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Online-Kleiderbörsen haben ein Problem mit sexueller Belästigung

von Milena Schneider

4 DEZEMBER 2019

Fashion

Immer mehr Kundinnen sollen auf Online-Kleiderbörsen sexuell belästigt werden - das bestätigen auch Frauen aus der Friday-Community. Was die Unternehmen zu den Vorwürfen sagen.

Auf hierzulande populären Online-Kleiderbörsen wie Facebook Marketplace, Kleiderkreisel oder tutti.ch soll es gemäss unserer Leserinnen immer mehr Fälle sexueller Belästigung geben. In einer Community-Umfrage, in der wir wissen wollten, wer auf Online-Kleiderbörsen schon mal belästigt wurden, haben wir einige schockierende Nachrichten erhalten:

Friday-Leserin Anja*

"Kürzlich habe ich über Facebook Marketplace ein paar Klamotten verkauft und Fotos ohne Gesicht hochgeladen. Daraufhin haben mir mehrere Typen geschrieben, ob ich ihnen weitere Bilder mit Gesicht schicken könne – und ob sie die Kleider besichtigen kommen könnten. Das waren alles ältere Männer."

Friday-Leserin Lena*

"Ich wurde auf Facebook Marketplace immer wieder angegraben, wenn ich ein Kleidungsstück mit Ausschnitt verkaufen wollte und Trage-Fotos hochgeladen hatte. Manche Männer wollten das Teil dann kaufen, Bralettes zum Beispiel. Oder einer meinte: Du hast das schönste Dekolleté der Welt."

Friday-Leserin Tanja*

"Auf Kleiderkreisel habe ich mal folgende Nachricht erhalten: Hey, das klingt jetzt zwar etwas blöd, aber würdest du vielleicht deine getragenen Socken verkaufen? Wenn nicht, ignoriere diese Nachricht bitte einfach."

Friday-Leserin Lara*

"Mir wollte schon zwei Mal jemand über Kleiderkreisel Leggings abkaufen, hat dann aber geschrieben, ich soll das Teil erstmal eine Woche lang am Stück tragen, bevor ich es schicke. Einmal hatte ich auch einen, der ein T-Shirt kaufen wollte und plötzlich fragte, ob ich ihm eine gebrauchte Unterhose mitschicken könnte. Ich habe die App dann gelöscht."

Friday-Leserin Anouk*

"Ich wollte über tutti.ch einen BH verkaufen. Letzte Woche erhielt ich dann einen Anruf von einem Mann, der mich fragte, ob ich auch Slips anbiete. Er fragte mich ausserdem, ob ich die Wäsche einige Tage lang tragen könne und wünschte sich eine persönliche Übergabe. Als mir dann langsam dämmerte, worum es hier geht, meinte er, er hätte gern, dass ich ihm dabei zuschaue, wie er sich auf meine Unterwäsche einen runterholt. Ich habe ihn dann sofort blockiert. Leider ist es offenbar schwierig, diese Leute von den Plattformen fernzuhalten."

Wir haben die genannten Portale um eine Stellungnahme gebeten. Natacha Blanchard, Medienverantwortliche bei Kleiderkreisel, meint zum Thema: "Wir haben keine spezifischen Zahlen, aber wir wissen, dass es solche Fälle gibt. Unsere Richtlinien machen deutlich, dass wir keine Belästigung auf unserer Plattform zulassen, und wir ergreifen die notwendigen Massnahmen, wenn wir darüber informiert werden." Wie Depop empfiehlt auch Kleiderkreisel, den Nutzer im Falle einer Belästigung zu melden und zu blockieren. "Je nach Schwere des gemeldeten Verstosses können wir den Inhalt entfernen und/oder das Benutzerkonto sperren", so Blanchard. Ausserdem sei die App strikt ab 18.

Bei Facebook wiederum können sich schon 13-Jährige anmelden. Das knappe Statement des Kommunikationsverantwortlichen Johannes Prüller: "Wir schränken die Verwendung explizit sexueller, möglicherweise zu einer Kontaktaufnahme führender Sprache ein. Zudem haben wir einen Leitfaden entwickelt, der auch in Fällen der sexuellen Belästigung Anwendung findet." In diesem Leitfaden wird geraten, verdächtige Personen bei Facebook zu melden und zu blockieren. In schlimmen Fällen sollte man sich laut Facebook an die Polizei wenden.

"Frauen erleben in allen Lebensbereichen Übergriffe"

Patrizia Negri, Medienverantwortliche bei tutti.ch sagt: "Uns werden äusserst selten Fälle sexueller Belästigung gemeldet." Tutti.ch ist eine Gratis-Plattform ab 18 – die für Nutzer aber auch ohne Anmeldung zugänglich ist. "Wir kontrollieren die erste Kontaktaufnahme und können so potenziell unangemessene Nachrichten blockieren." Die weitere Kommunikation erfolge ausserhalb der Plattform, weshalb nicht ausgeschlossen werden könne, dass solche Fälle auftreten. "Sollte es zu einem solchen Vorfall kommen, raten wir, dies umgehend der Polizei zu melden und unseren Kundendienst zu informieren. Wird uns unangemessenes Verhalten gemeldet, prüfen wir dies selbstverständlich umgehend und sperren den Nutzer, sofern sich der Verdacht erhärtet."

Der Frauenberatung Zürich, einer Anlaufstelle für weibliche Opfer sexueller Gewalt jeglicher Art, sind bis jetzt keine Fälle auf Online-Kleiderbörsen bekannt. Bettina Steinbach von der Frauenberatung meint: "Frauen erleben jedoch in allen Lebensbereichen sexuelle Übergriffe. Deshalb kann ich mir dies natürlich auch auf Online-Kleiderbörsen vorstellen."

Genau hier liegt das Problem: Frauen werden sexuell belästigt – ob im Web oder im echten Leben. Einen umfassenden Schutz wird es wohl nie geben können. Dennoch sollte so viel wie möglich für unsere Sicherheit getan werden – die Plattformen tragen Verantwortung.

*Namen von der Redaktion geändert

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