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Anna Tea

Sätze, die wir uns bei psychisch Erkrankten verkneifen sollten

von Stephanie Vinzens

17 AUGUST 2019

Health

Wenn Angehörige an psychischen Erkrankungen leiden, fehlen uns häufig die richtigen Worte. Wir haben mit einer Psychiaterin über die Dos and Don'ts gesprochen.

Für Nicht-Betroffene ist es nur schwer vorstellbar, was Angehörige mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, bipolarer Störung oder Angststörungen gerade durchmachen. So voller Sorgen gibt man schnell mal Sätze von sich, die zwar gut gemeint sind, aber leider das Gegenteil von seelischem Komfort bewirken.

Wir haben mit Dr. Annette Brühl, stellvertretende Chefärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, über die häufigsten Fettnäpfchen gesprochen und Tipps eingeholt, wie wir es besser machen können.

  • "Denk positiv, auch das wird vergehen!"
    Auch wenn psychische Erkrankungen von Aussen nicht erkennbar sind: Man kann sie sich ebenso wenig schöndenken wie ein gebrochenes Bein. Solche Kopf-Hoch-Reden führen laut Annette Brühl deshalb eher dazu, dass Betroffene sich unverstanden fühlen: "Viele werden sich denken: 'Du hast keine Ahnung, wie es mir geht. Positiv zu denken liegt gerade einfach nicht drin. Das habe ich lange versucht – und versuche es immer wieder.'"

    Besser: "Ich bin für dich da – egal ob du reden, weinen oder einfach nur schweigen willst."
    Zu zeigen, dass man sich sorgt und für die Person da ist, ist einer der wichtigsten Aspekte im Umgang mit psychisch Erkrankten.
  • "Als es mir mal schlecht ging, habe ich XY gemacht..."
    Einen schlechten Tag zu haben oder traurig zu sein, hat nichts mit einer psychischen Erkrankung zu tun. Tut man so, als würde man die Betroffenen verstehen, obwohl man selbst noch nie unter einer vergleichbaren Krankheit gelitten hat, bagatellisiert man ihr Leid. "Das ist so, als würde man eine Erkältung mit einer Lungenentzündung vergleichen", erklärt die Expertin.

    Besser: "Was brauchst du jetzt? Kann ich dich bei etwas unterstützen?"
    Der Person zu signalisieren, dass Unterstützung da ist, kann ein toller Mutmacher sein.
  • "Versuchs mal mit Sport"
    Morgens aufstehen, sich anziehen, sprechen, kurz lächeln – Abläufe, die für die meisten völlig normal sind, kosten manche Menschen mit psychischen Erkrankungen ungeheuer viel Anstrengung. Gut gemeinte Ratschläge wie unter Leute zu gehen, oder es mal mit Sport, Meditation oder veganer Ernährung zu versuchen, wirken da wie ein Schlag ins Gesicht. "Für Betroffene gleicht jeder Schritt einem Marathon – bloss ist das von Aussen nicht erkennbar", so Annette Brühl.

    Besser: "Du bist trotzdem stark, ich bin stolz auf dich!"
    Statt unrealistische Lösungsvorschläge zu bringen, ist es wertvoller, den Betroffenen zu zeigen, dass man das Ausmass ihrer Erkrankung anerkennt und bereits kleine Schritte als Triumph ansieht.
  • "Du hast es noch gut im Leben – anderen geht es schlimmer"
    Psychische Erkrankungen sind kein Wettrennen, bei dem es darum geht, wer das schlimmste Leben hat – denn jede Person hat ein anderes Empfinden. So nehmen die betroffenen Menschen Situationen anders wahr, als psychisch gesunde Menschen. "Für viele Betroffene ist es besonders schlimm, zu merken, dass es ihnen schlecht geht, obwohl die meisten Dinge in ihrem Leben in Ordnung sind", so die Psychiaterin. Wie gut jemand Probleme bewältigen kann, ist zudem auch von Kindheitserfahrungen und biologischen Faktoren abhängig.

    Besser: "Was du durchmachst, muss sich schlimm anfühlen."
    Verständnis statt Vergleiche. Werden die eigenen Gefühle anerkannt, kann das Betroffenen Trost spenden.
  • "Was genau ist denn das Problem?"
    Mit dieser Frage können Betroffene unter Druck geraten, sich erklären zu müssen – was beinahe unmöglich ist. Denn es gibt nicht den einen Grund. Psychische Erkrankungen setzen sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammen. Viele sind den Betroffenen unbekannt oder können nicht von ihnen beeinflusst werden. "Die Person wird sich wahrscheinlich denken: 'Wüsste ich, was das Problem ist, hätte ich es schon längst gelöst'", so die Expertin.

    Besser: "Du bist mir wichtig, auch wenn du dich so fühlst."
    So erkennt man zwar an, dass es nicht ok ist, sich so zu fühlen, aber zeigt gleichzeitig auch: Ich mag dich und bin an deiner Seite – egal was kommt.
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