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Lukasz Wierzbowski

"Auch schnelles Autofahren kann ein Anzeichen für Suizid sein"

von Gina Buhl

18 SEPTEMBER 2019

Health

Eine neue Studie des Bundesamts für Gesundheit zeigt, dass rund 33'000 Schweizerinnen und Schweizer innerhalb eines Jahres versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Ein Psychologe gibt Tipps zur Prävention.

In der Schweiz sterben laut Bundesamt für Gesundheit jeden Tag zwei bis drei Personen durch Suizid – doch wie die gerade publizierte Schweizerische Gesundheitsbefragung von 2017 zeigt, ist das nur die Spitze des Eisbergs. Denn Daten über Suizidgedanken und -versuche lagen bislang nur wenige vor.

Im Auftrag des BAG wurde nun aber mit Hilfe von Zahlen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung zu Suizidgedanken und selbst berichteten Suizidversuchen, erstmals solche Daten analysiert. Die Ergebnisse sind erschreckend: Im Vorjahr haben nämlich rund 33’000 Menschen versucht, sich das Leben zu nehmen – Männer und Frauen ungefähr gleich häufig.

Geringe Bildung und Einsamkeit

Am höchsten sind die Zahlen bei Menschen mit geringer Bildung: In den zwölf Monaten vor der Befragung hat im Schnitt jede tausendste Person mit einem Hochschul- oder Fachhochschulabschluss einen Suizidversuch unternommen. Bei denjenigen, die die obligatorische Schule abgeschlossen haben, waren es 13 von 1000. Auch auffällig: Oft steht Einsamkeit in Zusammenhang mit Suizidgedanken. Mehr als ein Fünftel (22,9%) der Personen, die einen Suizidversuch unternommen haben, fühlen sich ziemlich bis sehr häufig einsam.

Dementsprechend schwer fällt es diesen Menschen, darüber zu reden. Fast ein Viertel der Personen, die einen Suizidversuch begangen hatten, sprachen danach mit niemandem darüber. "Dabei könnte gerade dies helfen", so Esther Walter, Projektleiterin für Suizidprävention beim BAG im Gespräch mit dem "St. Galler Tagblatt".

So könnt ihr helfen

Auch Psychotherapeut Gregor Harbauer, Leitender Psychologe der Privatklinik Hohenegg und Mitglied des Forums für Suizidprävention und Suizidforschung FSSZ bestätigt das. Nach dem ersten Suizidversuch sei das Risiko für weitere Suizidversuche nämlich erhöht. Auch Angehörige können Hilfe leisten, wenn sie vermuten, dass ein Mensch darüber nachdenkt, sein Leben zu beenden. Nur wie? Wir haben mit dem Psychotherapeuten Gregor Harbauer darüber gesprochen.

Herr Harbauer, was sind erste Warnsignale, dass jemand suizidgefährdet ist? Bei Menschen, die man besser kennt, würde ich grundsätzlich sagen, dass unerklärbare Veränderungen über längere Zeit ein wichtiger Marker sind. Vielleicht zieht sich ein sonst sehr geselliger Freund immer häufiger zurück, sagt regelmässig Verabredungen ab oder meldet sich deutlich weniger. Vielleicht macht er auch Bemerkungen wie "Ich weiss nicht, ob ich am Montag nochmal komme". Oder er setzt sich konkret mit dem Thema Tod auseinander.

Aber davon bekomme ich meistens ja gar nichts mit, oder? Doch – das kann auch schon das überstürzte Abschliessen einer Lebensversicherung sein, das plötzliche Interesse für Risikosportarten oder die Vorliebe für schnelle Autos, mit denen man auf einmal jedes Wochenende mit 200 Sachen herumfährt und dann davon erzählt.

Zählen auch äusserliche Veränderungen dazu? Es können körperliche Veränderungen auftreten, ja. Vielleicht duscht jemand nicht mehr so häufig, verliert deutlich an Gewicht oder nimmt stark zu. Auch Erschöpfung oder Schlafstörungen zählen dazu. Oder jemand konsumiert plötzlich viel Alkohol oder Drogen, obwohl er das vorher nie gemacht hat. Was mir an der Stelle wirklich wichtig ist: Diese Warnsignale treffen selbstverständlich nicht auf alle suizidalen Menschen zu.

Okay. Und wie sieht der erste Schritt aus, wenn ich diese Veränderungen über längere Zeit feststelle? Wenn ich merke, dass etwas nicht stimmt, ist es ganz wichtig, es direkt anzusprechen, zuzuhören und nachzuhaken.

Gregor Harbauer

Psychotherapeut

Es kann sein, dass die Person im ersten Moment irritiert reagiert und fragt, was damit gemeint ist. Dann heisst es: Konkret werden und nicht lange um den heissen Brei rumreden.

Ich stelle mir das unheimlich schwer vor, so etwas anzusprechen. Stellen Sie sich einfach die Frage: Was würden Sie einer Freundin sagen, die sich offensichtlich sehr verändert hat und beispielsweise plötzlich regelmässig Alkohol trinkt?

Vielleicht: Hey, ist alles in Ordnung mit dir? Genau, das ist schon mal ein guter Einstieg. Im Falle von Suizidalität sollten Sie auch Ihre Sorgen äussern und sagen: "Du, ich hab den Eindruck, du bist ein bisschen anders. Ich mache mir Sorgen." Es kann sein, dass die Person im ersten Moment irritiert reagiert und fragt, was damit gemeint ist. Dann heisst es: Konkret werden und nicht lange um den heissen Brei rumreden.

Also die Suizidgefahr ganz konkret ansprechen? Ja. Menschen, die suizidal sind, stecken in einer Lebenskrise. Und zwar so akut, dass sie keinen Ausweg finden. Und weil sie keinen Ausweg finden und ihr Leidensdruck unerträglich wird, kommt irgendwann die Idee: Ich könnte das alles auch einfach beenden. Die Angst ist aber, dass sie ihre Verzweiflung bei niemandem platzieren können und nicht ernst genommen werden. Darum ist es wichtig, die Not zu erkennen und die Person direkt darauf anzusprechen: "Hast du schon mal daran gedacht, dir das Leben zu nehmen? Magst du mir davon erzählen? Ich höre dir gerne zu."

Was ist, wenn die Antwort Ja lautet? Da ist man doch erstmal sprachlos. Das ist möglich – aber damit muss man dann eben umgehen. Es ist ganz wichtig, die Situation ernst zu nehmen und nicht zu sagen: “Ach komm, schlaf mal drüber.” Sondern etwa: "Ohje, ohje. Das klingt nicht gut. Sag, was brauchst du jetzt gerade? Wie kann ich dir helfen?"

Gregor Harbauer

Psychotherapeut

Bagatellisieren ist das Schlimmste, was man machen kann.

Also Hilfe anbieten? Ja, in dem Rahmen, in dem es für mich möglich ist. Ich würde die Frage auch immer zurückgeben: "Was würde dir im Moment helfen?" Oder, "Was kann ich dir Gutes tun? Wie kann ich dich jetzt gerade unterstützen?"

Und was, wenn die Person abblockt und gar nicht mit einem sprechen will? Ich würde nachhaken: "Ich verstehe, dass es schwierig ist, darüber zu sprechen, aber ich mach mir ernsthaft Sorgen." In mir ist ja dieses ungute Gefühl und meine Freundin will nicht darüber sprechen. Entweder täusche ich mich also oder sie hat Angst, mir davon zu erzählen. Auch das würde ich so ansprechen.

Was sollte ich im Gespräch unbedingt vermeiden? Bagatellisieren ist das Schlimmste, was man machen kann. Sagen, dass man ein Bier trinken geht und dann alles wieder gut wird. Denn das haben die Betroffenen vermutlich schon gemacht. Alles, was sie sonst tun, um ihre Probleme zu lösen hat nicht geholfen – und darum wissen sie von alleine nicht weiter.

Was kann ich sonst noch tun? Ein guter Schritt ist immer, konkrete entlastende Unterstützung anzubieten: Also fragen, ob man jemanden anrufen kann oder zu einem Termin mitkommen soll. Oder vorschlagen: "Komm, wir gucken mal im Internet, was es für fachliche Unterstützung gibt." Wenn Angehörige selbst nicht mehr weiterwissen, gibts übrigens auch dafür Fachpersonen und Anlaufstellen.

Hier finden Betroffene und Angehörige Hilfe:

Dieses Interview ist vor einem Jahr bei Friday erschienen. Aus aktuellem Anlass publizieren wir es nochmal.

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