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In Marokko wird gerade online gegen Schwule gehetzt

von Gloria Karthan

20 APRIL 2020

Life

Eine marokkanische Influencerin stachelt ihre Follower dazu an, auf Datingapps zu checken, ob sich homosexuelle Männer in der Nähe befinden. Jetzt leben viele Marokkaner in Angst.

Die Beautyinfluencerin Sofia Talouni hat vergangenes Wochenende in Marokko eine riesige Outing-Kampagne gestartet. In einem Livestream auf Insta hetzte sie gegen schwule Männer und trug ihren Followerinnen auf, sich Datingapps wie Grindr und Planetromeo herunterzuladen und Fake-Profile zu erstellen.

"Diese Apps zeigen euch Menschen in eurer Nähe. 100 Meter, 200 Meter, sogar nur einen Meter, direkt neben euch im Wohnzimmer", sagt Sofia auf marokkanischem Arabisch im Video, das mittlerweile gelöscht wurde. "Wegen der Pandemie sind gerade alle zu Hause. Es könnte dir deinen Mann zeigen, deinen Sohn, deinen Nachbarn. Jeden."

Obwohl Sofia nicht explizit dazu aufruft, die Männer öffentlich zu outen, hat die in der Türkei lebende Marokkanerin einen erschreckenden Trend losgetreten. Am Wochenende haben ihre homophoben Follower zig Facebook-Seiten gegründet und massenweise Screenshots aus der App geteilt. Das Ziel: Schwule Männer gegen ihren Willen zu outen.

"Sie werden mich rausschmeissen. Oder verprügeln."

Seither sitzen viele schwule Marokkaner auf heissen Kohlen. Sie fürchten sich nicht nur vor den Reaktionen ihres Umfelds, sondern auch vor schlimmeren Konsequenzen. Denn in ihrem Heimatland sind homosexuelle Handlungen illegal und können mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Und obwohl Marokko in der arabischen Welt als relativ tolerantes Land gilt, gibt es immer wieder gewalttätige Übergriffe gegen Homosexuelle.

"Auf Facebook kursieren Bilder meiner Freunde mit schrecklichen, homophoben Captions", sagt ein 19-jähriger in Marokko lebender Schwuler zu "Pinknews". "Ich frage mich ständig, ob meine Bilder auch zu sehen sind, und wann das alles meine Eltern erreichen wird".

"Es ist wie eine Hexenjagd", sagt ein 20-jähriger Marokkaner dem Onlinemagazin "Insider". "Ich habe wahnsinnige Angst. Meine Bilder kursieren im Internet. Wenn meine Familie sie sieht, wird sie mich rausschmeissen. Oder verprügeln." Tatsächlich berichten mehrere mittlerweile geoutete Marokkaner von Todesdrohungen und davon, dass sie nun obdachlos seien – und das während einer Pandemie.

Influencerin ist selber queer

Was die ganze Story noch viel trauriger macht: Sofia selbst ist trans. Da sie in der Türkei wohnt, wo queer zu sein zwar stark tabuisiert, aber nicht verboten ist, ist sie weniger gefährdet als die Männer in Marokko. Der Fall zeigt, dass es auch innerhalb der LGBTIQ-Community gravierende Fälle von Homophobie gibt.

Doch es gibt auch ein paar Lichtblicke. Nachdem queere Influencer und Organisationen auf die Hetzjagd aufmerksam wurden, formte sich auf Social Media eine riesige Welle der Solidarität. Sofias Profil wurde von tausenden Userinnen und Usern gemeldet und daraufhin von Instagram gelöscht.

Auch die Datingapp Planetromeo reagierte prompt: "Wir haben sofort eine Sicherheitsmitteilung an alle unsere 41'000 Benutzer in Marokko geschickt und alle nach dem Insta-Aufruf erstellten Profile blockiert", sagt Jens Schmidt, CEO von Planetromeo zu "Insider". Ausserdem haben sich auf Insta zahlreiche Menschen zusammengetan, um schwulen Marokkanern, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, eine Unterkunft anzubieten.

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