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Lukas Wierzbowski

“Meine Mutter bezeichnete mich immer wieder als dick"

von Stephanie Vinzens

7 FEBRUAR 2019

Life

Friday-Leserin Kim, 23, erzählt, wie sie sich durch den Kontrollwahn und die psychische Gewalt ihrer Eltern beinahe selbst verloren hätte.

“Wie ist es, von den Eltern bedingungslos geliebt zu werden? Ich weiss es nicht – und die Frage verfolgt mich. Diese stetige innere Unruhe. Die Albträume nachts. Sprüche wie “wir stecken dich ins Heim” waren in meiner Kindheit Alltag. Trotzdem hat es mich jedes Mal zerrissen. Die Auslöser für die Ausraster meiner Eltern waren meist banal. Wie Streitereien mit meinem Bruder oder wenn wir nachts redeten, anstatt zu schlafen. Und dann waren da noch die Gewissensbisse meines Vaters. Oft kam er abends nach Hause, hundemüde und frustriert, fest entschlossen, sich trotz seiner Abwesenheit doch noch in die Erziehung einzubringen. Dem glaubte er gerecht zu werden, indem er uns ausgiebig zusammenstauchte. Wieso, verstand ich meist nicht.

Meine Mutter war mit ihrer Situation als Hausfrau ähnlich überfordert. Es frustrierte sie, immer zu waschen, zu putzen, zu kochen, mit unserem Hund Gassi zu gehen. Sie schmiss in ihrem Frust oft Gegenstände durch den Raum oder weinte laut im Wohnzimmer. So wurde ihr Kummer zu meinem Kummer. Hörte ich meine Eltern streiten, wusste ich, dass ich die Nächste war: Mein Vater würde seinen Ärger an mir auslassen und meine Mutter von mir fordern, dass ich mich auf ihre Seite stelle: ‘Kim, jetzt sag endlich was dazu! Wieso bist du nicht sauer?’ Ich war gerade mal neun Jahre alt, als sie anfingen, mich in ihre Eheprobleme hineinzuziehen. Unfähig zu verstehen, was geschah – und doch nagte eine tiefe Schuld an mir.

Mein Körper, meine Ausbildung – ihre Entscheidung

Je näher ich dem Teenie-Alter kam, desto mehr wurde mein Körper zur Zielscheibe der mütterlichen Kritik. Als sich bei mir mit elf Jahren vage ein Busen andeutete, zwang sie mich, einen BH zu tragen. Auch von meinem Gewicht war sie besessen. Obwohl ich weit davon entfernt war, übergewichtig zu sein, bezeichnete sie mich immer wieder als dick – vermutlich eine Vorsorge, damit ich schlank bleibe.

Auch meine Ausbildung unterlag der Kontrolle meiner Eltern. Ich ging etwa in die Kanti, wie sie es verlangten. Mein Plan, danach an einer Fachhochschule zu studieren, konnte jedoch nicht mit dem Prestige eines Medizin- oder Jurastudiums mithalten. ‘Wir haben wohl deine ganze Ausbildung für nichts finanziert’, hiess es. Ich stand in einem stetigen Konflikt zwischen dem, was ich wollte und dem, was sie mir aufdrückten. Schon kleine Unstimmigkeiten waren für meine Mutter Grund genug, mich wochenlang zu ignorieren.

Mich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln? Konnte ich nie. Das spüre ich heute als Erwachsene umso mehr. Für mich einzustehen, mich selbst zu spüren – das habe ich nie gelernt. Zu sehr war ich mein Leben lang damit beschäftigt, meinen Eltern gerecht zu werden, und nun ist es, als ob ich mir selbst nicht mehr vertrauen kann. Um mir eine Meinung zu bilden, muss ich zuerst mit anderen sprechen – und immer wieder falle ich in die Muster meiner Kindheit zurück: Selbstsichere Menschen können mich leicht manipulieren.

Bilde ich mir alles nur ein?

Habe ich versucht, meine Eltern auf den emotionalen Missbrauch anzusprechen, kam immer der gleiche Vorwurf: ‘Du bist psychisch gestört und bildest dir alles nur ein.’ Sie waren dabei so überzeugend, dass ich irgendwann selbst an mir zweifelte – bis ein Therapeut mir versicherte, dass das, was ich durchgemacht habe, real ist.

Das erste Mal richtig gespürt, wer ich bin, habe ich, als ich vor drei Jahren mehrere Monate alleine reisen ging. Abgesehen von ein paar Whatsapp-Bildern hatte ich keinen Kontakt zu meinen Eltern. Ich liess sie an nichts teilhaben, ging einfach nur meinen Weg. Das war unfassbar befreiend – und hat mir die Augen geöffnet: Als ich zurückkam, realisierte ich, dass mein Leben unter diesem Kontrollwahn nicht mehr weitergehen kann. Ein Jahr später zog ich aus.

Seit ich nicht mehr in ihrem mentalen Gefängnis lebe, kann ich den Missbrauch distanzierter betrachten. Die Demütigungen haben zwar nicht plötzlich aufgehört, doch ich weiss nun, dass ich weg kann. Ich weiss, dass ich auch ohne die Liebe meiner Eltern überleben kann. Dass ich ihre Wertschätzung nicht brauche, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Ja, ich spüre, wie sie merken, dass ich nicht mehr in ihrer Welt lebe, sondern mir eine eigene aufbaue – und dieser Kontrollverlust macht ihnen Angst.”

Ende November haben wir zum Thema emotionaler Missbrauch einen Aufruf gestartet und darauf zahlreiche Rückmeldungen erhalten. Vielen Dank, dass ihr eure Geschichten mit uns geteilt habt.

Hier ein paar Auszüge:

Wir haben mit einer Psychotherapeutin, die Expertin für Kindesschutz ist, über emotionalen Missbrauch gesprochen. Das Interview könnt ihr in den kommenden Tagen auf unserem Portal lesen.

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