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Ascot Elite

"Der Film ist den vergessenen Kindern vom Platzspitz gewidmet"

von Andrée Getzmann

6 JANUAR 2020

Entertainment

Am 16. Januar kommt “Platzspitzbaby” in die Kinos. Wir haben vorab mit Regisseur Pierre Monnard über den bewegenden Film gesprochen.

Ein junges Mädchen läuft durch die offene Drogenszene in Zürich. Verwahrloste Menschen liegen im Dreck, setzen sich Spritzen, besorgen sich Stoff oder liefern sich handgreifliche Auseinandersetzungen. Das Mädchen bleibt stehen, wird plötzlich von ein paar Männern umzingelt und schreit nach seinem Papa.

Das ist die erste Szene aus “Platzspitzbaby”, dem neuen Film von Pierre Monnard*, welcher von der wahren Geschichte und dem gleichnamigen Buch von Michelle Halbheer inspiriert ist. Er handelt von der 11-jährigen Mia (Luna Mwezi), die mit ihrer heroinsüchtigen Mutter nach der Auflösung der offenen Zürcher Drogenszene 1995 in ein kleines Örtchen im Zürcher Oberland zieht. Dort bekommt sie hautnah mit, wie ihre Mutter Sandrine (Sarah Spahle) weiter abstürzt. Mia begleitet sie regelmässig ins Zürcher Rotlichtmilieu, ihren Vater sieht das Mädchen einmal im Monat. Lichtblicke? Ja, die gibts, wenn auch spärlich: Mia findet Freunde und sie darf im Schülermusical die Hauptrolle spielen.

Pierre, „Platzspitzbaby“ ist heftig. Warum hast du dir dieses Thema ausgesucht? Es hat mit dem Buch von Michelle Halbheer angefangen. Als ich es 2013 zusammen mit dem Drehbuchautor André Küttel gelesen habe, war ziemlich schnell klar, dass das der Stoff für unseren nächsten Film werden würde.

Was hat dich besonders geflasht? Das Buch erzählt die wahre Geschichte der offenen Drogenszene am Zürcher Platzspitz in den 90er-Jahren durch die Augen eines Kindes. Das ist eine aussergewöhnliche Perspektive auf einen ernsten Teil der Schweizer Geschichte. Gleichzeitig schwingt aber auch Hoffnung mit.

Wie stark hast du mit Michelle Halbheer, auf deren Geschichte der Film ja basiert, zusammengearbeitet? Sehr nah - sie war ein Teil der Entwicklung. Ich habe Michelle, nachdem ich das Buch gelesen hatte, spontan auf Facebook kontaktiert. Wir haben sehr viel miteinander gesprochen und sie hat uns an die Schauplätze begleitet und uns ihre Geschichte nochmals erzählt.

Du zeichnest ein starkes Mädchen in „Platzspitzbaby“, eines, das die Verantwortung für seine Mutter übernimmt. Wie konntest du dieser Rolle als Regisseur gerecht werden? Wir haben lange nach der perfekten Besetzung gesucht. Luna Mwezi, die Mia spielt, ist eine sehr talentierte junge Schauspielerin. Damit es funktioniert, muss man aber Vertrauen und eine Freundschaft aufbauen. Das Drehbuch wird da zur Nebensache.

Viele Szenen in dem Film spielen in der düsteren Wohnung, in der Mia mit ihrer Mutter lebt. Wie war die Stimmung am Set? Wir haben immer versucht, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Die vielen emotionalen Szenen erfordern aber eine besondere Art von Konzentration. Deshalb war es oft sehr ruhig. Es gab aber auch Szenen, in denen wir bewusst eine ausgelassene oder chaotische Stimmung kreiert haben.

Was hoffst du, mit “Platzspitzbaby” erreichen zu können? Der Film ist, wie auch das Buch von Michelle Halbheer, all den vergessenen Kindern Platzspitz gewidmet, die vielleicht auch heute noch ähnliches durchmachen wie damals Michelle. Sie haben vielleicht suchtkranke Eltern und die Behörden helfen nicht weiter, vielleicht auch, weil sie von den Missständen nichts wissen. Viele Kinder decken ihre Eltern, weil sie sie schützen wollen. Der Film soll uns daran erinnern, dass wir auch in der Schweiz aufmerksam sein müssen, weil diese Dinge auch hier und heute geschehen.

Du hast eingangs gesagt, im Film schwinge auch Hoffnung mit. Ja. Der Schlüssel in der Geschichte liegt im Verzeihen. Wenn du versuchen willst, ein normales Leben zu führen, musst du deinen Eltern vergeben. Auch wenn sie versagt haben.

*Pierre Monnard, 43, wurde im Kanton Fribourg geboren und studierte Filmwissenschaften in England. Mit seinen Kurzfilmen „Swapped“ und „Come Closer“ gewann er mehrere internationale Preise. Bekannt ist er unter anderem für seine Crime-Serie „Wilder“.

Du hast Probleme zuhause? Deine Eltern nehmen Drogen oder trinken zu viel? Hier gibt es Hilfe: Notrufnummer 147 von Pro Juventute (rund um die Uhr) oder unter mamatrinkt.ch / papatrinkt.ch

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