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Wenn hier noch einmal jemand kaut, raste ich aus!

von Gina Buhl

19 JULI 2019

Health

Sobald jemand einen Apfel auspackt, sucht Redaktorin Gina das Weite. Der Grund: "Misophonie". Kennt ihr das auch, liebe Friday-Community?

Am allerschlimmsten ist es bei Äpfeln: Dieses Knacken wenn sich die Zähne langsam durch die Schale bohren. Das zaghafte Schlürfen, wenn der Saft, der auf die Unterlippe rinnt, gerettet werden muss. Das stundenlange Auf und Ab und Hin und Her des Kiefers, bis die Stückchen endlich zerkleinert sind. HORROR.

Auf einer Nerv-Skala von 1 - 10? Landen Kau-und Schmatzgeräusche bei mir definitiv auf der 12. Sobald jemand zu laute Geräusche bei der Nahrungsaufnahme macht, spüre ich meinen Puls an der linken Schläfe. Und im Bauch. Und ja, manchmal muss ich deswegen fluchtartig den Raum verlassen.

"Oma, bitte weniger intensiv kauen"

Als Teenie habe ich das regelmässig gemacht, wenn das Radio-lauter-Drehen beim Frühstück mit meinen Eltern nichts mehr gebracht hat. Oder meine Oma trotz mehrmaliger Bitte ihre Lasagne nicht "so intensiv" zu kauen, trotzdem weiter geschmatzt hat. Oder meine Cousine ihren scheiss Brownie so lange mit ihren Beisserchen zermatscht hat, bis ich sie am liebsten zusammen mit dem Ding aus dem Fenster geschmissen hätte. (Natürlich nicht – deswegen auch das Rausrennen.)

28 Prozent der Menschen sind wie ich

"Misophonie" nennt sich die neurologische Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, die mich tatsächlich manchmal ziemlich anstrengt, wenn ich mit anderen am Tisch sitze. Es ist mühsam, weil ich es liebe, mit anderen zu essen. Und weil es mich, sobald ein Laut mich triggert, vom schönen Beisammensein ablenkt.

Mit dieser Lärmempfindlichkeit bin ich nicht alleine: Etwa 28 Prozent der Menschen weltweit leiden mal heftiger, mal weniger stark unter dieser Störung. Ich würde meine kleinen Aggro-Schübe zwar als komplett aushaltbar einstufen – doch es gibt auch Menschen, die ausgelöst durch Misophonie, richtige Essstörungen entwickeln.

Das Gehirn schlägt Alarm

In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung deshalb auch ganz schön dahinter geklemmt: Wissenschaftler der Universität Newcastle in England haben zum Beispiel versucht herauszufinden, was genau im Gehirn von misophonen Menschen passiert, wenn so ein Geräusch in der Umgebung ist: Mit Hilfe von Gehirnscans konnten sie feststellen, dass Triggergeräusche wie Essen, Trinken oder Kauen zu einer Aktivierung der vorderen Inselrinde (nennt sich auch AIC) führt.

Diese Region verknüpft Sinneseindrücke mit Emotionen. Ausserdem sind – im Vergleich zu anderen Menschen – die Regionen im Gehirn aktiver, die für Verarbeitung und Regulierung von Emotionen verantwortlich sind. Und die schlagen bei Menschen wie mir offensichtlich Alarm, wenn ein Brownie in der Nähe ist.

Familienmitglieder triggern besonders stark

Übrigens haben Forschende der Cambridge Universität erst vergangenen Monat herausgefunden, dass Menschen mit Misophonie besonders krass reagieren, wenn die Trigger-Geräusche von Familienmitgliedern ausgelöst werden. Und jep: I can relate. Bei Mama waren die Äpfel immer besonders laut.

Deswegen hier eine freundliche Notiz an alle meine Friends und Kolleginnen: Seid beruhigt! Ich kann an einer Hand abzählen, wann ich euch in den letzten 15 Jahren während des Essens gerne an die Gurgel gegangen wäre. Seit ich weiss, dass es sich bei meinem Spleen bloss um ein neurologisches Phänomen handelt, bleib ich bei erhöhter Geräuschkulisse am Tisch nämlich mittlerweile ziemlich gelassen. Meistens jedenfalls.

Wo sind meine Misophonie-Homies?

Was mich jetzt aber natürlich am allerdringendsten interessiert: Wer von euch kennt meine Struggles und findet sich in meinen Aggro-Zeilen wieder? Und: Was sind eure Trigger-Geräusche und was macht ihr, um sie auszublenden?

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