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"Nach meinem Outing als non-binär bin ich richtig aufgeblüht"

von Marie Hettich

25 MÄRZ 2020

Life

Edwin Ramirez ist 30, lebt in Zürich, arbeitet als Project Assistent und Stand-up-Comedian – und identifiziert sich als non-binär. Was das genau bedeutet? Das hat er uns erklärt.

"Vor Kurzem war ich in New York, dann in London und danach in Berlin – und in jeder dieser Städte dachte ich: Was mach ich eigentlich noch in der Schweiz? Ich kam mir dort viel weniger exotisch vor. Niemand hat gross geglotzt oder Fragen zu meinem Nagellack gestellt. Die Leute scheinen viel weiter zu sein.

Gleichzeitig sehe ich es als meine Aufgabe, in der Schweiz zu bleiben. Ich bin hier geboren und aufgewachsen – die Schweiz ist mein Zuhause. Ich wünsche mir, dass das Land progressiver wird. Die Schweiz soll zu einem besseren Ort für alle Menschen werden – auch für Menschen, die sich, wie ich, als non-binär identifizieren.

Bei meiner Geburt wurde mir das männliche Geschlecht zugewiesen. Aber ich bin weder Mann noch Frau; ich bin irgendwo dazwischen. Wo genau, weiss ich selber nicht. Aber diese Freiheit gefällt mir.

Den Unterschied zwischen Identität und sexueller Orientierung bringen viele Leute immer noch durcheinander. Ich werde sehr oft gefragt, ob ich als non-binäre Person denn jetzt auf Männer oder auf Frauen stehe. Aber wenn jemand non-binär ist, hat das erstmal überhaupt nichts mit Sexualität zu tun. Sondern nur mit der Person selbst: Wie identifiziert sie sich?

Dass es bei der Abstimmung Anfang Februar nur um die sexuelle Orientierung und nicht um Identität ging, ist eine verpasste Chance – man hätte direkt beides kombinieren sollen. Denn nun werden Transmenschen, zu denen auch ich mich zähle, in der Schweiz nach wie vor nicht vor Hass geschützt.

In meinem Leben habe ich sehr viel Zeit mit dem Versuch verbracht, ein Mann zu sein. Konstant habe ich Aspekte meiner Person versteckt, unterdrückt, verleugnet – aus Angst, nicht akzeptiert zu werden. Ich habe lange gedacht, dass alles nur eine Phase ist. Dass es sich irgendwann richtig anfühlt, als Mann zu leben. Aber das ist nie eingetroffen.

Erst viel später wurde mir bewusst, wie schlecht es mir immer ging. Ich habe mich so missverstanden und allein gefühlt – ich denke, ich war depressiv. In dem Moment, als ich nach langem Recherchieren verstanden habe, dass es neben "Mann" und "Frau" noch andere Optionen gibt, hat sich für mich eine Tür geöffnet.

Nach meinem Outing als non-binär vor zwei Jahren bin ich dann richtig aufgeblüht. Endlich fühle ich mich gehört und gesehen! Seitdem traue ich mich auch, mit Kleidungsstücken und Make-up zu experimentieren. Ich gehe jetzt viel spielerischer mit mir um. Und bin viel, viel glücklicher.

Meine Familie hat sehr positiv reagiert, als ich von meiner Non-Binarität erzählt habe. Zu meiner Überraschung, ehrlich gesagt – denn sie ist zum Teil recht konservativ. Selbst mein kleiner Bruder, der anfangs noch blöde Sprüche geklopft hat, achtet mittlerweile viel mehr darauf, was er sagt.

Generell finde ich es toll, dass sich manche Menschen durch den Kontakt mit mir vielleicht zum allerersten Mal mit Genderthemen auseinandersetzen und sich überlegen, wie sie zu ihrem eigenen Geschlecht stehen.

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Während meines Outings habe ich ganz aktiv den Kontakt zur Queer-Community gesucht. Zu wissen, dass man nicht allein ist, bestärkt unglaublich. Wenn ich die Wahl habe, meine Freizeit mit Leuten zu verbringen, die mich akzeptieren oder mit Menschen, vor denen ich mich konstant erklären und rechtfertigen muss, dann ist doch klar, wofür ich mich entscheide. Dementsprechend hat sich mein Freundeskreis sehr verändert, seit ich out bin.

Es gibt non-binäre Personen, die möchten, dass ganz auf Pronomen verzichtet und nur ihr Name verwendet wird. Mich stört es, wenn mich jemand als Mann bezeichnet, aber männliche Pronomen stören mich nicht. Wenn also jemand über mich spricht und dabei "er" oder "ihn" sagt, ist das voll okay.

Was viele nicht wissen, ist, dass auch non-binäre Personen sehr verschieden sind – jede Person findet für sich selbst heraus, was passt. Obwohl ich sehr geübt bin, rutscht auch mir noch manchmal das falsche Pronomen raus – wir sind nun mal alle so vorprogrammiert, dass wir in Geschlechter-Schubladen denken. Es braucht Zeit, umzulernen.

Wenn ich auf einem Formular nur "Mann" oder "Frau" ankreuzen kann, kreuze ich schweren Herzens "Mann" an. Die dritte Option sollte in der Schweiz unbedingt eingeführt werden. Für viele ist das eine Kleinigkeit – für andere bedeutet es die Welt.

Dass manche Stellenanzeigen mittlerweile ein "d" für "divers" enthalten, finde ich als Signal ganz wichtig. Man fühlt sich direkt gesehen und willkommen geheissen. Ob als trans oder homosexuelle Person: Es ist jedes Mal ein Risiko, das Umfeld zu wechseln. Immer schwingt die Frage mit: Werden mich die Leute akzeptieren?

Manchmal bekomme ich zu hören, ich würde doch bloss auffallen wollen. Gerade in meinem Fall ist dieser Vorwurf ganz besonders absurd: Ich bin eine Person of color und sitze im Rollstuhl – ich bekomme definitiv schon genug Aufmerksamkeit.

Mich macht es immer wieder fassungslos, wie schwierig es für einige Leute ist, das Gegenüber so zu sehen, wie es gesehen werden möchte. Mein grösster Wunsch ist, dass uns einfach geglaubt wird. Dass wir ernst genommen werden. Um einen Menschen zu akzeptieren, muss man ihn nämlich nicht unbedingt verstehen."

Du bist queer, möchtest dich vernetzen oder brauchst Hilfe? Ein paar Anlaufstellen:

milchjugend.ch

pinkcross.ch

los.ch

tgns.ch

lgbt-helpline.ch

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