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So stehts in der Schweiz um #MeToo

von Gina Buhl

17 OKTOBER 2018

Life

Die Journalistin Michèle Binswanger war eine der ersten Frauen, die MeToo hierzulande thematisiert hat. Wir haben mit ihr über die Unterschiede zur USA, journalistische Verantwortung und die Zukunft von MeToo gesprochen.

Michèle, in den USA ist MeToo ein riesengrosses Thema. In der Schweiz deutlich weniger. Warum ist das so? Man muss sehen: Wir sind ein eher konservatives Volk mit traditionellen Rollenbildern und verhandeln Probleme lieber diskret. In den USA ist man schon viel sensibilisierter, was sexuelle Belästigung angeht. Ausserdem sind die Frauen, die die Debatte ins Laufen gebracht haben, aus dem Showbusiness und dementsprechend mächtig. Da besteht automatisch grosses Interesse – auch von Seiten der Medien.

Wer nicht berühmt ist, dem wird nicht zugehört? Natürlich nicht. Aber wenn eine Privatperson ihren Chef anklagt, stellt sich immer die Frage nach dem öffentlichen Interesse, nach der Schwere der Verfehlung und nach dem System, das dahinter steckt. Nicht zuletzt gehen Frauen, die solche Vorwürfe erheben und namentlich hinstehen, ein beträchtliches Risiko ein. Oft werden sie ausgegrenzt, angegriffen und diffamiert. Sie können eigentlich fast nur verlieren.

Immerhin zwei Fälle wurden in der Schweiz im letzten Jahr mehr oder weniger prominent abgehandelt. Ja, die Anschuldigungen gegen den damaligen Nationalrat Yannick Buttet und jene gegen den ehemaligen "Blick"-Chefredaktor Werner De Schepper. Im Fall von Buttet gab es auf den einschlägigen Newsportalen kein Halten. Täglich wurden neue Details ans Licht gezerrt und Druck auf die CVP gemacht, sich Buttets zu entledigen. Die gleichen Medien haben den Fall De Schepper totgeschwiegen, ihn gedeckt. Ich war eine der wenigen, die trotzdem berichtet hat, was passiert ist.

De Schepper wurde gedeckt? Als ich nachgehakt habe, warum nicht darüber berichtet wird, wurde mir gesagt: De Schepper interessiere die Öffentlichkeit nicht. Das ist eine seltsame Aussage – bei uns im "Tages-Anzeiger" wurde die Geschichte extrem häufig gelesen und geteilt. Zudem hat sich De Schepper nach dem Artikel für sein Verhalten unter Tränen bei seiner Redaktion entschuldigt, was man als eine Art Schuldeingeständnis interpretieren kann.

Wieso wurde der Fall dann trotzdem unter den Teppich gekehrt? Ich vermute, dass die Alpha-Tiere der Medienbranche, zu denen De Schepper gehört, zusammengehalten haben.

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Du hast vor einem Jahr Schweizer Frauen dazu aufgerufen, sich mit ihren MeToo-Erlebnissen an dich zu wenden, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Was ist dann passiert? Es haben sich sehr viele Betroffene gemeldet. Schon bald musste ich aber feststellen, dass die meisten Informationen journalistisch nicht verwertbar sind.

Warum? Unter MeToo wird ja vieles abgehandelt: Vom Alltagssexismus bis zum sexuellen Übergriff, Situationen im Club, in der Beziehung, am Arbeitsplatz. Umso mehr musste ich bei den privaten Erlebnissen abwägen: Ist die Geschichte von öffentlichem Interesse? Ist es ein Einzelfall oder sind viele betroffen? Steht ein System dahinter? Sind die Vorwürfe gravierend genug, um jemanden an den Pranger zu stellen? Sind die Quellen zuverlässig? Das grösste Problem bei meiner Recherche war, dass sich die meisten nur anonym äussern wollten – wenn überhaupt. So musste ich zum Beispiel einen Artikel über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, der bereits fertig und sehr allgemein gehalten war, spülen. Die Betroffene wollte unter keinen Umständen genannt werden.

Mit welcher Begründung? Sie fürchtete Nachteile für ihre berufliche Zukunft.

Mit der Wahl von Brett Kavanaugh musste MeToo kürzlich einen harten Rückschlag einstecken – oder wie siehst du das? Solche Bewegungen verlaufen nie linear, es ist ein vor und zurück. Aber ohne MeToo hätten wir gar nie von Frau Blasey Ford erfahren. Ihr Mut und ihr souveräner Auftritt hat Vorbildfunktion und das ist extrem wichtig – für alle Frauen, die solche Dinge erleben. Oft fühlen sie sich ohnmächtig und wissen nicht wohin mit ihren Erlebnissen.

Wie schaffen wir es, dass nicht alle in einem halben Jahr die Schnauze voll haben von MeToo? Ich glaube nicht, dass das im Fall von MeToo eintreffen wird. Es herrscht ja weitgehend Konsens darüber, dass ein Problem besteht, das man nicht länger akzeptieren will. Die grosse Frage, die wir uns bei MeToo jetzt stellen müssen ist, wie wir mit Vorwürfen umgehen. Und wie Männer und Frauen Strategien finden, sich zu versöhnen.

Michèle Binswanger ist Journalistin beim "Tages-Anzeiger", Buchautorin und wurde mehrfach als Journalistin des Jahres ausgezeichnet.

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