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Robert Rieger

"Ich lasse mich nicht auf meine Hautfarbe reduzieren"

von Anna Janssen

14 OKTOBER 2019

Life

Vor zehn Jahren hat Sara Nuru "GNTM" gewonnen. Mittlerweile ist die 30-Jährige auch Unternehmerin – und hat sich intensiv mit ihrer äthiopischen Herkunft auseinandergesetzt. Heute erscheint ihr Buch "Roots".

Gratulation zu deinem Buch! Wie kams dazu? Als ich angefragt wurde, ein Buch zu schreiben, hatte ich erstmal den typischen Frauengedanken: Was soll ich denn zu sagen haben mit meinen 30 Jahren? Doch dann habe ich gemerkt, dass ich mir in meiner Umorientierungsphase vom Model zur Unternehmerin Bücher gewünscht hätte, die zeigen, dass es okay ist, sich zu verändern. Ausserdem fand ich es hinsichtlich der aktuellen politischen Lage in Deutschland wichtig, die erfolgreiche Integrationsstory meiner Familie zu erzählen.

Welche Werte haben dir deine Eltern mitgegeben? Definitiv Zusammenhalt. Sie haben mir vermittelt, dass das Gemeinwohl wichtiger ist als das des Einzelnen. Meine Mutter hat immer gesagt: Schau nie auf die, die mehr haben als du, sondern immer auf die, die weniger haben. Das hat mich sehr geprägt.

Du hast immer wieder erzählt, dass du in deiner Kindheit in Bayern keinen Rassismus erlebt hättest. Gab es später Situationen, in denen du damit konfrontiert warst? Nur, weil ich keinen Rassismus erlebt habe, heisst das natürlich nicht, dass es bei anderen auch so gewesen ist. Es ist sowieso auch immer Auslegungssache: Ich könnte auch sagen, ich erlebe jeden Tag Rassismus. Wenn ich zum Beispiel, wie vorhin, am Flughafen auf Englisch angesprochen werde, war das dann, weil ich schwarz bin oder weil es ein internationaler Flughafen ist? Natürlich wurde ich schon blöd angemault. Ich lasse mich nur nicht auf meine Hautfarbe reduzieren. Denn ich wurde nicht blöd angemault, weil ich schwarz bin, sondern weil mein gegenüber ein Vollidiot ist.

Hast du dich in Deutschland jemals fehl am Platz gefühlt? Fremd habe ich mich nie gefühlt, auch wenn mir bewusst war, dass ich anders aussehe. Als ich aber das erste Mal nach Äthiopien gereist bin, war ich geschockt. Ich hatte zwar die gleiche Hautfarbe, aber dort war ich Europäerin – die Deutsche, nicht die Afrikanerin. Danach hatte ich einen richtigen Identitätskonflikt.

Was bedeutet für dich Heimat? Heimat ist für mich ein Gefühl von Wärme – eine innerliche Wärme. Heimat ist dort, wo ich akzeptiert werde und mich selbst sein kann.

Was war das eindrücklichste Erlebnis bei deiner ersten Reise nach Äthiopien mit 14? Meine erste Reise war wie ein klassischer Familienurlaub inklusive Sightseeing, da meine Eltern uns die schönen Seiten ihres Landes zeigen wollten. Als ich dann mit 19 mit einer Hilfsorganisation im Landesinneren bei den Menschen zuhause war, wurde ich mit der extremen Armut konfrontiert. Mich hat das sehr getroffen, dass für uns selbstverständliche Sachen wie fliessendes Wasser dort ein extremer Luxus sind.

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Robert Rieger

Du modelst heute weniger als früher. Da neben meinem Business weniger Zeit bleibt, wähle ich heute meine Modeljobs ganz genau aus. Nach zehn Jahren in der Branche kann ich das zum Glück.

Was hat dir die ganze Erfahrung rund um "Germany’s next Topmodel" gebracht? Als einfaches Mädchen aus Bayern plötzlich drei Monate in der Welt unterwegs zu sein, hat mich definitiv erwachsener gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich vieles schaffen und aushalten kann, wovon ich dachte, das pack ich nie. GNTM hat mein Selbstbewusstsein definitiv gesteigert.

Wie bist du auf die Idee gekommen, das Social Business Nuru Coffee und den Verein Nuru Women zu gründen? Meine Schwester Sali und ich wollten das Land unserer Eltern aus einer neuen Perspektive zeigen – weg von den klassischen Bildern von Armut und Dürre. Da Äthiopien das Ursprungsland des Kaffees ist, war das Produkt für uns nahe liegend und eine Möglichkeit, den wirtschaftlichen Handel vor Ort zu unterstützen. Bei meiner Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation Menschen für Menschen habe ich dann gesehen, dass Frauen am stärksten von Armut betroffen sind. Mit Mikrokrediten wollen wir diesen Frauen eine Chance geben, finanziell unabhängig zu sein.

Wie ist es, mit deiner Schwester zusammen zu arbeiten? Ich lebe noch (lacht).

So schlimm? Nein, Quatsch. Es ist schön, gemeinsam etwas aufzubauen und sich dabei blind vertrauen zu können. Wir sind immer komplett ehrlich miteinander. Das kann teilweise aber auch verletzend sein. Damit wir nicht nur Business-Partnerinnen sind, sondern auch noch Schwestern bleiben, haben wir für uns strikt arbeitsfreie Zeiten eingeplant. Das klappt allerdings noch nicht ganz so gut, weil wir den Job halt auch sehr gerne machen.

Wie kannst du einen nachhaltigen Lifestyle mit deinem Beruf als Model vereinbaren? Berufsbedingt muss ich leider viel fliegen, aber in meinem Privatleben versuche ich, möglichst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fahrrad oder zu Fuss unterwegs zu sein. In meinem Alltag in Berlin ist das total gut möglich. Was Mode anbelangt, stöbere ich gerne in Flohmärkten oder Second-Hand-Läden. Ausserdem tausche ich mit meinen drei Schwestern oft Kleider, um dem ständigen Konsum entgegenzuwirken.

Hast du einen Tipp für Quereinsteigerinnen? Traut euch, nach Hilfe zu fragen – ihr müsst nicht alles selber können! Gerade als Quereinsteigerin setzt man sich oft total unter Druck, weil man sich unbedingt beweisen will. Dabei es ist völlig okay zuzugeben, dass einem etwas nicht so liegt. Und dann kann man sich umso mehr auf die eigenen Stärken konzentrieren.

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Los ging Sara Nurus Leben im Scheinwerferlicht mit 19 als "Germany's Next Topmodel". Mittlerweile besteht ihr Alltag nicht mehr bloss aus Laufstegen und Fotoshootings. Sie hat sich intensiv mit Äthiopien, dem Heimatland ihrer Eltern, auseinandergesetzt, und zusammen mit ihrer Schwester das Social Business Nuru Coffee und den Verein Nuru Women gegründet. Von dieser Transformation erzählt das tolle Buch "Roots", das Sara Nuru zusammen mit der Autorin Sarah Borufka geschrieben hat.

"Roots" von Sara Nuru, Goldmann-Verlag, Fr. 22.90

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