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Ich bin ohne Flugi in die Ferien – und habs geliebt

von Gloria Karthan

17 JUNI 2019

Life

Für ihre Ferien hat Redaktorin Gloria statt eines zweistündigen Fluges eine zweitägige Anreise mit Schiff und Zug gewählt. Und sie würde es wieder genauso machen.

"Wieso tust du dir das an?" Das war eine der häufigsten Reaktionen auf meine Reisepläne. Und ganz ehrlich? Beim Anblick der Verbindung schoss mir dieser Satz auch immer wieder durch den Kopf: fast acht Stunden Zugfahrt bis zum Hafen in Ancona. Und von dort aus 16 Stunden mit der Fähre nach Albanien. Der Retourweg machte mich noch nervöser: 25 Stunden lang im Schneckentempo übers Mittelmeer, bevor ich meine Ferien mit einer siebenstündigen Zugfahrt abschliessen darf. Help!

Mein Freund und ich versuchen momentan, auf unnötige Flugreisen zu verzichten. Das heisst nicht, dass wir nie mehr fliegen oder nur noch in Europa Ferien machen werden. Aber wenns irgendwie möglich ist, steigen wir auf Bahn und Schiff um.

Mühsame Ferienplanung

Der Verzicht auf einen Kurzstreckenflug hat aber nicht nur einiges an Emissionen eingespart, sondern auch meinen Horizont erweitert und mich meine Einstellung zum Reisen hinterfragen lassen. Jetzt, wo ich die Monster-Reise hinter mir habe, muss ich sagen: Das war etwas vom Besten, was ich je gemacht habe.

Wer den Weg über Land und Wasser wählt, muss sich erst einmal überlegen, welche Ziele in der einem zur Verfügung stehenden Zeit überhaupt erreichbar sind und recherchieren, wie man sinnvoll von A nach B kommt. Obwohl ich Ferienplanung liebe, war die Vorbereitung also nicht ohne: unübersichtliche Buchungsseiten, hohe Preise und schlechte Zugverbindungen nerven und die Dumpingpreise der Fluggesellschaften lassen mich natürlich nicht kalt.

Zugreisen werden bequemer

Doch zum Glück gibts auch für Zugreisen Sparangebote – man findet sie nur nicht so einfach. Ausserdem solls aufgrund der hohen Nachfrage bald wieder mehr Nachtzüge geben und auch das Streckennetz wird laufend ausgebaut. Da geht was – wenn auch schleppend.

Wenn ich mit dem Flugzeug reise, spuckt es mich in kürzester Zeit an einem völlig anderen Ort aus – fast als hätte ich mich in die Ferien beamen lassen. Man steigt aus und steht in einer ganz anderen Landschaft, wird erschlagen von der Hitze oder erfährt erst via Durchsage, dass es am Ankunftsort regnet.

Die Blautöne des Meeres

Slow Travelling führt hingegen dazu, dass wir Distanzen besser einschätzen, indem wir sie bei der Reise eins zu eins wahrnehmen. Als ich beim Zugfahren aus dem Fenster geschaut habe, konnte ich sehen, wie das Klima immer mediterraner wurde.

Auf dem Schiff habe ich in einem fast meditativen Zustand beobachtet, wie sich die Blautöne des Meeres von Azur über Ultramarin bis Türkis verändert haben. Weil sonst ausser dem Horizont nicht viel zu sehen war, verfolgte ich, wie sich die Sonne ihm immer mehr annäherte. Bis zum grossen Finale: einem ultrakitschigen Sonnenuntergang.

Sonnenuntergang auf Schiff
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Der Sonnenuntergang auf der Rückreise – von unserer cosy Kabine aus.

Im Alltag hab ichs ständig eilig und bin aufgedreht und ungeduldig. Wie viele andere will ich normalerweise in meine verfügbaren Ferientage so viel Entspannung wie möglich packen. Ich will quasi so effizient wie möglich entschleunigen. Und da liegt das Problem. Schliesslich gehts beim Reisen auch darum, die Zeit einfach mal zu vergessen – und das konnte ich dieses Mal so gut wie noch nie.

Bei der Hinfahrt hat unser Schiff zwei Stunden später als geplant abgelegt. Funny: Ich habs nicht gemerkt. Gemeinsam mit den anderen Passagieren in der Abendsonne vom Deck aus zu beobachten, wie Dutzende Lastwagen zentimetergenau auf die Fähre manövriert werden, war einfach zu spannend. Wäre ich in der Zeit am Flughafen-Gate gesessen, wäre ich bestimmt durchgedreht.

Das Mindset, mit dem ich die Reise angetreten bin, war dieses Mal ein ganz ein anderes als sonst. Ich hab die Reise mit Zug und Schiff nicht als solche betrachtet, sondern bereits als Teil meiner Ferien – dabei geholfen hat sicherlich, dass ich in der bequemen Schiffskabine geschlafen habe wie ein Baby. Bisher fand ich die Redensart "Der Weg ist das Ziel" immer ultra abgedroschen. Jetzt muss ich allerdings sagen: Diese Reise hat sich für mich exakt so angefühlt.

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