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"Je mehr Menschen sich outen, desto besser"

von Marie Hettich

19 FEBRUAR 2020

Life

Warum dauert das mit der Ehe für alle so lange? Und wie tolerant wird unsere Gesellschaft in 100 Jahren sein? Sozialpsychologin Tabea Hässler hat die Antworten rund ums Thema Queerphobie.

Frau Hässler, warum gibt es Orte, die als besonders queerfriendly gelten und Orte, an denen sich kaum ein schwules Paar getrauen würde, Hand in Hand spazierenzugehen? Einserseits ist natürlich die Politik entscheidend, also ob sie die Anliegen von LGBTIQ+ Personen voranbringt oder nicht. Dann spielt sicher die Religion eine Rolle: Auch heute noch wird in vielen Kirchen Queerphobie, also die Abwertung von queeren Personen, gerechtfertigt. Die Unterschiede haben aber auch damit zu tun, dass an manchen Orten die LGBTIQ+ Community schlicht sichtbarer ist.

Inwiefern? Wir wissen, dass heterosexuelle Personen, wenn sie wissentlich mit LGBTIQ+ Personen in Berührung kommen, ihre Vorurteile oft ganz automatisch hinterfragen – und dann feststellen, dass die Gruppe aus ganz unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Lebensläufen besteht. Das sieht man auch an den Abstimmungsergebnissen zum Diskriminierungsschutz: In den Städten, wo mehr queere Personen offen leben, war der Ja-Anteil deutlich höher als in den ländlichen Gegenden.

Das heisst: Je mehr Menschen sich outen, desto besser? Ja, mehr Sichtbarkeit ist wichtig – auch damit Personen, die nicht geoutet sind, Vorbilder haben. Eine Welt, in der ein Outing nicht mehr notwendig ist, weil sowieso alle gleichwertig behandelt werden, wäre natürlich wünschenswert. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg – und deshalb braucht es weiterhin Politikerinnen, die sich mit ihrer Freundin zeigen oder Arbeitskollegen, die beim Lunch ganz selbstverständlich vom Ski-Wochenende mit ihrem Freund erzählen. Aber: Ein Outing ist natürlich eine sehr individuelle Entscheidung und es gibt, je nach Kontext, auch gute Gründe, die dagegen sprechen.

Weiss man, welche Menschen LGBTIQ+ Personen besonders diskriminieren? Ja, dazu gibt es relativ viele Untersuchungen. Was sich immer wieder zeigt, ist dass vor allem ältere, konservativere, religiösere Menschen sowie Personen mit einer geringeren Bildung eine stärkere Queerphobie aufweisen. Oft sind es Leute, die eine klassische Rollenverteilung von Mann und Frau befürworten. Was uns in letzter Zeit immer wieder auffällt, ist dass auch Rechtsextreme die LGBTIQ+Community ganz stark abwerten. Und: Männer sind tendenziell eher queerphob als Frauen.

Warum ist das so? Im traditionellen Rollenbild gelten Männer als starke, kompetente Beschützer der Frauen. Deshalb werden vor allem homo- und bisexuelle Männer, aber auch trans Frauen angefeindet – sie werden schlicht als Bedrohung der Männlichkeit wahrgenommen. Männer, die weibliche Seiten an sich sehen, damit aber nicht umgehen können, oder auch solche, die sich selbst zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, äussern sich oft besonders queerphob. Deshalb passiert es immer wieder, dass homosexuelle, bisexuelle oder trans Personen von Menschen körperlich angegriffen werden, die selbst homo- oder bisexuell sind.

Kann man Queerphobie mit Sexismus oder Rassismus vergleichen? Absolut. Wann immer Menschen diskriminiert werden, geht es um die Trennung zwischen einem Wir, also zum Beispiel wir Heterosexuellen, wir Männer oder wir Schweizerinnen, und den anderen, also den LGBTIQ+ Personen, den Frauen oder den Ausländern.

Warum diese Abgrenzung? Als Menschen hängt unser Selbstwert stark davon ab, dass wir uns bestimmten Gruppen zugehörig fühlen. Und manche fühlen sich mit ihrer Gruppe besonders gut, wenn sie andere Gruppen abwerten. Dabei werden alle über einen Kamm geschert. Queere Personen werden beispielsweise pauschal als 'unmoralisch' abgestempelt. Schlussendlich gehts darum, die eigene Gruppe für die bessere zu halten und ihr damit auch mehr Macht zuzugestehen.

Aktuellen Umfragen zufolge ist die Ehe für alle in der Schweiz mittlerweile breit akzeptiert – sogar bei SVP- und CVP-Wählerinnen. Wie kann es sein, dass die Gesellschaft hier weiter ist als die Politik? Es liegt unter anderem an der direkten Demokratie, dass in der Schweiz alles ein bisschen länger dauert als in anderen Ländern. Wenn wir ins europäische Umland schauen, sind wir das Schlusslicht: In den Niederlanden, Frankreich oder Deutschland gibt es die Ehe für alle und auch den Zugang zur Samenspende schon lange.

Lässt sich einschätzen, wie tolerant unsere Gesellschaft in 100, 200 oder 500 Jahren sein wird? Nein. Aber man kann sich aktiv für eine offene Gesellschaft einsetzen – auch als heterosexuelle Person, indem man über Benachteiligungen nachdenkt, mit anderen darüber diskutiert – und dem Kollegen im Ausgang eben sagt, dass sein Witz auf Kosten von LGBTIQ+ Personen gerade völlig daneben war.

Dr. Tabea Hässler ist Sozialpsychologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Zürich. Zusammen mit Léïla Eisner von der Uni Lausanne hat sie eine grosse nationale Befragung von LGBTIQ+ Personen durchgeführt. Um zu verstehen, wie und warum sich die Lebensumstände von LGBTIQ+ Personen in der Schweiz im Laufe der Zeit verändern, wurde nun eine weitere Umfrage lanciert, an der auch heterosexuelle Personen teilnehmen können. Hier gehts zur Umfrage.

Du bist queer, möchtest dich vernetzen oder brauchst Hilfe? Ein paar Anlaufstellen:

milchjugend.ch

pinkcross.ch

los.ch

tgns.ch

lgbt-helpline.ch

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