grosse frauen
Getty Images

So lebt es sich als 1.80-Meter-Frau

von Marie Hettich

11 SEPTEMBER 2018

Life

Seit ihrem 14. Lebensjahr ist Redaktorin Marie Hettich 1.80 Meter gross. Warum es nicht immer einfach ist, eine grosse Frau zu sein – Marie aber trotzdem nicht auf Heels verzichten will.

"Gott, bist du gross!" Ich weiss nicht, wie oft ich diesen Spruch in meinem Leben schon gehört habe. Von Arbeitskollegen, von Bekannten, von Wildfremden. Im Lift, im ÖV, im Ausgang. Jedes Mal lache ich künstlich, weil ich keine Ahnung habe, wie ich reagieren soll. Ehrlich wäre: "Ich weiss. Und jetzt?" Noch ehrlicher wäre, zu fragen: "Sprichst du jemanden, der auffallend klein, dick oder dünn ist auch darauf an?" Das muss man sich mal vorstellen: "Gott, bist du klein!" "Gott, bist du dünn!" "Gott, bist du dick!" Völlig selbstverständlich, dass so eine Bemerkung unverschämt wäre.

Offenbar gilt es als Privileg, gross zu sein. Zumindest bis zu einem gewissen Masse. Sobald Frauen über 1.90 Meter und Männer über zwei Meter gross sind, hört der Spass urplötzlich auf und die Bewunderung schlägt in Mitleid um. Ich bin kein Riese, aber liege mit meinen 1.80 Meter doch fast 17 Zentimeter über der durchschnittlichen Körpergrösse von Schweizer Frauen. Ausserdem liebe ich Schuhe mit Absatz und bin deshalb meist um die 1.85 Meter gross, sobald ich morgens das Haus verlasse. Dazu gleich mehr.

Ja, ich habe lange Beine, aber auch eine langen Oberkörper

Mir fallen genau zwei Vorteile zum Grosssein ein: Ich kann an Konzerten auch in der hinterletzten Reihe stehen und sehe trotzdem auf die Bühne. Und ich habe mir schon als Teenie mit Modeljobs gutes Geld dazuverdienen können. Dass an mir alle Klamotten wie angegossen sitzen, was komischerweise alle immer meinen, muss ich widerlegen: Ja, meine Beine sind lang. Mein Oberkörper aber eben auch.

Heisst: Wenn ich in ein Minikleid schlüpfe, sieht es an mir wie ein missratenes Longshirt aus. Kurz geschnittene Oberteile sind, wenn ich sie trage, bauchfrei. Enge Oberteile rutschen bei der ersten Bewegung in die Taille. Ich weiss nicht, wie der Körper einer Frau aussehen soll, die beim Shoppen keinerlei Probleme hat – meiner gehört definitiv nicht dazu.

Immer gesehen zu werden kann auch ein Nachteil sein

Dass grosse Menschen schneller gesehen und gehört werden, stimmt natürlich. Je nach Situation kann das ein klarer Vorteil sein. Aber auch ein Nachteil. Ich falle immer auf, auch an Tagen, an denen ich lieber unsichtbar durch die Welt huschen würde. An Apéros und Partys bin ich deshalb oft die erste, die sich einen Sitzplatz sucht oder zu Männern gesellt.

Ich hasse es nämlich, in einer Runde Frauen rumzustehen, die alle 10 bis 20 Zentimeter kleiner sind als ich. Es fühlt sich merkwürdig mütterlich an, so, als ich hätte ich eine besondere Verantwortung, als wär ich gar nicht Teil der Runde, sondern würde bloss als eine Art Aufsichtsperson oder Moderatorin dabeistehen. Ausserdem geht das ewige Nach-unten-Reden in den Rücken.

Hitzige Diskussionen mit meiner Mutter

Mit meiner Mutter hatte ich früher die hitzigsten Diskussionen über meine Kleider- und Schuhwahl: Sie hat es kaum ausgehalten, wenn ich – wie wohlgemerkt all meine Freundinnen auch – im Minirock und Heels in den Ausgang bin. Es ging ihr nicht in den Kopf, warum ich mit 1.80 Meter denn auch noch 10-Zentimeter-Hacken anziehen müsse. Vielleicht tragen manche Frauen ja tatsächlich hohe Schuhe, damit sie grösser sind und mehr wahrgenommen werden. Ich nehme diese Konsequenz lediglich in Kauf, weil ich meinen Modestil nicht meiner Körpergrösse unterordnen will.

Dass ich fast ausschliesslich Schuhe mit Plateausohlen oder ein paar Zentimeter Absatz trage, hat vor allem damit zu tun, dass ich, bis auf meine Doc Martens, Schuhe ohne Absätze einfach nicht schön finde: Sneakers sind mir zu sportlich, Ballerinas oder Loafers zu spiessig, klassische Boots zu alternativ. Während sich, so vermute ich mal, ausser vielleicht Croc-Liebhaber, die wenigsten Menschen für ihren Schuhgeschmack rechtfertigen müssen, muss ich das: Mir wurde schon des Öfteren unterstellt – von meinem Exfreund, von Familienmitgliedern, aber auch von fremden Leuten – dass ich bloss hohe Schuhe trage, um noch mehr alle Blicke auf mich zu ziehen, als ich es eh tue.

Souveränität wird vorausgesetzt

Ich glaube, dass ich schon mit 13 gespürt habe, dass meine Körpergrösse mein Leben prägen wird – plötzlich war ich grösser als alle anderen in meiner Klasse und ein paar Monate später hatte ich auch meine Mutter überholt. Wer in so jungen Jahren so viel Raum einnimmt und ständig für älter gehalten wird, muss schneller erwachsen werden, früher lernen, Position zu beziehen. Das Risiko, sich zu blamieren, ist viel höher, wenn gefühlt alle Augen auf einen gerichtet sind. Und da man sich als Pubertierende natürlich auf gar keinen Fall blamieren will, bringt man sich den souveränen Auftritt lieber ganz schnell bei – und vergisst dabei manchmal, dass es okay ist, auch ab und zu unsicher, verletzlich oder albern zu sein.

Ich bin fest davon überzeugt, dass grossen Menschen weniger Schwäche zugestanden wird. Nicht dass ich mich danach sehne, süss oder bedürftig zu wirken, aber als 1.80-Meter-Frau müssen oft erst Tränen fliessen, bis die anderen checken, dass gerade etwas gar nicht gut ist. Bei grossen Menschen wird Souveränität und Stärke vorausgesetzt – wenn sie es nicht sind, ist das für die meisten eine Riesenüberraschung.

Noch mehr von uns
Was hältst du von diesem Artikel?
  • :(
  • love it no Data :(
  • haha no Data :(
  • wow no Data :(
  • traurig no Data :(
  • wütend no Data :(
  • love it
  • haha
  • wow
  • traurig
  • wütend