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"Mein Nomaden-Leben ist aufregend, aber auch aufreibend"

von Yvonne Eisenring

4 NOVEMBER 2018

Life

Autorin Yvonne Eisenring hat seit drei Jahren keinen fixen Wohn- und Arbeitsort. Wie es sich als Nomadin lebt, erzählt sie hier.

Die letzten drei Jahre lebte ich in New York, Berlin, Bogotá und Paris. Ich war auf Roadtrips durch Italien, Irland und Südafrika, nahm an einer Thunfisch-Auktion in Tokio teil, versuchte mich an den Lifestyle in Miami zu gewöhnen – und bin dabei gescheitert –, ich bin in Island durch die Felder geritten und mit dem Velo durch Frankreich gefahren. Ich habe in Havanna und New Orleans die Nächte durchgefeiert, in Brooklyn und Montmartre je ein halbes Buch geschrieben und egal, wo ich war auf der Welt, habe ich jeden Tag die Laufschuhe angezogen und bin durch mein jeweiliges Quartier gejoggt. In Hamburg lief ich durch die Parkanlage Planten un Blomen, in New York durch den Fort Greene Park und in Paris durch die Gassen meines Arrondissements. Das sind meine vierzig Minuten Alltag. Vierzig Minuten, die jeden Tag gleich und doch ganz anders sind.

An einem Text, Buch oder Theaterstück kann ich überall arbeiten

2015 wurde ich zur Nomadin – oder besser gesagt zur Teilzeit-Nomadin, ein paar Monate des Jahres verbringe ich nach wie vor in der Schweiz. Ich kündigte meinen festen Job, gab meine Wohnung auf, verschenkte oder verkaufte meine Möbel und verstaute den Rest in einer Selfstorage-Box. Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Die Welt ist mein Zuhause, die Cafés, Bibliotheken und Flughäfen der Welt sind zu meinen Büros geworden. Ich kann an Projekten arbeiten und dabei in fremde Welten eintauchen. Ich kann mich mehrere Monate an einem Ort niederlassen und lerne dadurch andere Kulturen und Traditionen kennen. Ich habe nie aufgehört zu arbeiten, aber ich habe keinen fixen Arbeitsort mehr. An einem Text, Buch oder Theaterstück kann ich überall auf der Welt schreiben. Für mein Philosophiestudium muss ich nur für die Semesterprüfungen in Zürich sein, Vorträge, Storytelling-Workshops oder meinen Unterricht an der Hochschule Luzern kann ich von überallher vorbereiten.

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Die WG in New York war der Horror. Yvonne blieb trotzdem eine Weile – verständlich, bei dieser Stadt!

Arbeit vs. Vergnügen

Warum ich so lebe? Ganz einfach, es macht mich unfassbar glücklich. Und ich weiss nicht, wie lange ich noch Zeit habe. Wie lange ich noch reisen und all die Dinge tun kann, die ich tun will. Ich bin kerngesund, aber das muss ja nichts heissen. Ich habe schon früh und gleich mehrmals erlebt, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Darum mag ich auch den Spruch "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen" nicht. Was, wenn man es gar nie bis zur Pension schafft? Wenn man für das Vergnügen keine Zeit mehr hat? Wenn man gar nie Zeit hatte, herauszufinden, was Vergnügen für einen selbst bedeutet?

Wenn meine Freunde sagen "You are living the dream", haben sie einerseits recht, andererseits bin ich mir auch sicher, dass es nicht der Traum vieler wäre. Das Nomadenleben wird romantisiert. Es ist aufregend, aber auch aufreibend. In Paris lebte ich im Schaufenster eines Ladens – so gross wie eine Schuhschachtel. In New York war die eine WG so eklig, dass ich meine Flipflops sogar in der Dusche anhatte – und ich bin wirklich nicht heikel. In Bogotá konnte ich aus Sicherheitsgründen nicht einfach raus, meine tägliche Joggingrunde fand in einem kleinen Fitnessraum statt. Man vergisst schnell, dass Freiheit auch Kraft kostet. Wer wie ich lebt, kann seinen Alltag jeden Tag neu gestalten, seine Wohnorte spontan aussuchen, seine Arbeit selber einteilen. Das klingt verlockend, heisst aber auch, dass man ständig Entscheidungen treffen und sich auf Neues einlassen muss. Wer nur an einem Ort lebt und arbeitet, weiss immer, wie es läuft.

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Auf der Bühne eines «Creative morning» beim Verlag Tamedia in Zürich – wo auch Friday zu Hause ist.

Die Sache mit dem Geld

So wie ich lebe und arbeite, habe ich kein regelmässiges Einkommen. Zum Glück sagen mir Designerklamotten und teure Accessoires nichts. Shopping finde ich sogar grauenhaft anstrengend. Dass es ein Privileg ist, zu arbeiten, was und wie man möchte, ist mir völlig klar. Aber es war auch ein bewusster Entscheid: gegen finanzielle Sicherheit, für die Freiheit und das Risiko. Am Anfang war das nicht einfach. Ich war einen festen Lohn gewohnt und schluckte zweimal leer, als ich das erste Mal einfach nichts verdiente. Hätten mir meine Schwester und meine Freunde nicht gut zugesprochen, hätte ich vielleicht rasch wieder irgendeine Stelle angenommen. Solche Engpässe habe ich zum Glück nicht mehr. Müsste ich nach drei Jahren ein Fazit ziehen, wäre dies: Es ist alles in allem für mich gerade eine gute Zeit, selbstständig zu sein. Und es ist eine gute Zeit, die Welt zu bereisen. Dass man dadurch den Kontakt zu seinen wichtigsten Menschen verliert, kann ich nicht bestätigen. Mittlerweile sind diese Menschen ohnehin auf der ganzen Welt verteilt und meine Freundschaften wurden durch meinen unkonventionellen Lebensstil sogar stärker: weil wir uns wirklich Zeit füreinander nehmen, wenn wir zusammen sind oder lange telefonieren.

Für immer Nomadin?

Dass ich seit einem halben Jahr wieder ein Zimmer in Zürich habe – davor habe ich bei meiner Schwester gewohnt, wenn ich in der Schweiz war –, gefällt vor allem meiner Mutter. Sie hätte mich gern immer in der Nähe. Wenn ich hier bin, versuche ich deshalb, mir möglichst viel Zeit für sie zu nehmen.

Ob ich für immer so leben will? Keine Ahnung. Vielleicht habe ich in ein paar Jahren andere Wünsche und Sehnsüchte. Vielleicht will ich mich irgendwann irgendwo niederlassen. Aber zurzeit kann ich mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu wollen. Oder wie Elvis sang: There is so much world to see.

Mehr Bilder aus Yvonnes Welt gibts hier:
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