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Courtesy of Sat.1

"No Body is perfect" zeigt, dass Nacktsein nicht die Lösung ist

von Gina Buhl

14 JANUAR 2020

Entertainment

In der neuen Sat.1-Show "No Body is perfect - Das Nacktexperiment" sollen die Teilnehmer innerhalb von vier Tagen lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Helfen sollen dabei nackte Coaches. Netter Versuch.

Sommer auf der griechischen Insel Mykonos: Steffi, 47, Patrick, 28, und Tatjana, 20, haben sich für ein Experiment angemeldet, von dem sie eigentlich gar nicht so genau wissen, wie es ablaufen wird. Alle drei hassen aus unterschiedlichen Gründen ihren Körper – und wenigstens diese eine Sache ist klar: Das soll sich hier ändern.

Der Pool glitzert, die Sonne brutzelt. Die weiss-marmorierte Villa, das temporäre Zuhause der drei Kandidaten, ist die perfekte Ferienidylle – wären da nicht diese vier Nackten, die die Sicht aufs glattgebügelte griechische Panorama trüben: Sex- und Beziehungscoachin Paula Lambert, Fotografin Silvana Denker, Body-Positivity-Aktivistin Sandra Wurster und Plus-Size-Model Daniel Schneider sind nämlich hier um zu helfen.

Airbrush-Schmetterlinge auf nackten Körpern

Sie wollen die Selbstzweifel der Teilnehmenden auswischen, indem sie sie mit ihren eigenen Körpern konfrontieren. Und ja, ihre Körper sind anders als die, die man sonst so zur Primetime zu sehen bekommt. Ausserdem sind sie – wie schon erwähnt – nackt. Nur ein paar dreamy Airbrush-Schmetterlinge und wilde Leopardenmuster verdecken die für die Sendezeit relevanten Stellen. Wenns hilft.

Es folgen schockierte Gesichter und ein paar Tränchen. Tatjana, Patrick und Steffi erfahren nämlich, dass sie diese nackten Körper von nun an nicht nur vier Tage lang anglotzen müssen. Nein, am Ende des Experiments sollen auch sie am mykenischen Beach stehen und die Hüllen fallen lassen.

Salzige Tränen und Yann-Tiersen-Musik

"Werden sie sich am Ende wirklich lieben, genauso wie sie sind?", fragt die Stimme aus dem Off am Ende des dramatischen Einspielers. Über die Antwort kann man zu diesem Zeitpunkt der Show natürlich nur munkeln – stellt aber fest, dass es schon doof wäre, wenn nicht. Denn tatsächlich schafft es Sat.1 mit vielen Nahaufnahmen von salzigen Tränen, schlimmen Schicksalsschlägen und Yann-Tiersen-Musik schon nach zehn Minuten eine Bindung zwischen Zuschauenden und Kandidaten aufzubauen. Huch?

Es folgt die Bestimmung des Body-Images-Werts der Kandidaten und ein gemeinsames Abendessen. Die Werte liegen zwischen 1 und 5 – was in etwa der Anzahl an Rüeblisticks entspricht, die Steffi, Tatjana und Patrick beim Dinner mit den Selbstliebe-Coaches auf dem Teller liegen haben. Die Coachinnen stellen persönliche Fragen, bei Tatjana kullern wieder die Tränen. Sie – die Jüngste – hat definitiv am meisten mit ihrem Körper zu kämpfen. Als Sorgenkind des Nacktexperiments bekommt sie deshalb diverse Extra-Motivations-Speeches. Eher erfolglos.

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Die „No body is perfect“-Coaches

Die erste Challenge: 20 Minuten nackt vor dem Spiegel stehen und drei Dinge aufzählen, die schön sind. Man blickt in todtraurige Gesichter. Tatjana bricht nach fünf Minuten ab.

"Selbstliebe auf den Körper bezogen bedeutet für mich zu verstehen, dass der Körper nicht alles ist, worüber wir uns definieren sollten", sagt Paula Lambert. Weise, denkt man – und wendet sich wieder den drei Kandidaten zu, die zwischen völliger Irritiertheit und "purer Euphorie" (Steffis Lieblings-Ausdruck) schwankend, mit dem nackten Plus-Size-Model Volleyball spielen und mit der Fotografin in den Pool steigen müssen.

Dann das skurrile Highlight: Der Ausflug nach Mykonos-Stadt mit Paula und Kandidatin Steffi. Gitarren-Spieler im Hintergrund, spontanes Nackt-Tänzchen zwischen sichtlich verwirrten Passanten. Kurze Shopping-Tour für die Kandidatin, die sich selbst vor ihrem Mann nicht ausziehen will. Ein Quoten-Garant, klar. Aber soll so das ernst gemeinte Body-Positivity-Erfolgsrezept aussehen?

Sozialpsychologisches Experiment

Woanders funktioniert es bereits. "No Body is perfect" basiert nämlich auf dem britischen TV-Format "Naked Beach", das seit Anfang 2019 auf Channel 4 läuft. Die Idee zur Show geht unter anderem auf eine Studie des Sozialpsychologen Keon West von der University of London zurück. In Untersuchungen konnte er feststellen, dass sich die Lebenszufriedenheit und das Selbstwertgefühl einer Person steigern, wenn sie oder er sich durchschnittliche, nackte Körper anschaut und selber intensiv den eigenen Body begutachtet.

"Die Auseinandersetzung mit normalen, nackten Körpern aller Formen und Grössen steigert innerhalb kurzer Zeit deutlich das Selbstbewusstsein", so der Psychologe im kurzen Einspieler in Episode 1. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je häufiger man sich unerreichbaren Attraktivitätsstandards aussetzt, desto grösser ist die negative Wahrnehmung des eigenen Körpers.

Geht das gut?

Dass die Show trotz ihres quotengesteuerten Titels und sehr, sehr viel nackter Haut auf ein wichtiges Thema aufmerksam macht, ist gut: Über 50 Prozent der Deutschen finden ihren Körper nicht schön. Auch aktuelle Umfragen, wie die der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, zeigen, dass ein Fünftel der Jugendlichen unzufrieden mit ihrem Aussehen sind.

Nur: Kann eine Fernsehsendung eine Konditionierung, die uns von klein auf eingebläut wird, innerhalb von vier Tagen in Luft auflösen? Wohl kaum.

Trotzdem kommt es, wie es kommen muss: Mit Blumen auf den Brüsten, Flamingo auf dem Bauch und 9 von 10 Body-Image-Punkten stehen die drei Bodypaint-bepinselten und wie ausgewechselt wirkenden Kandidaten am Ende am “Naked Beach” und hüpfen nackt ins Wasser – nur Tatjana nicht. Die springt mit Bikini. Ist eben doch nicht so einfach. Aber es ist ein Anfang. Hoffentlich kein Gescripteter.

Die vier Episoden von “No Body is perfect – das Nacktexperiment”, laufen seit gestern jeden Montag um 20.15 Uhr auf Sat.1.

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