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"Meine Geburt hat fast drei Tage gedauert"

von Marie Hettich

4 SEPTEMBER 2019

Das erste Jahr mit Baby

Wie fühlt sich die erste Zeit mit Baby an? Drei Mütter erzählen. Heute ist Denise, 38 Jahre alt, an der Reihe, deren Tochter gerade drei wurde.

Ich hatte über 70 Stunden lang Wehen. Trotzdem habe ich keine schlechten Erinnerungen an die Geburt meiner Tochter – im Gegenteil: Mein Mann und ich haben zusammen wunderschöne Momente erlebt.

Der Geburtsvorbereitungskurs hat da sicher sehr geholfen: Beim sogenannten Hypno-Birthing lernt man, selbstbestimmt zu gebären, und Frieden damit zu schliessen, wie die Geburt abläuft. Aber klar: Anstrengend wars. Und weil ich viel Blut verloren hatte, war ich die ersten zwei Wochen ziemlich neben der Spur.

Kurz nach der Geburt unserer Tochter hat mein Mann spontan seinen Bürojob an den Nagel gehängt. Er wolle tagsüber Daddy sein, meinte er, und abends arbeiten gehen. Also hat er sich auf Freelance-Basis Jobs in der Gastronomie gesucht.

Ich bin nach sechs Monaten zurück in meinen Beruf – das war um einiges einfacher für mich, weil ich wusste, meine Tochter ist daheim bei ihrem Papa. Trotzdem wäre ich gern noch länger zuhause geblieben; acht Monate wären perfekt gewesen.

Denise, 38

Wir waren von Sekunde eins an unglaublich verliebt in sie.

Den Vaterschaftsurlaub, beziehungsweise die Elternzeit, braucht es unbedingt. Mein Mann musste bereits wieder arbeiten gehen, als unsere Tochter zwei Tage alt war, weil die Geburt allein schon drei Tage dauerte. Fünf Tage seien genug, fand seine Arbeitgeberin. Für ihn war das ganz, ganz schlimm.

Wir waren von Sekunde eins an so unglaublich verliebt in sie – die Liebe, die man da fühlt, wie es einen fast zerreist, wenn man an diesem kleinen Köpfchen schnuppert, das ist surreal. Abends kam er zurück ins Spital und hat erstmal geheult – ich habe ihn noch nie so Weinen sehen.

Dass mein Mann tagsüber zuhause war, hat alles verändert. Ich konnte zum Beispiel duschen gehen – allein war da gar nicht dran zu denken, weil dieses kleine Menschlein alles von einem abverlangt.

Wir waren und sind zu gleichen Teilen Eltern. Gerade im ersten Jahr hat mein Mann unser Baby ständig im Tragetuch rumgetragen, auch wenn er mit dem Hund spazieren war. Klar war ich diejenige, die gestillt hat – die Nähe hat er aber genauso geben können. Er hat das richtig zelebriert.

Denise, 38

Ich denke ständig an alles, mein Mann zieht einfach mit.

In puncto Mental Load unterscheiden mein Mann und ich uns aber deutlich: Ich denke ständig an alles, er zieht einfach mit. Diese Entscheidungen, ob wir impfen oder nicht, dieses Recherchieren, welche Kita für uns passt – all diese Diskussionen stosse ich an.

Wahrscheinlich ist das so ein Frauending, ich mach das gar nicht bewusst. Und ihm kann ich auch nichts vorwerfen: Logisch muss er nicht an alles denken, wenn ich es eh tue.

Und dann das Thema Schlaf: Nachts stehe immer ich auf – er hört unsere Tochter einfach nicht. Manchmal fühle ich mich dann schon ziemlich alleine. Aber wecken will ich ihn auch nicht, wenn ich sowieso schon wach bin. Dieser konstante Schlafentzug grenzt wirklich an Folter. Ich habe bis heute keinen Tiefschlaf und höre, wenn sich unsere Tochter nur umdreht.

Vor allem im ersten Jahr war ich immer todmüde – ich konnte mich nicht konzentrieren, stand neben mir. Da hatte ich teils auch ganz, ganz böse Gedanken. Einmal habe ich meiner Hebamme davon erzählt, die dann flüsterte: "Du bist nicht alleine. Alle wollen ihr Kind mal auf den Mond schiessen."

Denise, 38

Ich musste lernen, wie ich meine Batterien aufladen kann.

Im ersten Jahr passiert wahnsinnig viel: Immer, wenn man sich gerade an etwas gewöhnt hat, steht die nächste Herausforderung an. Das ist aber auch ein Trost, weil man weiss, dass auch die schlechten Phasen wieder vorbeigehen. Für mich war es ganz besonders wichtig, zu lernen, wie ich meine Batterien aufladen kann – und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Mittlerweile weiss ich genau, was mir gut tut: mit einer Freundin was trinken gehen und über andere Sachen reden, zum Beispiel. Zeit zu zweit mit meinem Mann verbringen. Waldspaziergänge, ganz alleine. Oder, wenn die Kleine mal nicht dabei ist, im Auto die Musik so richtig, richtig laut aufdrehen.

In dieser Mini-Serie erzählen drei Frauen von ihrem ersten Jahr mit Baby: Was war toll, was mühsam? Hätten sie sich mehr Unterstützung gewünscht – vom Partner, ihrer Familie oder der Politik? In der letzten Folge nächsten Mittwoch ist Lena dran, die kurz nach der Geburt ihres Sohnes auf Jobsuche gehen musste, dank Family, Friends und ihrem heissgeliebten Yoga diese intensive Zeit aber gut überstanden hat.

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