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Seo Young

Wie mich der Knoten in meiner Brust aufgerüttelt hat

von Gina Buhl

1 OKTOBER 2019

Health

Ein Knoten in ihrer Brust hat das Körpergefühl von Redaktorin Gina Buhl ordentlich durcheinandergewirbelt – und es dann zum Positiven verändert.

Ich schliesse das Browserfenster und klappe den Laptop zu. Durch das Wohnzimmerfenster wummern die Bässe eines vorbeifahrenden Autos. Die Vase auf dem Tisch vibriert. Dann öffne ich meinen medizinischen Berater wieder und formuliere die Suchanfrage nochmal: "Prognose Knoten Brust" tippe ich, während auf meinem Handy das Video einer Youtuberin läuft. Lena erzählt von ihrer Krebsdiagnose.

Eigentlich sollte ich über mich selber lachen und denken: Hör auf damit. Du hast auch später noch Zeit, dich verrückt zu machen. Doch jetzt klicke ich wie fremdgesteuert auf das vierte Ergebnis von oben. Irgendwie muss ich die Zeit bis zum Termin bei der Frauenärztin ja überbrücken.

Eine Stelle fühlte sich anders an

In der Nacht, in der ich den Knoten in meiner rechten Brust entdeckt habe, war es heiss. 29 Grad zeigte das Thermometer der alten Apo­theke an, bei der mein Freund und ich abbogen, als wir vom Openair-Kino nach Hause schlenderten. Im Bett hörte ich meinem Freund zu, wie er im Bad mit der Zahnbürste im Mund laut über den Film sinnierte. Gedankenverloren strich ich mit dem Zeigefinger über mein Dekolleté. Nahe der rechten Achsel stockte ich. Eine Stelle fühlte sich anders an. Härter. Ich tastete nochmal. Und da war er: der Knoten.

Er fühlte sich hubbelig an, fest – und nicht gerade harmlos. Ich rief nach meinem Freund. Leise, dann immer lauter. Seine Versuche mich zu beruhigen, prallten an mir ab. Wir lagen beide die ganze Nacht wach.

Zweimal nur hab ich den Knoten danach abgetastet – öfter hab ich mich nicht getraut. Ich war panisch. Das hat wohl auch die Praxis­assistentin der Gynäkologin gemerkt, die ich am nächsten Morgen anrief. Ich könne sofort vorbeikommen.

Schock Nummer eins

Bei der Frauenärztin, die vor mir sitzt, bin ich zum ersten Mal. Als ich ihr von meiner Entdeckung erzähle, winkt sie ab und murmelt etwas von geschwollenen Lymphknoten – eventuell hätte mich das beruhigen sollen. Dann fängt sie an, mich abzutasten. Mir ist schlecht. Weil es weh tut, als sie die Stelle berührt, und weil sich ihre Miene immer mehr verfinstert, als sie eine gefühlte Ewigkeit dort verharrt. "Meinen Sie das hier?", fragt sie. Ich nicke.

Das Gel, das sie dann wortlos auf meine Brust schmiert, ist eiskalt. Sie zieht das Ultraschallgerät heran – noch immer ohne Kommentar. Als sie endlich spricht, platze ich fast vor Anspannung: "Höchstwahrscheinlich ein gutartiger Tumor. Ich bin mir nicht sicher. Deshalb überweise ich Sie an eine spezialisierte Klinik." Der Satz trifft mich mit voller Wucht. Ein Tumor.

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Ich bin nicht allein

An den Tagen bis zum nächsten Termin hänge ich ständig am Handy: Um meiner Mutter zuzuhören, was ihre Recherchen ergeben haben. Um meinen Freundinnen von meiner Entdeckung zu berichten. Und um mich immer wieder dasselbe sagen zu hören: "Es ist bestimmt harmlos, ja. Aber dass da etwas ist, was nicht da hingehört, fühlt sich eklig an." Ich erfahre auch von drei Frauen in meinem Umfeld, die Tumore in ihrer Brust haben, und merke: Ich bin nicht allein damit.

Im Wartezimmer der Klinik sitzen fünf Frauen. Ich bin zwar ohne Support hergekommen, fühle mich aber gar nicht so. Unsere kleine Gang verbindet etwas – und der Gedanke daran hilft. Als ich aufgerufen werde, kreuzt sich mein Blick mit dem einer älteren Dame. Sie nickt und lächelt.

Schock Nummer zwei

Die Ärztin entdeckt drei Knoten. Einer davon sei etwas auffälliger, etwa einen Zentimeter gross. Sie tippt auf den Ultraschall-Bildschirm: «Könnte ein Fibroadenom sein», sagt sie. Sie klingt abgeklärt, denke ich. Als wärs keine grosse Sache. "Ich würde das gerne zur Sicherheit punktieren", sagt sie. "Was bedeutet das?", frage ich. "Ich möchte eine Gewebeprobe entnehmen, um sicherzustellen, dass es gutartig ist", antwortet sie. Ich nicke. Erst als sie mich einige Sekunden fragend anschaut, verstehe ich: Sie will es jetzt machen.

Das Gerät, das sie aus dem Regal holt, sieht unspektakulär aus – bis sie die geschätzt zehn Zentimeter lange Nadel montiert. Der Gedanke, dass dieses Ding gleich in meiner Brust steckt, lässt mein Herz rasen. Sie erklärt: erst Spritze, dann Gewebeentnahme mittels Stanzbiopsie und ab ins Labor damit. Ich kralle mich in der Liege fest, versuche ruhig zu atmen. Dann zählt sie: «Drei, zwei, eins...» Peng! Wie damals beim Ohrring-Stechen, denke ich. Doch das wars noch nicht. Der Knoten ist verrutscht, die Ärztin muss neu ansetzen. Sie zählt nochmal – peng! Auch beim zweiten Mal nimmt der M&M-grosse Fremdling in mir reissaus. Nach Versuch drei hab ichs endlich geschafft. Als ich aus der Klinik wanke, rufe ich heulend meine Mutter an.

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Fibroadenome sind gutartige Geschwülste, die vor allem aus Binde- und Drüsengewebe bestehen. Am häufigsten treten sie bei Frauen im Alter von etwa 15 bis 35 Jahren auf. Nehmen Frauen regelmässig die Antibabypille, sinkt das Risiko für Fibroadenome. Dass sich die Knoten zu bösartigen Tumoren entwickeln, ist höchst selten.

Ich habe Brustschmerzen vor der Mens

Am nächsten Morgen klingelt mein Handy. Ich bin irritiert. Es ist die Ärztin, die sich eigentlich erst nächste Woche mit dem Ergebnis melden wollte: «Wie erwartet ist es ein Fibroadenom, Frau Buhl. Es ist alles gut.» Sie erklärt, dass ich in drei Monaten zur Kontrolle kommen solle. Ich fühle mich zehn Kilo leichter.

Seit ich weiss, dass da drei Knoten sind, habe ich mehr Brustschmerzen vor der Mens. Das scheint normal zu sein, lese ich. Und trotzdem: Es stört mich, weil es mich immer wieder daran erinnert, dass ich mit Fremdkörpern in meiner Brust rumlaufe.

Ich fange auch an, mir Gedanken über meine Brüste zu machen. Was, wenn mir mein Body mit den Knoten etwas mitteilen wollte? Was, wenn ich die Gesundheit meiner Brüste immer zu selbstverständlich genommen habe? Eigentlich habe ich mir nie besonders viele Gedanken darüber gemacht. Kein Wunder, dass sie mir mal einen Denkzettel verpassen wollten. Ich beschliesse, sie mehr zu schätzen.

Ich will die Knoten loswerden

Um ganz Zen mit meinen Brüsten zu werden, will ich die Knoten loswerden. Davon bin ich überzeugt, als ich drei Monate später zu meinem Termin spaziere. Die Ärztin erklärt mir den Eingriff (der in meinem Fall nicht notwendig ist, sondern eine kosmetische Angelegenheit) und holt den ausführenden Chirurgen ins Zimmer. Nachdem er mich auch abgetastet hat, lächelt er: «Wenn Sie es raus­haben wollen, bin ich für Sie da.» Ein schöner Satz. Schon beim Verlassen der Klinik merke ich aber, dass ich das doch nicht möchte. Die Tatsache, dass die Entscheidung jetzt bei mir liegt, beruhigt mich ungemein. Ich habe die Kontrolle zurück.

Vor einer Woche war mein letzter Untersuchungstermin. Wie bei all den Frauen in der Brust-Gang, gehören solche Kontrollen für mich nun dazu. Das ist okay. Und wie allen Frauen, die sich mit der Gesundheit ihrer Brüste auseinandersetzen, ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, acht auf sie zu geben. Denn sie sind mehr als nur ein Körperteil, der an uns dranhängt. Sie haben es verdient, dass wir ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken. Dass wir sie abtasten, um zu merken, wenn etwas nicht stimmt. Und das werde ich weiterhin tun.

Der Monat Oktober ist dem Brustkrebs gewidmet. Weltweit wird auf Ursachen, Risiken, Präventionsmöglichkeiten und Früherkennung aufmerksam gemacht. Weitere Infos findest du hier.

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