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"Sich zu engagieren kann gegen Klima-Angst helfen"

von Gloria Karthan

21 NOVEMBER 2019

Life

Die sogenannte Klima-Angst soll in den USA als psychische Störung gelten. Wir haben einen Experten gefragt, wie man damit umgeht, wenn die Klimakrise auf die Psyche schlägt.

Der Regenwald brennt, der Meeresspiegel steigt und pro Tag sterben rund 130 Arten aus. Es fällt schwer, positiv zu bleiben, wenn man sich vermehrt mit der Klimakrise und ihren Auswirkungen auseinandersetzt.

Der Begriff Klima-Angst ist zwar schon Ende der 60er-Jahre erstmals aufgetaucht, neuerdings liest und hört man jetzt wieder mehr davon. Die amerikanische psychologische Gesellschaft überlegt seit ein paar Jahren, sogenannte eco-anxiety in die Liste der psychischen Störungen aufzunehmen.

Jan Lenarz ist Aktivist für mentale Gesundheit, Autor und Verleger und schreibt mit Unterstützung einer Psychologin an einem Buch zur Klima-Angst, das nächsten Februar erscheinen soll. Auf seinem Instagram-Account @klimaangst gibt der Berliner ausserdem regelmässig Tipps zum Thema. Wir haben mit ihm telefoniert.

"Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag fühle", sagte Greta Thunberg damals in ihrer Rede am WEF. Ziel erreicht? Naja, aktuell sind eher die falschen Menschen von Panik betroffen. Und: Panik soll nur von kurzer Dauer sein. Als Initialzündung ist sie zwar super – aber wer panisch bleibt, ist nicht handlungsfähig. Ich kenne Menschen, die so stark an Klima-Angst leiden, dass sie nicht mehr in den Wald gehen können, weil sie dabei nur noch an die Zerstörung der Natur denken. Das ist kontraproduktiv.

Was versteht man unter Klima-Angst? Kurz gesagt ist es die Angst, dass der Klimawandel das eigene Leben bedroht oder es in der Zukunft massiv einschränken wird. Ich verstehe darunter zusätzlich noch alle Emotionen, die mit dem Thema zusammenhängen und die eigene mentale Gesundheit belasten. Dazu gehören auch Wut, Enttäuschung, Frustration, Hoffnungslosigkeit, Scham und Trauer.

Und was unterscheidet sie von der herkömmlichen Angst? Bei einer Angststörung sind die Ängste nur selten rational und oft eher diffus. Darum kann man sie auch gut therapieren, indem man der Person klar macht: Hey, das ist nicht bedrohlich, deine Angst in diesem Masse ist unbegründet. Vom Klimawandel kann man das nicht nicht behaupten. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass diese Bedrohung real ist und uns alle betrifft.

Klima-Angst ist also schwieriger therapierbar, weil sie rationaler ist? Genau. Am ehesten vergleichbar ist sie mit Existenzangst oder der Angst vor dem eigenen Tod.

Jan Lenarz

Aktivist für mentale Gesundheit, Autor und Verleger

Ich rate davon ab, Klimawandelleugner überzeugen zu wollen. Diese Energie sollte man sich besser sparen, das frustriert nur unnötig.

Welche Menschen sind am häufigsten betroffen? Sicher mehr als man denkt: In Deutschland fürchten sich gemäss einer Umfrage über 40 Prozent vor dem Klimawandel. Zu Klima-Angst gibts leider noch kaum Studien, aber Frauen leiden öfter darunter als Männer. Sensible und kreative Menschen sind ebenfalls eher betroffen als rationale Menschen – sie können sich die Szenarien, die uns in zwanzig oder dreissig Jahren erwarten, lebhafter vorstellen.

Was kann man denn gegen Klima-Angst machen? Sich eingestehen, dass man betroffen ist, die Emotionen nicht als Schwäche sehen und vor allem mit jemandem darüber reden. Viele von uns beschäftigen sich in irgendeiner Weise mit dem Klimawandel oder versuchen nachhaltiger zu leben. Aber nur wenige sprechen über ihren Leidensdruck oder geben zu, dass sie sich gelähmt fühlen.

Was, wenn das Umfeld so gar nichts mit einer Klima-Angst anfangen kann? Wer das Thema anspricht, ist oft erstaunt, wie viele andere auch betroffen sind. Im Gespräch sollte man einfach immer bei den eigenen Gefühlen bleiben, statt beispielsweise seinen Mitmenschen zu sagen, sie sollen nachhaltiger leben. Und ich rate davon ab, Klimawandel-Leugner überzeugen zu wollen. Diese Energie sollte man sich besser sparen, das frustriert nur unnötig.

Kann es auch helfen, sich zu engagieren? Auf jeden Fall. Das Gefühl, etwas zu bewegen, ist sehr heilsam. Selbst wenn sich in der Politik nicht sofort was tut, fühle ich mich weniger ohnmächtig und alleine, wenn ich fürs Klima demonstriere. Dazu kommt der Austausch mit Menschen, denen es ähnlich geht.

Jan Lenarz

Aktivist für mentale Gesundheit, Autor und Verleger

Klar schlägts auf die Psyche, wenn man sich abends im Bett auf Instagram Bilder vom brennenden Regenwald reinzieht.

Die Katastrophen-Meldungen im Newsfeed häufen sich. Wie schützt man sich davor? Wer sich komplett zurückzieht, kommt schnell in einen Status der Verbitterung, das ist nicht gut. Aber es macht durchaus Sinn, hin und wieder zu sagen "das Thema tut mir nicht gut, ich brauche eine Pause" und dann für eine gewisse Zeit keine Nachrichten zu konsumieren. Klar schlägts auf die Psyche, wenn man sich abends im Bett auf Instagram Bilder vom brennenden Regenwald reinzieht.

Wie sähe denn ein gesunder Umgang aus? Man muss sich nicht konstant informieren, die Kernfakten bleiben ja etwa dieselben. Ich hab zwei Insta-Accounts, einen privaten und einen mit Klima-Nachrichten, den ich nur ab und zu checke. Einmal die Woche informiere ich mich ausserdem auf wissenschaftlichen Portalen. Da sind die Facts weniger stark emotional aufbereitet als auf Newsseiten.

Kann man Klima-Angst auch was Gutes abgewinnen? Es kommt natürlich darauf an, wie widerstandsfähig man ist. Solange der Alltag nicht beeinträchtigt ist, können wir aber sogar davon profitieren.

Inwiefern? Bei vielen Betroffenen gibts einen Schockmoment, der sie komplett runterzieht. Danach beginnen aber viele, intensiver zu leben oder werden aktiv. Wer Angst hat, kommt ins Handeln – das ist eine natürlich Abwehrreaktion.

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