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George Haritev

"Nach der Uni arbeite ich an meinen Kostümen"

von Alisa Fäh

31 OKTOBER 2018

Life

Als Mann hautenge Glitzerkleider, Lippenstift und hohe Schuhe tragen – für den Aargauer Michel ist das Alltag. Hier erzählt er, wie es ist, eine Dragqueen zu sein.

Michel studiert, er brütet jeden Tag über Mathebüchern und will Oberstufenlehrer werden. In seiner Freizeit trägt er falsche Wimpern, glitzernde Abendkleider und Perücken und nennt sich Paprika. Die Uni laufe momentan eher nebenbei, sagt er. Der 21-Jährige ist seit neun Monaten Dragqueen. Mit uns hat er über seine neu entdeckte Leidenschaft gesprochen.

"Ich fühlte mich inmitten der Dragqueens sofort zu Hause, als ich vor einem Jahr zum ersten Mal in einem Queerclub war. Das Gefühl habe ich danach gleich wieder verdrängt, weil ich dachte, dass sich so etwas einfach nicht gehört. Es liess mich aber nicht los – ich musste dieses ausgefallene Hobby namens Drag ausprobieren.

Als ich mich anfangs ungeschminkt in einem Kleid sah, fand ich das total creepy. Ich merkte, wie stark ich das heteronormative Denken verinnerlicht hatte. Ich musste erst lernen, dass es in Ordnung ist, sich als Mann so anzuziehen. Aber dann hat mich ein Kollege geschminkt und es machte mir tatsächlich Spass, als Frau in den Ausgang zu gehen. Gender-Stereotype zu durchbrechen und einfach das zu sein, worauf man Lust hat, das fühlt sich wahnsinnig befreiend an.

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George Haritev

Meine Mutter war geschockt

Ich ging als Frau geschminkt in Queerclubs und bald nahmen mich andere Dragqueens unter ihre Fittiche. Ich habe von ihnen Kleider bekommen und viel über Make-up gelernt. Das Geheimnis hinter einer extremen Sanduhr-Silhouette: Zuerst mit Schaumstoff-Pads am Po Rundungen kreieren, dann fünf, sechs Strumpfhosen drüber, damit das Ganze an Ort und Stelle bleibt. Beim Make-up gilt: Mehr ist mehr und nichts läuft ohne Fixier-Spray. Fehlte nur noch ein Drag-Name. Auf Paprika kam ich, weils kurz und knackig ist. Paprika – hot, glam and spicy. Das definiert meinen Drag. Dann gings schnell: Drei Auftritte folgten und ich wurde so richtig Teil der Szene. Ein halbes Jahr später nahm ich dann am Heaven Drag Race, dem grössten Drag Contest der Schweiz, teil – und habe prompt gewonnen.

Bisher hatte ich mich immer heimlich im Bad geschminkt und keiner wusste von meinem Hobby. Als ich für die Auftritte gebucht wurde, war mir klar: Jetzt muss ich meinen konservativen Eltern davon erzählen. Als ich es meinem Vater sagte, reagierte er zu meiner Überraschung locker – meiner Mutter wollte ich es etwas später beibringen. Sie kam mir aber zuvor: Eines Tages platzte sie ins Bad, als ich mich geschminkt habe. Mich in voller Montur zu sehen, war für meine Mutter ein totaler Schock – sie ist mehrere Tage nicht aus dem Bett gekommen. Es hat lange gebraucht, bis sie es akzeptieren konnte. Heute wäscht sie sogar meine Bühnenoutfits.

Lustig und brutal ehrlich

Ich stehe mittlerweile so gut wie jedes Wochenende auf der Bühne und unter der Woche arbeite ich nach der Uni an meinen Kostümen, die ich oft aus alten Kleidern zusammennähe. Die ganzen Vorbereitungen für meine Shows brauchen viel Zeit und ich bin froh, dass mein Freund mich von Beginn an unterstützt hat. Wenn ich mich für einen Auftritt schminke, kocht er währenddessen für mich – und er sagt mir immer, dass ich gut aussehe, auch wenn manchmal sicher das Gegenteil der Fall ist.

Meine Drag-Freundinnen sind super kritisch und shady. Sie sagen gern, sie haben mich zur Perfektion gemobbt. "Throwing shade", also böse Witze reissen, gehört aber einfach zur Dragkultur. Erst kürzlich sagte ich zu einem Drag-Kollegen, der sich Backstage gerade die Lippen nachzog: "Egal, wie dick du deinen Lipliner noch aufträgst, er wird nie deinen Beardshadow überdecken. Give it up, girl." Manchmal verschwimmt da die Grenze zwischen lustig und brutal ehrlich.

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Raphael Hadad

Experimente bei Superreichen

Die Ideen für meine Drag-Shows ziehe ich oft aus Physik-Experimenten, die ich im Praktikum mit einer Schulklasse durchführe: Wenn man Wasser mit Brennsprit mischt, ein Stück Papier hinein tunkt und dieses dann anzündet, verbrennt es nicht. An einem Geburtstagsfest von einem superreichen Pärchen performte ich meine Show zum Song "Money, Money, Money". Ich hab Geldscheine rausgeholt und die dann angezündet, um sie vor den Augen der Gäste brennen zu lassen. Danach bin ich den Männern auf den Schoss gesessen und habe ihre Glatze gestreichelt. Und obwohl ich sie so schamlos parodierte, fanden die Gäste das total cool.

Dass ich Dragqueen bin, ergänzt sich gut mit meinem künftigen Job als Lehrer. Wenn ich später eine Klasse unterrichte, will ich Diversität leben und diese weitergeben. Es ist mir wichtig, Akzeptanz zu vermitteln – denn Drag hat mir geholfen, mich selbst und auch andere zu akzeptieren. Ich werde zwar nie als Dragqueen im Klassenzimmer auftauchen, aber für meinen Lehrerjob werde ich meine Drag-Karriere als Hobby bestimmt nicht aufgeben.

Das, was ich mache, ist genau richtig

Ich wünsche mir, dass es in der Gesellschaft mal so weit kommt, dass man die Anderen einfach leben lässt – klingt simpel, aber das ist anscheinend doch für viele schwierig. Warum sollten sich Männer nicht als Frauen verkleiden dürfen? Früher hatte ich ständig das Gefühl, mich verstecken zu müssen und mich dadurch gar nicht richtig zu kennen. Bis zu diesem einen Moment: Bei einem Drag-Contest habe ich Regenbogenflügel getragen und diese mit geschlossenen Augen ausgestreckt. Als ich die Augen öffnete, sind alle von ihren Stühlen aufgestanden und applaudierten. Da hatte ich echt Tränen in den Augen, weil ich in dem Moment ganz genau wusste, wer ich bin. Mir wurde klar: Das hier bin ich und das, was ich mache, ist genau richtig."

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