männlichkeit
Lea Franke

"Toxische Männlichkeit hat schlimme Folgen"

von Marie Hettich

30 JANUAR 2019

Life

Im gestrigen "Club" auf SRF wurde über toxische Männlichkeit debattiert. Wir haben mit dem britischen Autor Jack Urwin über sein Buch "Boys Don't Cry" gesprochen – und über die fatale Unfähigkeit von Männern, Gefühle zuzulassen.

Jack, kannst du dich daran erinnern, wann du das letzte Mal geweint hast? Ehrlich gesagt: nein. Es passiert leider so selten. Ich glaube, ich habe mir das Weinen im Lauf der Jahre abtrainiert.

Du denkst, das geht? Wenn man sein Leben lang diese Körperfunktion unterdrückt, weil man ein Mann ist und sich dafür schämt, kann man das nicht einfach wieder rückgängig machen. Aber es gibt ein paar andere Dinge, die ich ganz gut draufhabe.

Und zwar? Vor drei Jahren kam ich an einen Wendepunkt in meinem Leben und habe mir vorgenommen, künftig offener mit meinen Gefühlen umzugehen. Nach der Trennung von meiner damaligen Freundin habe ich viel über mich nachgedacht und realisiert, dass ich mir ohne ihre Hilfe wahrscheinlich nie eingestanden hätte, dass ich Depressionen habe. Bisher waren es immer die Frauen in meinem Leben, die mir dabei geholfen haben, ein besserer, gesünderer Mensch zu werden. Ich finde das unfair. Wir Männer können uns doch nicht ein Leben lang auf Frauen verlassen.

Wieso bist du davon überzeugt, dass es nicht nur dir so geht? Mein Vater ist mit 51 an einem Herzinfarkt gestorben und hat niemandem von seinen Schmerzen in der Brust erzählt, nicht mal meiner Mutter. Nach seinem Tod hat sie ein Medikament in seiner Jackentasche gefunden. Ich war damals neun. Ums Verrecken keine Schwäche zeigen zu wollen, ist ein universelles Problem, das Männern oft zum Verhängnis wird – und ihr ganzes Umfeld darunter leiden lässt. Das Leben ist doch eindeutig zu kurz, um sich so zu verhalten.

Im selben Jahr hast du auf Vice.com den Artikel "A Stiff Upper Lip Is Killing British Men" veröffentlicht, worin du Männer aufforderst, endlich mit dem Reden anzufangen. Hat es dich überrascht, dass der Text viral ging? Total. Ich habe mich darauf gefasst gemacht, dass sich vielleicht eine Handvoll Leute bei mir melden und mich für schwul erklären. Aber dann wurde der Text bereits am ersten Tag Zehntausende Mal geteilt. Spätestens als sich die bekannte Feministin Laurie Penny bei mir meldete, ich soll doch bitte sofort ein ganzes Buch über Männlichkeit schreiben, war mir klar, dass ich offenbar einen Nerv getroffen hatte.

Und dann hast du tatsächlich ein Buch geschrieben. Ja – und dabei erst realisiert, wie verdammt viel es zu dem Thema zu sagen gibt.

Zum Beispiel? In "Boys Don’t Cry" geht es um toxische Männlichkeit in all ihren Facetten. Toxisch, also giftig, gefährlich, wird es, wenn Männer traditionell männliche Tugenden wie zum Beispiel Mut und Tapferkeit so verstehen, dass sie ihre Gefühle für sich behalten und immer stark sein müssen. Das hat schlimme Folgen, die niemand leugnen kann: Bei uns im Westen ist die Selbstmordrate von Männern bis zu viermal höher als die von Frauen. Männer gehen seltener zum Arzt, weshalb Krankheiten oft viel zu spät diagnostiziert werden. Oder schauen wir uns das Thema Alkohol an: Mehr Männer als Frauen werden süchtig, weil sie sich nicht helfen lassen, sondern versuchen, ihre Probleme wegzusaufen.

Wie siehts mit Gewalt aus? Auch ein klassisches Symptom toxischer Män­n­lichkeit. Man weiss zum Beispiel, dass häusliche Gewalt drastisch zunimmt, sobald sich die Wirtschaftslage verschlechtert. Diese Männer überkompensieren ihre Arbeitslosigkeit, weil sie sich dadurch entmannt fühlen. Heutzutage ist das sowieso alles viel komplexer – früher haben sich Männer schon allein deshalb maskulin gefühlt, weil sie im Gegensatz zur Frau arbeiten gegangen sind. Und heute arbeiten die meisten Frauen selbst. Ja, sie haben bewiesen, dass sie alles können, was Männer können – deshalb fühlen sich viele Männer jetzt nutzlos.

Ein unlösbares Problem? Eigentlich nicht! Frauen haben ihren Horizont erweitert, werden in der Arbeitswelt immer wichtiger – und haben sich trotzdem traditionell weibliche Eigenschaften wie Empathie und Fürsorge beibehalten. Wir Männer konnten uns bisher leider noch nicht dazu aufraffen, uns ebenfalls ein paar Qualitäten beim anderen Geschlecht abzuschauen. Dabei wäre die Welt dann definitiv ein friedlicherer und schönerer Ort.

Was hältst du von Aussagen wie "Männer sind halt so, sie können gar nicht anders"? Ach, das sind blöde Ausreden. Bis heute ist sich die Wissenschaft nicht darüber einig, ob ein erhöhter Testosteronspiegel wirklich aggressiver macht. Eine aktuelle Studie sagt sogar das Gegenteil: Er besänftige den Mann. Es ist doch im Übrigen auch sehr beleidigend, zu behaupten, dass wir unser Verhalten nicht kontrollieren können und als jederzeit gewaltbereite Vergewaltigungsmaschinen durch die Welt marschieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Gender-Stereotype von Menschen gemacht sind – also können wir sie auch wieder verändern.

Bist du inzwischen ein glücklicherer Mensch? Absolut. Mittlerweile akzeptiere ich allermeistens, wenn es mir mal nicht gut geht. Ausserdem rede ich viel öfter mit meiner Verlobten und sogar mit meinen Freunden über meine Gefühle – das tut gut. Und ich kümmere mich generell besser um mich, mache etwa Spaziergänge, weil ich gemerkt habe, wie meine Psyche unter Bewegungsmangel leidet. Als Resultat von all dem bin ich nun in einer Beziehung, die so gut und liebevoll ist, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte.

Wie ist der Mythos der Männlichkeit entstanden – und wieso fürchten sich die meisten Männer davor, nicht männlich genug zu sein? Welche Konsequenzen hat das und was können wir ändern? Jack Urwin ist mit "Boys Don't Cry" ein Buch gelungen, das so essenziell ist, dass es in Schulen Pflichtlektüre werden sollte.

Dieser Text ist erstmals im Mai 2017 erschienen. Anlässlich der aktuellen Debatte um toxische Männlichkeit publizieren wir das Interview noch einmal.

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