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Verne Ho / Unsplash

“Psychische Gewalt kann Kinder kaputt machen”

von Stephanie Vinzens

8 FEBRUAR 2019

Life

Friday-Leserin Kim, 23, erzählte uns, wie sie sich wegen der psychischen Gewalt ihrer Eltern fast selbst verloren hätte. Nun sprechen wir mit einer Therapeutin darüber, was Eltern zu so einem Verhalten treibt.

Emotionaler Missbrauch ist die häufigste und wohl am wenigsten beachtete Form der Kindesmisshandlung. Dabei kann er ebenso schädlich sein wie körperlicher Missbrauch. Um eure Geschichten zu hören, haben wir Ende November einen Aufruf zum Thema gestartet und darauf erstaunlich viele Rückmeldungen erhalten, die gezeigt haben: Es besteht Redebedarf. In unserem Beitrag hat Friday-Leserin Kim, 23, von ihrer Kindheit und den Auswirkungen des Missbrauchs erzählt. Heute sprechen wir mit Sabine Brunner. Die Psychotherapeutin ist Expertin für Kindesschutz.

Frau Brunner, von Eltern sollte man annehmen, dass sie es immer nur gut meinen mit ihren Kindern. Auch wenn Eltern von liebevollen Gedanken geprägt sein mögen und sich – zumindest aus ihrer Sicht – Mühe geben: Manchmal überschreiten sie eben eine Grenze. Das ist dann weder lieb gedacht noch gut fürs Kind.

Wo fängt emotionaler Missbrauch überhaupt an? Das kann man nicht klar beantworten und deshalb ist emotionaler Missbrauch auch so schwierig zu fassen. Grundsätzlich beginnt er aber dort, wo das Kind leidet.

Die Grenzen sind oft schwammig. Durchaus. Die Manipulation ist ein gutes Beispiel hierfür. Auf eine Art wird jedes Kind von seinen Eltern manipuliert. Man versucht, es dazu zu bewegen, gewisse Dinge zu tun – mit ein wenig Druck, Schimpfen oder um den Finger wickeln. Das ist auch in Ordnung. Nimmt es jedoch solche Ausmasse an, dass das Kind keine Chance mehr hat, die eigenen Gefühle, den eigenen Willen wahrzunehmen, dann kippt es.

"Ich hätte dich abtreiben sollen. Du bist dumm. Wir stecken dich ins Heim. Hör auf zu flennen, Heulsuse." Was lösen diese Sätze in einem Kind aus? Solche psychische Gewalt kann Kinder kaputt machen. Sie drückt stark aufs Selbstwertgefühl und auf das Empfinden, geschätzt und geliebt zu werden – sie rüttelt an der Existenz des Kindes. In schweren Fällen beeinträchtigt das seine Entwicklung.

Inwiefern? Man kann beobachten, dass betroffene Kinder Mühe beim Sprechen haben oder ihre Motorik beeinträchtigt ist. Es kommt vor, dass ihre Leistung in der Schule abnimmt, weil sie sich schlecht konzentrieren können. Manchmal zeigt es sich auch in ihrem Sozialverhalten. Sie ziehen sich zurück oder werden aggressiv.

Seelische Gewalt kann also auch körperliche Folgen haben. Jede Art von Gewalt – auch psychische – kann körperliche Auswirkungen haben: Wie Kopf- oder Bauchschmerzen, zappelig sein, nicht richtig spielen können. Das sind Symptome, die uns mitteilen: Dieses Kind ist belastet.

Wie kann ich einem Kind helfen, wenn ich merke, dass hinter seiner Belastung emotionaler Missbrauch steckt? Es klingt sehr simpel, aber Betroffene erzählen mir, dass es ihnen am meisten geholfen hat, wenn jemand einfach interessiert war. An ihnen und an dem, was sie erlebt haben. Ihnen mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung begegnet ist.

Verstehen Kinder, dass ihnen Unrecht getan wird? Eben nicht unbedingt. Man wächst in einem Klima auf und nimmt es als Normalität hin. Gerade das ist so schwerwiegend.

Wann realisieren Betroffene, was Sache ist? Wenn sie älter werden, Leute kennenlernen und sehen, wie es in anderen Familien aussieht. So entdecken sie langsam, dass die schlechten Gefühle, die sie in sich tragen, vielleicht mit bestimmten Erfahrungen aus ihrer Kindheit zusammenhängen. Diese Erkenntnis ist aber meist ein langer, beschwerlicher Weg.

Schlechte Gefühle? Patienten berichten, dass sie unter Selbstwertproblemen leiden. Dass sie Mühe damit haben, Beziehungen einzugehen, weil sie im Umgang mit anderen Menschen unsicher sind. Dass sie sich teilweise nicht mehr gespürt haben und deshalb zu Substanzen gegriffen haben. Das Spektrum ist breit und reicht bis hin zu Depressionen und Suizidalität.

Wie unterscheiden sich die Folgen von denen körperlichen Missbrauchs?

Auch wenn man als Fachperson an den Verhaltensmustern manchmal erahnen kann, um welche Form des Missbrauchs es sich handelt: Die Auswirkungen sind meist sehr unspezifisch und auch von der individuellen Verarbeitungsform der Betroffenen abhängig. Somit kann man nicht sagen, dass es spezielle Unterschiede gibt.

Was treibt Eltern dazu, ihre Kinder schlecht zu behandeln? Psychische Störungen, eine toxische Beziehungsdynamik zwischen den Eltern oder verschiedene Belastungsfaktoren – etwa Arbeitslosigkeit, finanzielle Engpässe, Druck im Arbeitsleben oder fehlende Vernetzung. Je mehr Faktoren, desto höher das Risiko.

Betroffene berichten oft von narzisstischen Eltern. Das grosse Problem bei Narzissten ist, dass sie ihr Kind nicht als eigene Persönlichkeit wahrnehmen, sondern als Erweiterung ihres Selbst. Die Bedürfnisse des Kindes spielen also keine Rolle – es muss immer so sein, wie der narzisstische Elternteil es gerade will und sich durch dessen willkürlichen Stimmungsschwankungen schlängeln. Und wehe, das Kind erlaubt sich einen Fehltritt. Dann kriegt es grosse Probleme.

Sprechen Betroffene ihre Eltern auf den Missbrauch an, stossen sie meist auf taube Ohren – oder noch schlimmer: Man sagt ihnen, sie bilden sich alles nur ein. Das ist traurig, macht aber durchaus Sinn. Denn könnten diese Eltern ihr eigenes Verhalten reflektieren, würden sie ihre Kinder sehr wahrscheinlich fairer behandeln.

Zu den Formen emotionalen Missbrauchs gehören: Manipulation, psychische Gewalt, häufiger Streit in der Familie oder das Erleben von häuslicher Gewalt, emotionale Vernachlässigung und das Missbrauchen des Kindes als emotionale Stütze.

Hast auch du emotionalen Missbrauch erlebt und spürst die Folgen noch heute? Eine Therapie kann helfen: "Man kann korrigierende Erfahrungen machen. Lernen, Denkmuster aus der Kindheit zu überwinden und neue Wege zu finden, um sein Leben zu gestalten oder sich selbst wieder zu fühlen", so Brunner.

Sabine Brunner arbeitet als Psychotherapeutin in Basel, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Marie Meierhofer Institut für das Kind und freischaffende Dozentin an verschiedenen Schweizer Fachhochschulen.

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