Stocksy txp26b26f837o U200 Small 1782609
Stocksy

"Panikstörungen sind sehr gut behandelbar"

von Anaïs Rufer

10 OKTOBER 2019

Health

Wir haben bei Psychologin Batya Licht nachgefragt, was während einer Panikattacke im Körper passiert – und wie eine Psychotherapie abläuft.

"Bei einer Panikattacke habe ich das Gefühl, ein Blitz schlägt in meinen Kopf ein. Ich steigere mich völlig rein: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass gleich etwas ganz Schlimmes passieren wird. Ich habe Herzrasen, mir wird schwindelig. Dann: Todesangst. Ich hab wirklich das Gefühl, ich sterbe (...)" Studentin Charlotte (Name von der Redaktion geändert) hat uns hier von ihren Panikattacken erzählt. Wir haben daraufhin mit einer Psychotherapeutin gesprochen.

Frau Licht, was passiert genau im Körper bei einer Panikattacke? Panik ist Todesangst – das Gehirn ist überzeugt: Jetzt sterbe ich. Der Körper mobilisiert seine ganze Kraft für die Flucht aus dieser vermeintlichen Gefahrensituation. Die Symptome sind dementsprechend im ganzen Körper zu spüren: Man beginnt zu schwitzen, die Muskeln ziehen sich zusammen, das Herz rast wie verrückt.

Gibt es typische Auslöser für Panikattacken? Häufig erfolgen Panikattacken in ganz gewöhnlichen Alltagssituationen, oft in Situationen, in denen man sich eingesperrt fühlt, also nicht fliehen kann – zum Beispiel, wie in Charlottes Fall, im Tram. Ein volles Tram ist eigentlich Teil des Alltags und per se keine schlimme Situation. Aber von der betroffenen Person wird sie in diesem Moment als extrem gefährlich wahrgenommen. Meistens ist es so, dass die Menschen, die unter Panik leiden, noch einen anderen Stressor in ihrem Leben haben. Dieser Stressor muss ernst genommen werden.

Was könnten das beispielsweise für Stressoren sein? Damit sind Belastungen gemeint: zum Beispiel eine anhaltende Überlastung am Arbeitsplatz, Beziehungskrisen, eine kürzliche Trennung, Angst vor einer bevorstehenden unangenehmen Situation…

Kann man sagen, was für Menschen von Panikattacken betroffen sind? Im Grunde genommen kann jeder Mensch betroffen sein, denn Angst ist eine basale Emotion, die alle kennen. Panik ist eine extreme Angst, nichts anderes. Man geht davon aus, dass Leute, die ängstlicher, verunsicherter oder empfindlicher sind, eher dazu neigen, eine Angststörung zu entwickeln. Laut Studien sind drei bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen – also ganz schön viele Menschen. Aber nicht alle, die einmal eine Panikattacke hatten, entwickeln automatisch eine Panikstörung.

Sind vor allem junge Menschen von Panikattacken betroffen? Ja, typischerweise beginnt Panik in der späten Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter. Aber es gibt durchaus Menschen, die erst im späten Erwachsenenalter Panikattacken entwickeln.

Was hilft am besten? Grundsätzlich ist Panik sehr gut behandelbar – je früher man zum Therapeuten geht, desto besser. Bei Panikstörungen sind Therapien besonders wichtig, da man ansonsten immer häufiger Situationen meidet, vor denen man sich fürchtet – und das macht alles nur noch schlimmer. Um Panikattacken zu überbrücken, helfen kurzzeitig Atemübungen. Im Ernstfall hilft Psychotherapie, in der Regel sind keine Medikamente nötig.

Kann man die Angst vor der Angst, die Charlotte beschreibt, austricksen? In der Therapie lernt man, dass Panik zwar unangenehm, aber nicht gefährlich ist. Man lernt Techniken, um sich selber zu beruhigen. Dann tastet man sich wieder an die Situationen heran und bringt sich so bei, dass alle gemiedenen Situationen harmlos sind. So gewinnt man seinen Alltag wieder zurück – und bewältigt die Panikstörung.

Wie können Angehörige helfen? Häufig möchten Angehörige helfen, indem sie der betroffenen Person gefürchtete Tätigkeiten abnehmen, also zum Beispiel mit ihr Auto statt ÖV fahren. Doch auf Dauer ist das keine gute Idee. Man sollte die Person lieber ermutigen – und dann gemeinsam ins Tram steigen.

Dr. phil. Batya Licht ist Fachpsychologin für Psychotherapie in Zürich.

Hier findest du Hilfe

Viele Universitäten haben psychologische Beratungsstellen, die dir im akuten Fall weiterhelfen können. Mehr Infos und Adressen von Anlaufstellen und Therapeuten gibts bei der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (sgad.ch) und der Angst- und Panikhilfe Schweiz (aphs.ch). Bei der SGAD und bei der APHS gibt es auch Hotlines, die du im Ernstfall direkt erreichen kannst.

Noch mehr von uns
Was hältst du von diesem Artikel?
  • :(
  • love it no Data :(
  • haha no Data :(
  • wow no Data :(
  • traurig no Data :(
  • wütend no Data :(
  • love it
  • haha
  • wow
  • traurig
  • wütend