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Weshalb wir uns Komplimente übers Aussehen verkneifen sollten

von Anaïs Rufer

16 SEPTEMBER 2019

Life

Textpraktikantin Anaïs findet random verteilte Komplimente übers Aussehen blöd. Sie bringen oft nicht den erhofften Effekt mit sich – im Gegenteil.

Bewertungen begleiten uns dank Facebook, Instagram und Co. täglich auf Schritt und Tritt. Herzli, Like, Daumen runter, Swipe rechts oder links: Wir haben eine ziemlich klare Meinung darüber, was uns passt und was nicht.

Dieses ständige Einteilen in Gefällt-mir und Gefällt-mir-nicht brachte zumindest mich dazu, nonstop über das Aussehen anderer zu urteilen. Bis eine Freundin mich darauf hinwies, dass ich ständig durch die Stadt laufe und Dinge wie "Schau dir diese Schönheit an" von mir gebe.

Komplimente richten Schaden an

Selber ist mir nie aufgefallen, wie häufig ich andere mit Lob zu ihrem Aussehen überschütte. Im Gespräch sind wir dann darauf gekommen, dass dieses Verteilen von Komplimenten eher Schaden anrichtet als Gutes bewirkt.

Ein Beispiel: Ich hätte gerne einen flacheren Bauch. Das ist etwas, was mich beschäftigt. Somit ist mein Blick auf Menschen mit meinem Wunschbody geschärft. Da sie mir besonders gefallen, mache ich ihnen ein Kompliment. Ich meine es zwar nett, schliesslich gefällt mir ihr Körper wirklich, aber eigentlich mache ich mich dabei nur selber fertig. Mit jedem Kompliment, das ich verteile, erinnere ich mich unterbewusst daran, dass ich eben nicht so aussehe, wie ich gerne würde, und vergleiche mich somit konstant mit anderen.

Mitmenschen kriegen Komplexe

Mit Kommentaren übers Aussehen verunsichern wir auch die um uns herum. Wenn ich zum Beispiel gerade täglich mit fiesen Pickeln zu kämpfen habe und eine Freundin in meiner Anwesenheit jemandem ein Kompliment für dessen reine Haut macht, verunsichert mich das zusätzlich. Sofort geht das Gedankenkarussel los: Wie findet sie dann meine Haut? Obwohl die Freundin wohl keine Sekunde lang daran gedacht hat, dass mich ihre Aussage verunsichern könnte.

Vielleicht bin ich komplett im Reinen mit dem Aussehen meiner Hände. Vielleicht werden Hände dann zum Gesprächsthema und ich werde mir bewusst, dass die Dicke und Länge meiner Finger nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen.

Wenn wir weniger Komplimente übers Aussehen machen würden, dann wären wir von Natur aus selbstbewusster und würden uns weniger den Kopf über unser Aussehen zerbrechen. Davon bin ich überzeugt.

"Du siehst glücklich aus"

Das alles soll aber nicht heissen, dass man gar keine Komplimente mehr machen sollte. Wenn man das Aussehen einer Person kommentieren möchte, dann kann man anstelle körperlicher Attribute zum Beispiel das Outfit einer Person einbeziehen und sagen, wie sehr diese Farbkombi zu den Augen passt.

Besonders Frauen werden schon früh auf ihr Aussehen reduziert und müssen lernen, dass sie durchaus auch mit anderen Qualitäten punkten können – zum Beispiel mit ihrem Charakter. Wenn sich meine Arbeitskollegin in einer Sitzung mit schlagkräftigen Argumenten durchsetzen konnte, dann freut sie sich bestimmt, wenn ich sie dafür lobe. Und wenn eine Person ganz zufrieden aussieht und ich mich über ihren Zustand freue, dann tut es auch ein einfaches: "Du siehst glücklich aus".

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