sexuelle belästigung alltag
Stocksy

Achtung, die Sexisten sind im Frühlingsmodus

von Marie Hettich

27 MÄRZ 2019

Life

Wir Frauen müssen uns das ganze Jahr mit sexueller Belästigung herumschlagen. Im Frühling nimmt das Ganze aber besonders absurde Ausmasse an.

Vor der Europaallee in Zürich stellte sich mir letzten Donnerstag aus dem Nichts ein Typ in den Weg, breit grinsend, mit verschränkten Armen. Daneben stand eine ebenso breit grinsende Männertruppe – ich vermute, es waren seine Arbeitskollegen.

Ich wich ihm wortlos aus und ging mit klopfendem Herzen weiter. Ein paar Schritte weiter hörte ich, wie er "Gott, was ist denn das für eine" zu seiner Truppe sagte – in einem ziemlich unangenehm-aggressiven Tonfall, und ganz sicher extra so laut, damit ich es auch hören konnte.

Luftküsse aus dem Auto

Keine Stunde später überquerte ich einen Zebrastreifen und hörte schmatzende Luftküsse aus einem wartenden Auto – zwei Typen lehnten grölend aus ihren offenen Fenstern. Noch ein Beispiel: Am Sonntagabend blieben auf der Strasse drei Männer zeitgleich stehen und musterten mich in aller Ruhe von oben bis unten. Als ich mich ein paar Meter weiter umdrehte, gafften sie immer noch.

Videoclips, Filme und Werbespots, die Summerfeeling versprühen wollen, zeigen genau diese Art sexueller Gruppen-Belästigung: Ein paar Freunde liegen am Strand, eine Frau geht vorbei, alle drehen genüsslich ihre Köpfe, pfeifen, lachen, kommentieren ihren Körper.

Vom Objekt zum Subjekt

Im Winter könnte man glatt vergessen, was sich am helllichten Tag auf der Strasse so alles abspielen kann. Jeder huscht mit dicker Jacke und gesenktem Kopf von A nach B. Doch jetzt ist Ende März, es ist Frühling, die Sonne scheint. Und was passiert? Plötzlich wird wieder gegafft und gepfiffen, als gäbe es nach den kalten Monaten etwas nachzuholen. Als wären 16 Grad auf dem Thermometer der Wake-up-Call, Frauen auf offener Strasse endlich wieder wie Objekte zu behandeln.

Eigentlich habe ich mir angewöhnt, darauf zu reagieren, sobald mich ein Typ angafft, mir hinterpfeift oder einen Spruch klopft. Ich finde es wichtig, sich vom stummen Objekt in ein sprechendes Subjekt zu verwandeln – meist sind die Typen dann komplett überrascht. Aber eine ganze Männergruppe ist etwas anderes. Plötzlich hat man nicht mehr nur ein Gegenüber, sondern gleich mehrere. Und das macht Angst.

Mutige Männer

Das nächste Mal will ich trotzdem reagieren. Denn: Was soll mir am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit schon gross passieren? Gleichzeitig hoffe ich, dass immer mehr Männer allmählich damit beginnen, gegen den Strom zu schwimmen. Dass sie den Mut haben, in ihrer Männertruppe der Allererste zu sein: der Allererste, der das Richtige tut. Der Gillette-Werbespot liefert ja schon mal ein paar Ideen.

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