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Was hinter Post-Lockdown-Anxiety steckt

von Irène Schäppi

27 MAI 2020

Life

Während sich die einen sich über mehr Freiheit freuen, fürchten sich andere vor der Rückkehr in den neuen Alltag nach dem Lockdown. Wir haben mit einer Psychologin über das Phänomen gesprochen.

Ob Coiffeursalons, Shoppingcenter oder Restaurants – bis auf ein paar neue Vorschriften und mehr Abstand als früher fühlt sich unser Alltag nach dem Lockdown fast normal an. Nun sollen, zumindest theoretisch, sogar Clubs wieder öffnen können und Events mit bis zu 300 Personen möglich sein. Und statt nur zu fünft können wir ab Samstag sogar mit bis zu 30 Friends im Garten grillieren. Ein Grund zum Feiern, oder?

Mulmiges Feeling im Restaurant

Viele haben allerdings Mühe mit diesem New Normal was nicht nur an den weiterhin geltenden Abstandsregeln oder den Masken liegt, sondern auch an der Ungewissheit, die das neue Coronavirus mit sich bringt. Manche Menschen plagt beim Gedanken an die Rückkehr ins Office oder den Restaurantbesuch mit der Clique ein ungutes Gefühl – einige sehnen sich gar zurück nach dem Lockdown.

Gemäss der Organisation Anxiety UK nennt sich dieses angstbezogene Phänomen Post-Lockdown-Anxiety (auf Deutsch: Angst nach dem Lockdown). Dabei handelt es sich um eine Reaktion auf die Veränderungen, die nach dem Lockdown anstehen. Wir haben mit Psychologin Dr. Andrea Horn über diese neue Form der Angst gesprochen und nach Tipps gefragt, wie wir am besten damit umgehen können.

Frau Horn, wer ist am häufigsten von Post-Lockdown-Anxiety betroffen? Einerseits jene Menschen, die auf den Lockdown auch bereits mit starken Sorgen und Angst vor Einsamkeit und Eingesperrtsein reagiert haben. Sie könnte aber auch jene betreffen, die im Lockdown eine Verbesserung des Wohlbefindens erfahren haben – vermutlich aufgrund der Reduktion von Stress durch den entschleunigten Lebensstil. In einer Schweizer Stichprobe waren das immerhin fast ein Viertel der Befragten.

Welches sind die typischen Anzeigen für Post-Lockdown-Anxiety? Innere Unruhe, Nervosität, Grübeln oder Schlafprobleme. Dabei jeweils mit einem inhaltlichem Bezug auf das Ende des Lockdowns und die Anpassungen, die dafür nötig sein werden.

Dr. Andrea Horn

Psychologin und Psychotherapeutin

Die klaren Regeln im Lockdown versprachen Sicherheit und halfen so, mit der Angst um sich und andere umzugehen.

Woher kommen die Sorgen um die Zeit nach dem Lockdown? Im Lockdown wurden uns klare Regeln vorgegeben. Sie versprachen Sicherheit und halfen so, mit der Angst um sich und andere umzugehen. Wenn diese Regeln nun geweitet werden, ist das eine Herausforderung für das eigene Angstmanagement, das nun wieder neu angepasst werden muss. Das ist nicht leicht und beinhaltet viele kleine Entscheidungen über konkrete Verhaltensweisen im Alltag: Wen treffe ich? Soll ich eine Maske tragen? Wann muss ich zurück ins Büro? Das ist für viele anstrengend. Ein anderer Grund kann aber auch sein, dass jemand im Lockdown gemerkt hat, dass der alte Lebensstil nicht gesund war und die Entschleunigung, das Befolgen des eigenen Biorhythmus und weniger Reizüberflutung gut getan haben.

Wie können wir uns auf die Rückkehr in den Post-Lockdown-Alltag vorbereiten? Für viele war diese Zeit ein Rückzug aus einem Zustand der Reizüberflutung. Nun gilt es, mutig zu sein und sich zu überlegen, welche neuen Aspekte man bei der Wiedereroberung des Post-Lockdown-Alltags bewusst beibehalten möchte. Wir haben da oft mehr Spielraum als wir denken. Es ist gut, Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen und der Selbstfürsorge Raum zu geben.

Dr. Andrea Horn

Psychologin und Psychotherapeutin

Das Erleben von Stress, Belastung und psychischer und physischer Verletzlichkeit in der Covid-19-Krise ist ein globales Gefühl.

Und wenn der Lockdown einem an die Substanz ging? Diesen Menschen hat die letzte Zeit viel Energie geraubt. Sie fühlen sich, als seien ihre Batterien leer – das gilt es zu akzeptieren. Man sollte stets freundlich mit sich sein und sich nicht unter Druck setzen. Oft ist es gut, im eigenen Tempo die nächsten Schritte zu planen und nicht alles auf einmal verstehen und lösen zu wollen. Es kann auch helfen, sich an bereits gemeisterte Herausforderungen zu erinnern. Und dass man mit der aktuellen Herausforderung nicht alleine ist. Soziale Kontakte und der Austausch über die eigenen Ängste sind darum sehr wichtig.

Wird dieses Phänomen und die vergangene Zeit die Art und Weise, wie wir über psychische Erkrankungen sprechen, verändern? Das wäre schön. Das Erleben von Stress, Belastung und psychischer und physischer Verletzlichkeit in der Covid-19-Krise ist ein globales Gefühl. Wenn das dazu führen würde, dass wir mit weniger Scham und mehr Offenheit über unsere eine eigenen Gefühle und psychischen Herausforderungen sprechen können, wäre zumindest in dieser Zeit zumindest etwas Gutes entstanden.

Dr. Andrea B. Horn ist Psychologin und Psychotherapeutin und forscht an der Universität Zürich am Forschungsschwerpunkt "Dynamik Gesunden Alterns" unter anderem zu Emotionen, stressbasierten psychischen Störungen und engen Beziehungen.

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