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Steph Martyniuk

"Wer Kinder kriegt, sollte sich dazu berufen fühlen"

von Melanie Biedermann

18 MÄRZ 2019

Life

Die Kanadierin Sheila Heti philosophiert in ihrem neuen Roman über alternative Formen der Mutterschaft. Unsere Autorin wollte wissen, was das für sie als Single-Frau über 30 bedeutet.

Ich habe "Frauen und Kleider" geliebt. Als ich von Sheila Hetis neuem Buch las, fühlte ich mich wieder sofort angesprochen: In "Mutterschaft" stellt sich Sheila in ihren späten 30ern noch die Frage, ob Kinderkriegen das Richtige für sie ist.

Vor gut zwei Jahren bin ich nach London ausgewandert. Einerseits, weil mich das Leben im Ausland schon immer reizte, wenn ich ehrlich zu mir bin, aber auch deshalb, weil ich meine biologische Uhr ticken hörte; mein enges Umfeld in Zürich hatte sich zu Paaren formiert, die fast ausnahmslos im Nestbau angekommen waren. Ich selber war meilenweit davon entfernt.

Das Gefühl, dass mir die Zeit davon läuft

In einer Stadt wie London ist eine kinderlose Single-Frau Anfang 30 das Normalste der Welt. Wie oft man mir dort entgegnet, ich hätte doch noch so viel Zeit, macht mich allerdings eher stutzig als entspannt. Und das Gefühl, dass mir die Zeit davon läuft, dass ich mich endlich entscheiden müsste, ob ich Kinder möchte, wurde ich nicht los.

Zum Zeitpunkt als ich Sheila Hetis neues Buch in den Händen hielt, war ich immerhin zu etwa 90% davon überzeugt, dass ich auch ohne Kinder glücklich werden kann. Als man mir anbot, der Autorin Fragen zu stellen, zögerte ich trotzdem keine Sekunde.

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Angela Lewis

Sheila Heti hat sich gegen Kinder entschieden – und zweifelt manchmal immer noch daran.

Sheila, ich bin 33, Single, ich hatte nie eine ernsthafte Beziehung und weiss bis heute nicht, ob ich je Mutter werden möchte. Muss ich mir Sorgen machen? Was um Himmels Willen gäbe mir das Recht, darüber zu urteilen?

Ich bin sicher, dass viele Leute genau das tun. Aber vielleicht fühlst du dich ohne Kinder frei, vielleicht bist du besonders kreativ, hast viele Freunde, einen Job, der dich erfüllt; Dinge, die deinem Alltag Bedeutung und Tiefe geben – wenn du so glücklich bist, ist das doch wunderbar.

Ich glaube wirklich, dass ich auch ohne Kinder ein glückliches Leben führen kann. Aber wer sagt mir, dass ich das in fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch so sehe? Uns wird vermittelt, dass jeder, der Kinder hat, froh darüber ist. Und das ist schlicht falsch, es gibt durchaus Frauen, die ihre Entscheidung bereuen. Wenn du keine Kinder willst, lass es. Niemand ist dazu verpflichtet, Mutter zu werden. Ich sehe Mutterschaft viel eher als Berufung, wie auch Kunst oder Politik. Wenn du weder das Bedürfnis noch Kapazität oder Interesse an Kindererziehung hast, warum solltest du es tun?

Ich hatte diese innere Gewissheit, dieses "Eines Tages will ich Mutter sein", nie. Trotzdem habe ich Angst, dass der Kinderwunsch irgendwann plötzlich aus dem Nichts kommt. Es ist ja auch wichtig, sich zu hinterfragen. Ich glaube, dass man nur glücklich sein kann, wenn man sich selber gut kennt. Gleichzeitig sollten wir uns nicht darauf verlassen, dass wir nur wissen müssen, was wir wollen und alles wird gut. Das Leben hat oft seine eigenen Pläne für uns.

Es gibt ja auch gute Gründe, die gegen Kinder sprechen. Die Umweltkrise zum Beispiel. Ich glaube, es gibt tatsächlich viele Leute, die sich der Umwelt zuliebe gegen Nachwuchs entscheiden. Aus dieser Perspektive ist es für den Planeten klar das Beste, keine oder weniger Kinder zu haben. Es geht dabei nicht nur um Ressourcen – man hat auch schlicht mehr Zeit, sich um die Welt zu kümmern. Aber manchmal löst das Kinderkriegen auch überhaupt erst aus, dass Menschen sich ums Wohl der Welt kümmern.

Für einen Grossteil der Gesellschaft gehören Kinder noch immer zum absoluten Glück dazu. Glaubst du, jemand der sich definitiv gegen Kinder entscheidet, muss die Erziehungsaufgabe mit etwas anderem ersetzen, um ein erfülltes Leben zu führen? Ich glaube, jeder hat in der Welt eine Rolle zu erfüllen. Für manche gehört Kinderkriegen dazu, andere brauchen mehr als Kinder – und Leute ohne Kinder brauchen einen anderen Weg, etwas beizutragen. Ich kann mir keine Person vorstellen, die sich nur mit Dekadenz und konstantem Genuss zufrieden gibt.

Sheila Heti

Ich hatte immer das Gefühl, dass die Gesellschaft kinderlose Frauen als weniger feminin ansieht als Mütter.

Eins geht mir nicht in den Kopf: Du schreibst im Buch, kinderlose Frauen werden noch immer als Bedrohung wahrgenommen. Die einzige Gefahr, die mir einfällt, ist dass die Beziehungen zu Freunden mit Kindern leiden, wenn man selbst keine hat. Ja, das sehe ich ähnlich. Es besteht die Gefahr, dass sich Leute ohne Kinder von jenen mit entfernen. Es wird schwieriger, Freundschaften aufrechtzuerhalten, weil Kindererziehung Zeit und Hingabe fordert.

Ich selber habe mir die Frage nie gestellt, aber du stellst sie im Buch: Wie beeinflusst die physische Fähigkeit, Mutter zu werden, meine Weiblichkeit? Ich hatte immer das Gefühl, dass die Gesellschaft kinderlose Frauen als weniger feminin ansieht als Mütter. Interessant, dass du das nie gespürt hast. Aber auch wundervoll.

Glaubst du, die Machtbalance wäre eine andere, wenn Männer ebenfalls Kinder austragen könnten? Ein schöner Gedanke! Natürlich wäre alles radikal anders, wenn Männer Kinder in ihren Körpern tragen könnten wie wir. Nur schon auf der symbolischen Ebene. Ich glaube auch, dass ich die Notwendigkeit, selber Mutter zu werden weniger stark spürte, weil mein Vater bei uns zuhause viel mehr die Mutterrolle eingenommen hat als meine Mutter es je tat.

Wie können wir das Stigma kinderloser Frauen lockern? Das wird vermutlich schrittweise und mit der Zeit passieren, sobald mehr und mehr Frauen ohne Kinder bleiben. Statistiken zeigen, dass jüngere Frauen nicht mehr so scharf aufs Kinderkriegen sind. Ich glaube, das ist alles, was es braucht.

Müssen wir intensiver über alternative Elternmodelle nachdenken? Ich denke dabei auch an all diejenigen, die Kinder wollen, aber auf natürlichem Weg keine kriegen können. Wir müssen alle Mutterschaft individuell für uns selber definieren. Meine Figur im Buch findet ihre Mutterrolle etwa in einer Art spiritueller Verpflichtung ihren Vorfahren gegenüber statt sich über eigene Kinder zu definieren. Ich persönlich finde auch die Idee interessant, die Kindererziehung mit Freunden zu teilen. Das Kind hätte den Einfluss von mehr als zwei Erwachsenen, die Eltern hätten Hilfe von ihren Freunden und die Freunde hätten ein Kind in ihrem Leben. Ich glaube, Familien sind oft zu insular, und das ist für niemanden gut.

Zweifelst du manchmal an deiner eigenen Entscheidung, keine Kinder zu haben? Natürlich. Aber seit dem Buch hat sich mein Blick verändert. Mein Leben fühlt sich heute erfüllt an, obwohl es nicht all die Dinge einschliesst, die unsere Gesellschaft für ein erfülltes Leben als nötig erachtet: Ich habe eine Beziehung zu meinen Vorfahren, zu meinen Freunden, mir selber und meiner Kreativität, aber auch zur Welt und meiner Verantwortung in ihr. Und wie könnte es mir dabei nicht gut gehen?

Sheila Heti kommt am Mittwoch, 20. März, mit ihrem Roman "Mutterschaft" ins Kaufleuten nach Zürich. Hier gibts mehr Infos.

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