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Patientenverfügungen machen auch für junge Menschen Sinn

von Gloria Karthan

11 APRIL 2020

Health

Wegen der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Patientenverfügungen gestiegen. Redaktorin Gloria ist jung und gesund – und hat auch eine erstellt.

Als mir mein Papi vor ein paar Jahren ein Couvert mit der Aufschrift "Patientenverfügung" – also welche medizinischen Massnahmen für ihn okay wären und welche nicht – in die Hand drückte, wurde es mir flau im Magen. Ich begann mich mit dem Thema zu beschäftigen – und begriff irgendwann, dass dieses Couvert mir eine Last von den Schultern nehmen wird. So würden weder ich, noch das medizinische Personal irgendwann über seine Wünsche mutmassen müssen.

Seit dem Lockdown und einer Zeit, in der viele Menschen mit der Angst vor dem Kranksein konfrontiert sind, beschäftigt sich offenbar noch so manch Andere mit dem Thema: In den vergangenen vier Wochen wurde online dreimal häufiger nach "Patientenverfügung" gesucht als sonst.

Wer diese ausfüllt, ist unklar, da Patientenverfügungen nicht zentral gesammelt werden. Doch vermutlich stammen die meisten Suchanfragen von Menschen aus den Corona-Risikogruppen. Dabei wäre eine Patientenverfügung auch für Junge ohne Vorerkrankung sinnvoll – und nicht bloss in Pandemie-Zeiten wie diesen.

Mehr als lebenserhaltende Massnahmen

Ich bin Ende 20 und gesund – aber nicht unverwundbar. Vor ein paar Wochen habe ich darum mithilfe einer Vorlage ebenfalls eine Patientenverfügung verfasst, sie online hinterlegen lassen und meinem Freund eine Kopie in die Hand gedrückt. Sie kommt zum Einsatz, wenn ich mich, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr selber mitteilen kann.

Inhaltlich gehts dabei um weit mehr als lebenserhaltende Massnahmen. Würde mir ohne Patientenverfügungen etwas zustossen, dürfte mein Freund mich auf der Intensivstation nicht besuchen und das medizinische Personal dürfte keine Infos zu meinem Zustand rausrücken. Weil ich ihn explizit erwähnt habe, bekommt er diese Rechte.

Und noch mehr hat im Dokument Platz: Ist es mir wichtig, im Spital so präsent wie möglich zu sein oder sollen Schmerz- und Beruhigungsmittel lieber grosszügig dosiert werden? Gibts spirituelle Rituale, die ich kurz vor oder nach meinem Tod wünsche? Und will ich eigentlich meine Organe spenden? All diese Angaben sind natürlich nicht in Stein gemeisselt – man sollte sie immer mal wieder checken und anpassen.

Ein paar Sätze für mehr Selbstbestimmung

Weil Patientenverfügungen so ausführlich wie möglich sein sollen, habe ich meiner noch eine Werteerklärung angefügt. Darin steht, welche Überzeugungen ich habe, was mein Leben lebenswert macht und mit welchen Einschränkungen ich nicht klar kommen würde. Diese Infos helfen meinen Angehörigen und dem medizinischen Personal, mich besser einzuschätzen und nach meinen Wünschen zu handeln.

Mit ein paar Kreuzen und Sätzen habe ich mir ein grosses Stück Selbstbestimmung über meinen eigenen Körper gesichert. Ich habe meinen Liebsten schwere moralische Entscheidungen abgenommen. Und: Beim Grübeln darüber, was ich eigentlich will, habe ich sehr viel Neues über mich selbst und meine Einstellung zum Kranksein und Tod gelernt. Zeit zum Nachdenken habe ich zum Glück gerade mehr als genug.

Vorlagen und hilfreiche Links

Bei der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte gibts eine lange und eine kurze Version als gratis Vorlage – inklusive Hinweiskarte fürs Portemonnaie zum Ausdrucken.

Die Patientenverfügung der Non-Profit-Organisation Stiftung Ethik ist sehr umfangreich und thematisiert auch Wünsche nach dem Tod.

Organisationen wie Exit oder Dignitas unterstützen Mitglieder bei der Erstellung einer Patientenverfügung, hinterlegen sie und stellen im Ernstfall sicher, dass sie auch durchgesetzt wird.

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