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"Bei einer Panikattacke habe ich das Gefühl, ich sterbe"

von Anaïs Rufer

8 OKTOBER 2019

Life

Studentin Charlotte* leidet an einer Panikstörung. Uns hat die 23-Jährige erzählt, wie sie mit den Attacken umgeht – und was ihr geholfen hat.

Eigentlich habe ich immer das Gefühl, eine Panikattacke kommt aus dem Nichts, aber das tut sie nicht. Ich bin nämlich recht gut darin, mir einzureden, dass ich nicht überlastet bin und dass ich lange Stressphasen locker wegstecke. Die Panikattacke ist dann das Zeichen des Körpers oder der Psyche, das sagt: 'Hey, schau einmal ein bisschen auf dich.'

So wie im Februar, als ich nach einer ziemlich anstrengenden Prüfungsphase eine richtig schwere Panikattacke hatte. Ich war damals während der Stosszeit im Tram und hatte plötzlich das Gefühl, ich bekomme keine Luft mehr. Meine erster Gedanke war deshalb: Bloss noch raus hier!

Dann ist das Tram im Stau stehen geblieben. Ich habe mich völlig reingesteigert. Zum Glück konnte ich kurz aussteigen, um mich auf eine Bank zu setzen. Ich hab dann versucht, mich zu beruhigen – aber nichts hat geholfen. Plötzlich hab ich dann auch noch mega Herzrasen bekommen. Ich war klatschnass.

Weil ich aber irgendwie nach Hause kommen musste, bin ich dann wieder in ein Tram gestiegen. Ich weinte und zitterte am ganzen Körper. Und die Leute? Die haben mich nur angeglotzt, weil niemand wusste, was mit mir los ist.

Ein Mann fragte mich dann, ob er den Notfall rufen soll, was ich auf keinen Fall wollte. Ich erklärte ihm heulend, dass alles okay sei und es wieder vorbei geht. Die anderen Leute starrten mich weiter an, als wär ich nicht mehr ganz normal. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen. Ich hatte einen Kreislaufzusammenbruch.

Bei einer Panikattacke habe ich das Gefühl, ein Blitz schlägt in meinen Kopf ein. Ich steigere mich völlig rein: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass gleich etwas ganz Schlimmes passieren wird. Ich habe Herzrasen, mir wird schwindelig. Dann: Todesangst. Ich hab wirklich das Gefühl, ich sterbe.

Eine schlimme Panikattacke hatte ich auch 2015 beim ersten gemeinsamen Dinner mit meinem Freund. Mich begleitet schon eine Weile eine Essstörung und das Dinner hat mich dann enorm gestresst. Inzwischen habe ich die Essstörung schon viel besser im Griff. Ich rede viel darüber und habe einiges über die Krankheit und mich gelernt.

Ich bin eine, die nicht gerne alleine ist während einer Panikattacke. Wenn ich mir in so einem Moment die perfekte Situation herbeiwünschen könnte, dann käme jemand zu mir, nähme mich in den Arm und würde mir sagen, dass alles gleich besser wird.

Wenn jemand Aussenstehendes währenddessen die Fassung verliert, ist das der absolute Horror für mich. Ich drehe dann völlig ab, denn in dem Moment habe ich ja sowieso schon das Gefühl, dass gleich etwas Schreckliches passiert. Und dann bekomme ich durch die Panik der anderen Person auch noch Bestätigung.

Das Schlimmste ist eigentlich, dass ich wegen meiner Panikattacken eine Angst vor Angst entwickelt habe. Ich habe immer Angst, es könne etwas passieren.

Durch Yoga habe ich gelernt, dass ich mit einer bewussten Atmung mein ganzes Nervensystem beruhigen kann. Wenn ich panisch bin, höre ich auf auszuatmen und beginne zu hyperventilieren. Wenn ich dann bewusst ein- und ausatme und den Atem anhalte, hilft das, die ersten zehn Minuten der Panikattacke zu überbrücken. Man sagt nämlich, dass man nach zehn Minuten einen Peak erreicht – und dann ist das Schlimmste überwunden.

In der Angsttherapie, die ich diesen Februar angefangen habe, musste ich wieder lernen, Tram zu fahren. Ich hatte seit meiner Panikattacke im Februar grosse Probleme damit. Ich bin mir vorgekommen wie ein Kindergartenkind. Sobald ich einen Schritt in ein Tram gewagt habe, habe ich Herzrasen bekommen. Ich vermeide heute noch volle Trams in Stosszeiten. Das ist aber genau das Blöde, denn man sollte keine Ängste meiden, sonst bestätigt man sie. Ich muss mich zwingen, mich meiner Angst zu stellen, und das ist sehr anstrengend. Aber ich versuche es.

Panikattacken sind schrecklich, aber es gibt eine Lösung – so wie für alles im Leben. Ich habe gelernt, was ich während einer Panikattacke tun kann, wende diese Tricks an und versuche, nicht komplett die Fassung zu verlieren. Langsam ist die Erkenntnis, dass gar nichts Schlimmes passieren wird, in meinem Kopf angekommen.

*Name von der Redaktion geändert

Hier findest du Hilfe

Viele Universitäten haben psychologische Beratungsstellen, die dir im akuten Fall weiterhelfen können. Mehr Infos und Adressen von Anlaufstellen und Therapeuten gibts bei der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (sgad.ch) und der Angst- und Panikhilfe Schweiz (aphs.ch). Bei der SGAD und bei der APHS gibt es auch Hotlines, die du im Ernstfall direkt erreichen kannst.

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