Abum

Mein Trip ins Herz der neuen Kunst-Installation am Zürcher HB

von Alexandra Kruse

30 JUNI 2018

Life

Autorin Alexandra Kruse hat sich für uns die gestern eingeweihte Skulptur des Künstlers Ernesto Neto aus der Nähe angeschaut. Sie wäre vor Ehrfurcht am liebsten auf die Knie gegangen.

Dass hier absolute Magic am Start ist, wurde mir in jenem Moment klar, als ich in die Bahnhofshalle bog. Hinter dem Engel der Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle wächst seit neuestem ein 20 Meter hoher, majestätischer Baum. Die gehäkelte Kunstinstallation stammt von Ernesto Neto, einem Meister der mythologischen Kosmologie. 

Das Baumwesen besteht aus 10,22 Kilometern gefärbter Baumwolle (gelb für die Sonne, grün für die Erde), reiste per Schiff aus Brasilien nach Europa, ist komplett von Hand gefertigt und ohne eine einzige Schraube installiert. Runterhängende Gegengewichte aus Gewürzen und Samen aus verschiedenen Ländern sehen aus wie Vogelnester und stabilisieren das Ganze. Man kann es nicht anders sagen: Diese Kunstinstallation wirkt lebendig.

Zuerst anständig Grüezi sagen

Ich wollte vor Ehrfurcht auf die Knie gehen. Entschied mich aber für die professionelle Variante. Immerhin war das hier die offizielle Pressekonferenz der hardcore-renommierten Fondation Beyeler und Netos Werk ist ihr grösstes und aufwendigstes Kunstprojekt im öffentlichen Raum, das über Jahre geplant und mehrere Millionen gekostet hat. Also anständig Grüezi sagen, ein feines Käsebrötli essen und brav die Pressmappe studieren. 

Das ging so lange gut, bis der "GaiaMotherTree" seine Kraft entfaltete und ein wunderschöner und sehr grosser Käfer mit einem leuchtenden, gelben Dreieck auf dem Panzer direkt auf meiner Hand landete. Eine wunderschöne Schamanen-Elfe mit langen Ohrringen aus wilden Paradisvogelfedern, Batikoverall und Pradatasche erklärte mir, das der Käfer wohl zu ihr gehöre und vermutlich mit ihr aus dem Amazonas käme. Der Käfer liess sich bewundern, erhob sich in die Lüfte und liess mich mit offenem Mund zurück. 

Derweil stellten ernste Journalisten der wichtigsten Kunstpublikationen dem anwesenden Künstler wichtige Fragen. Und ich? Brauchte einen Moment, eine Zigarette und eine Pina Colada, bis ich ready war, das Innere des Baumes zu betreten, zu gross war meine Ehrfurcht. Gaia ist die personifizierte Erde, die Muttergottheit, die Leben hervorbringt und zugleich die Todesgottheit, die die verstorbenen in Empfang nimmt. OMG. Wir versammelten uns im Herzen der Skulptur.

The Artist is present

Ernesto Neto setzte sich zu uns und schloss die Augen. Ich auch. Die anderen nicht - sie hören über Kopfhörer zu. Aus Ernestos grossem Herz floss die Geschichte darüber, wie sein Sohn der Skulptur den Namen gab, wie alles miteinander zusammenhängt, warum unsere Zivilisation, vom Reichtum überwältigt, keinen Zugang mehr zur Spiritualität und wahrer Freiheit hat. Aus meinen Augen flossen Tränen. Als plötzlich die Sonne durch die Triumphbögen der 1891 gebauten Haupthalle fiel, übernahm es mich endgültig und ich landete straight up in einer anderen Dimension. 

Am Schluss: Nehme ich Ernesto in meine Kaschmirarme, bedanke mich und wir beide wissen, dass alles wahr ist, was hier im Raum ist. Sichtbar und unsichtbar. Es ist an uns, uns zu vernetzen und eine neue Welt zu erschaffen. Schöner als mit dieser Installation an einem der zentralsten Verkehrsknotenpunkte des ganzen Landes, kann man es nicht ausdrücken.

Magic is real. Ich werde soviel Zeit, wie ich kann, im Herzen des Gaia Mother Tree verbringen - come and play!

Der Baum bleibt noch bis zum 29.Juli 2018 im HB, das ausführliche Rahmenprogramm mit Mediation, Vorträgen und Workshops gibts hier.

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