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Darum betrinken sich immer mehr junge Frauen

von Gloria Karthan

27 NOVEMBER 2019

Health

Laut einer neuen Erhebung hat sich die Anzahl junger Rauschtrinkerinnen in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Wir haben Expertinnen und Experten gefragt, woran das liegen könnte.

Diese Woche hat das Bundesamt für Statistik neue Zahlen zum Alkoholkonsum der Schweizerinnen und Schweizer veröffentlicht. Demnach hat sich der Anteil Personen, die täglich Alkohol konsumieren, in den letzten 25 Jahren halbiert. Doch die Zahl jener, die sich mindestens einmal im Monat betrinken, ist gestiegen.

Besonders krass: Beim Rauschtrinken haben junge Frauen in den letzten zehn Jahren stark aufgeholt. Bei den 15- bis 24-Jährigen verdoppelte sich der Anteil Frauen, die sich mindestens einmal pro Monat betrinken, von 12 auf 24 Prozent. Bei den Männern stagnierte die Quote in den letzten Jahren bei rund 30 Prozent und nimmt mittlerweile wieder leicht ab.

Marketing und Gleichberechtigung

Woran liegts, dass sich doppelt so viel junge Frauen regelmässig betrinken als noch vor zehn Jahren? "Die Alkoholproduzenten haben ihr Marketing stark auf junge Frauen ausgerichtet und sprechen diese zielgerichtet im Internet und auf Social Media an", sagt Markus Meury, Mediensprecher von Sucht Schweiz.

Die Angleichung der Geschlechter spiele ebenfalls eine Rolle: "Frühere Generationen haben den Frauen Zurückhaltung auferlegt, weil es sich 'nicht gehöre', dass Frauen viel Alkohol trinken." Das sei heute nicht mehr der Fall. Zudem würden junge Frauen mehr ausgehen als früher.

Normen wirken weniger stark

Das bestätigt auch Genderforscherin Silvia Müri von der Uni Basel: "Lange Zeit wurden Frauen bestraft zum Teil sogar weggesperrt – wenn sie ein zu lebendiges Partyleben hatten." Das komme heute zwar nicht mehr vor, dennoch würden Frauen, die sich in Bezug auf ihren Alkohol- und Drogenkonsum sowie ihre Sexualität gleich frei und exzessiv wie ihre männlichen Altersgenossen verhalten, sozial geächtet und beschimpft – etwa als "Schlampe".

Silvia Müri

Genderforscherin an der Universität Basel

"Es kann sein, dass die gesellschaftlichen Normen bei jungen Frauen nicht mehr so stark wirken."

Dass es nun mehr junge Frauen gebe, die sich einmal pro Monat in den Rausch trinken, könne "darauf hinweisen, dass die gesellschaftlichen Normen bei jungen Frauen nicht mehr so stark wirken wie noch 2007", so Müri. Es sei allerdings wichtig, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. "Um Genaueres herauszufinden, müsste man weitere Nachforschungen anstellen."

Rauschtrinken kann zu Abhängigkeit führen

Fest steht: Es hat definitiv Auswirkungen auf junge Menschen, wenn sie sich einmal im Monat volllaufen lassen. "Studien haben gezeigt, dass man mit regelmässigem Rauschtrinken in jungen Jahren die Basis für eine spätere Abhängigkeit legt", sagt Markus Meury von Sucht Schweiz. Das Hirn gewöhne sich an den starken Alkoholkonsum und werde später, etwa in Krisen, wieder davon angezogen.

Dominique Schönenberger

Mediensprecherin der Suchtfachstelle Zürich

"Junge Rauschtrinkerinnen gehören eher nicht zu denen, die eine Beratung suchen."

Die gesundheitlichen Folgen von Rauschtrinken unterscheiden sich laut Meury unter den Geschlechtern: "Bei gleichem Körpergewicht und gleicher Menge Alkohol erreicht der Alkoholgehalt im Körper der Frau einen um etwa 20 Prozent höheren Wert." Wegen der höheren Blutalkoholkonzentration hätten Frauen auch ein höheres Risiko für Leber-, Herz-, und Gehirnschäden als Folge des Alkoholkonsums.

Laut Dominique Schönenberger von der Suchtfachstelle Zürich suchen trotz des Anstiegs nicht mehr junge Frauen Hilfe. Die Mediensprecherin erklärt sich das folgendermassen: "Junge Rauschtrinkerinnen und Rauschtrinker gehören eher nicht zu denen, die eine Beratung in Anspruch nehmen." Das Problem bestehe schliesslich immer nur in einem spezifischen Moment, beim Partymachen. "Ihnen fehlt vielleicht noch das Problembewusstsein."

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