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"Ich hätte meinen Sohn niemals in die Krippe gegeben"

von Marie Hettich

11 SEPTEMBER 2019

Das erste Jahr mit Baby

Wie fühlt sich die erste Zeit mit Baby an? Wir haben drei Mütter gefragt. Heute erzählt Lena, 28, die einen zweijährigen Sohn und eine sechs Monate alte Tochter hat.

Als Mutter muss man sich sehr oft Kommentare und Ratschläge von wildfremden Menschen anhören – damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Besonders im ÖV brauchts ein dickes Fell.

Ich ignoriere die Leute meistens, die sich ungefragt einmischen, manchmal sage ich auch etwas wie: Vielen Dank, Sie wissen sicher ganz genau, was mein Kind braucht. Oder: Ich weiss, ich bin eine ganz, ganz schlechte Mutter.

Eine Situation im Tram werde ich nie vergessen: Mein Sohn – er war vielleicht ein oder zwei Monate alt – lag in seinem Wagen und hat geweint, da kam plötzlich ein älterer Mann auf uns zugeschossen und rüttelte wie gestört am Kinderwagen. Ich habe ihn angebrüllt, er soll sofort damit aufhören – keine Chance. Irgendwann sind mir ein paar Leute zu Hilfe gekommen.

Das erste Jahr mit Kind war sehr intensiv. Einerseits ist es wunderschön und total spannend, das eigene Baby immer grösser werden zu sehen. Aber es ist auch streng – der Unterschied zum Leben vorher ist immens.

Früher hatte ich jeden Tag zwei, drei Stunden, in denen ich machen konnte, was ich will. Ich habe mich immer liebend gern mit mir selbst beschäftigt, langweilig war mir nie. Seit ich Mami bin, habe ich nur Zeit für mich, wenn ich das vorher akribisch plane.

Lena, 28

Ich war extrem auf Unterstützung angewiesen.

Mein Sohn hat anfangs überhaupt nicht gut geschlafen – ich litt konstant unter Schlafmangel. Wenn man keine Kinder hat, kann man sich das gar nicht vorstellen, wie es ist, nachts jede Stunde aufzustehen und dann am nächsten Tag nonstop funktionieren zu müssen.

Man kann sich nicht einfach eine Weile ausklinken und einen Mittagsschlaf machen. Der Schlafmangel hat mir zum Teil ganz schön auf die Laune geschlagen.

Es heisst ja, man brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen – da ist auf jeden Fall was dran. Weil mein Mann beruflich leider sehr stark eingebunden war, weiss ich nicht, was ich ohne meine Mutter, meine Schwiegermutter, aber auch ohne meine Freunde gemacht hätte. Ich hatte zum Glück von Anfang an ein Netzwerk an Leuten, die jederzeit vorbeikommen können, wenn ich sie brauche.

Vor allem im ersten Jahr war ich extrem auf Unterstützung angewiesen, weil mein Arbeitgeber kurz vor der Geburt meines Sohnes konkurs ging und ich plötzlich arbeitslos war.

Wann immer ich also aufs RAV oder zu einem Vorstellungsgespräch musste, wurde mein Sohn von Freunden oder einer seiner Grosis betreut. Da er nicht von der Brust trinken konnte und ich abgepumpt habe, war das überhaupt kein Problem.

Lena, 28

Hört nicht auf all die Ratschläge, sondern auf euch selbst.

Als er ein halbes Jahr alt war, habe ich angefangen, jeden Abend drei Stunden zu arbeiten – auch dann war er immer abwechselnd woanders. Einmal wöchentlich ist er über Nacht bei seinen Grosseltern geblieben, damit ich endlich mal wieder durchschlafen konnte.

Ich wusste, er ist in guten Händen – deshalb ist mir das auch nicht schwer gefallen, ihn wegzugeben. Eine Krippe wiederum wäre für mich undenkbar gewesen. So junge Kinder brauchen noch so viel Aufmerksamkeit. Dem kann keine Kita gerecht werden, finde ich.

Mein Tipp an alle, die das erste Jahr mit Baby noch vor sich haben: Nicht auf all die Ratschläge hören, sondern auf sich selbst. Mir ist das ziemlich gut gelungen – vielleicht ist das Typsache.

Aber ich denke, dass mir auch Yoga dabei geholfen hat, mit mir in Verbindung zu bleiben. Ich liebe Yoga – sogar am Tag meiner Geburt habe ich noch Übungen gemacht, und dann wieder damit angefangen, als mein Sohn zwei Wochen alt war. Er lag dann einfach daneben und wenn er mich gebraucht hat, habe ich kurz unterbrochen.

Sehr froh bin ich darüber, dass sich in meinem Freundeskreis nicht viel verändert hat, seit ich Kids habe. Alle kommen mir total entgegen, unterstützen mich, begleiten uns gern auf Familienausflüge. Auf der Seite meines Partners wiederum haben wir ein paar Kollegen verloren. Die hatten offenbar keine Lust, sich auf unser neues Familienleben einzustellen.

In dieser Mini-Serie erzählen drei Frauen von ihrem ersten Jahr mit Baby: Was war toll, was mühsam? Hätten sie sich mehr Unterstützung gewünscht – vom Partner, ihrer Familie oder der Politik? Hier könnt ihr die Schilderungen von Denise nachlesen, hier die von Anja.

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