren Träume nicht. Wir widmen uns mit unserer Methode, der "Dream Sense Memory", der sinnlichen Erinnerung von Träumen. Wir sind nämlich davon überzeugt, dass der Traum immer sinnliche Verarbeitung von tagsüber oder früher Erlebtem ist, kombiniert mit den Erfahrungen, die dadurch entstanden sind.

Wobei hilft ihre Methode konkret? Träumende haben oft blinde Flecken. Wir sprechen mit ihnen und unterstützen sie dabei, sich ihren Träumen nicht auf der Verstandesebene zu nähern, sondern zu fragen: Wie hat sich das angefühlt? Woher kenne ich dieses Gefühl? Leider vergessen wir vieles davon schnell, wenn wir wach sind, obwohl wir so viele Schlüsse daraus ziehen könnten.

Ein Traum hat also immer etwas zu bedeuten – egal wie absurd er ist. Ich bin davon überzeugt, dass ein Traum tut, was er tun soll, während er stattfindet. Letztlich weiss aber nur die oder der Träumende wirklich, womit sich der Traum beschäftigt. Insofern deute ich nicht, aber man darf natürlich assoziieren.

Wann träumen wir eigentlich besonders intensiv? Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass Erwachsene in Krisensituationen am meisten träumen – etwa bei Naturkatastrophen oder im Krieg. Ich meine mit Krisen aber nicht nur negative Erlebnisse. Es können auch Situationen sein, die eine Lebensveränderung hervorrufen, wie die Geburt eines Kindes. Und auch wenn wir an einen fremden Ort in die Ferien fahren, träumen wir viel mehr. Das liegt daran, dass wir eben viel mehr Eindrücke sammeln, die wir dann im Schlaf verarbeiten müssen.

Manche sehr intensiven Träume begleiten einen ja den ganzen Tag. Wie geht man am besten damit um? Ich würde den Traum möglichst rasch – vielleicht sogar noch während des Aufwachens – so detailliert wie möglich aufschreiben. Wichtig ist, dass ich mir notiere, was sich auf der Gefühlsebene getan hat. Natürlich kann ich das auch einfach jemandem Vertrauten erzählen, aber das Schreiben an sich hat ja eine entlastende und Einsicht fördernde Wirkung.

Kann ich als Laie überhaupt die richtigen Schlüsse aus meinen Träumen ziehen? Ich weiss gar nicht, ob es darum geht. Träume sind sehr komplex, fast wie ein Kunstwerk. Klar, als Betrachterin möchte man Schlüsse daraus ziehen – das Kunstwerk möchte aber vor allem auf der sinnlichen Ebene wirken. Deshalb sehe ich die Träume jetzt gerade auch als grosse Chance. Nebst all der Unsicherheit und Angst können sie nämlich auch sehr reinigend sein. Sie geben uns die Chance, genauer hinzuschauen und aufzuräumen.

Dr. Brigitte Holzinger ist weltweit eine der führenden Expertinnen im Bereich Traum- und Schlafforschung sowie in der Behandlung von Schlafstörungen und Albträumen. Gerade untersucht sie mit einem Fragebogen, inwiefern sich Corona auf unsere Träume auswirkt.

Falls ihr noch tiefer abtauchen wollt, hier einige Literaturempfehlungen:

- "Anleitung zum Träumen"

- "Schlafstörungen: Psychologische Beratung und Schlafcoaching"

- "Was macht der Eisbär in meinem Bett?"

- "Träume, was du träumen willst"

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