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Was bedeutet es, heute HIV-positiv zu sein?

von Gina Buhl

23 SEPTEMBER 2019

Health

In seiner Autobiografie erzählt "Queer-Eye"-Star Jonathan van Ness, dass er an HIV erkrankt ist. Eine Krankheit, die heutzutage gut behandelbar ist, aber immer noch viele Fragen aufwirft.

Es dauert zwar noch einen Tag bis "Over the Top", die Autobiografie von Reality-Star Jonathan Van Ness, erscheint, doch die bewegenden Geschichten, die der "Queer Eye"-Schauspieler darin erzählt, sind in den Medien schon jetzt omnipräsent: In der Kindheit wurde er sexuell missbraucht, es folgten Drogen und Prostitution. Dann setzte das Schicksal noch einen drauf: Diagnose HIV-positiv. "Dieser Tag war genauso schlimm, wie man es sich vorstellt", so der 32-Jährige zur "New York Times", die vergangenen Samstag eine kleine Buch-Sneakpeak veröffentlicht haben.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Was aber bedeutet so eine HIV-Diagnose heutzutage überhaupt für einen Menschen? Elf Fragen und elf Antworten für euch.

  • Wie wird das Ganze nochmal übertragen?
    Das Wichtigste vorweg: Im Alltag ist HIV nicht übertragbar. Am häufigsten wird das Virus beim Vaginal- oder Analverkehr übertragen. Davor schützen Kondome und Femidome (die sich sowieso lohnen, weil andere sexuell übertragbare Erkrankungen wie Syphilis oder Tripper die Übertragung von HIV erleichtern). Übrigens ist HIV leichter vom Mann auf die Frau übertragbar als umgekehrt. Ein weiteres hohes HIV-Risiko besteht beim gemeinsamen Benutzen von Spritzen und Nadeln beim Drogenkonsum. Auch während der Schwangerschaft, bei der Geburt und beim Stillen besteht Übertragungsgefahr – aber nur, wenn das Mami HIV positiv ist und keine erfolgreiche Therapie macht.
  • Und was ist mit Küssen?
    Kein Grund zur Sorge – genau so wenig wie beim Umarmen, Anhusten oder Anniesen. Auch bei gemeinsamer Benutzung von Tellern, Gläsern, Toiletten, Handtüchern oder Bettwäsche besteht kein Risiko. Auch nicht in Schwimmbädern oder Saunen, beim Zusammenarbeiten und -wohnen mit Menschen mit HIV. Bei medizinischen und kosmetischen Behandlungen (etwa in der Zahnbehandlung oder Fusspflege) und beim Tätowieren und Piercen übrigens auch nicht, sofern unter hygienischen Bedingungen gearbeitet wird.
  • Wie macht sich HIV überhaupt bemerkbar?
    Am Anfang steht die akute Infektion, die bei einigen mit grippeähnlichen Beschwerden auftritt, bei anderen aber komplett unbemerkt verläuft. Tricky ist, dass in dieser frühen Phase der Infektion im HIV-Test keine Antikörper nachweisbar sind. Deshalb ist es für Mediziner auch schwierig, eine Infektion zu diagnostizieren. Ihr solltet also unbedingt selber wachsam sein und euren Arzt auf eine Risikosituation aufmerksam machen. Es folgt die symptomfreie Phase, die viele Jahre anhalten kann. Keine Symptome heisst aber nicht, dass das HI-Virus nicht mehr vorhanden ist und keinen Schaden anrichtet. Im Gegenteil: Es vermehrt sich weiter und zerstört die CD4-Zellen (quasi die Oberchiefs des Immunsystems).
  • Und wie gehts weiter?
    In der symptomatische Phase treten dann erste Beschwerden auf, etwa Fieber ohne erkennbare Ursache, chronischer Durchfall, Gürtelrose oder Lymphknotenschwellungen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist ein Therapiebeginn nötig. Denn wenn die Infektion nicht behandelt wird, entwickeln sich meist nach etwa acht bis zehn Jahren sogenannte AIDS-definierende Erkrankungen, wie Tuberkulose, Salmonellen oder chronische Geschwüre. Im Normalfall kein Problem – bei Aids ist das Immunsystem aber so stark geschwächt, dass harmlose Krankheitserreger nicht mehr abgewehrt werden können. Aids ist also das späte Stadium einer HIV-Infektion, die nicht erfolgreich behandelt wird.
  • Ist jetzt alles vorbei?
    Auf gar keinen Fall! Als das HI-Virus Anfang der Achtziger entdeckt wurde, war die Diagnose ein Todesurteil. Heute lässt sich eine HIV-Infektion zwar nicht heilen – dank den verfügbaren medizinischen Therapien haben HIV-positive Menschen aber eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Menschen, die den Virus nicht in sich tragen.
  • Wie und wo kann man sich testen lassen?
    Einen HIV-Test kann man anonym und (mit Beratung) bei Teststellen wie Aidshilfen oder Checkpoints machen. Aber auch Ärzte und Ärztinnen bieten den Test an. Mit Selbsttests könnt ihr euch zu Hause testen. Allerdings müssen nach einer möglichen HIV-Übertragung einige Wochen vergehen, bevor ein Test die Infektion sicher ausschliessen kann. Wie lange, hängt vom jeweiligen Test ab.
  • Was ist, wenn beide nichts von einer HIV-Infektion wissen?
    Grundsätzlich sollten natürlich immer alle beteiligten Sex-Partnerinnen ihren HIV-Status kennen. Nach ungeschütztem Sex mit einer Person, die sehr wahrscheinlich HIV hat und nicht mit Medis behandelt wird, kann eine sogenannte Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) eine HIV-Übertragung noch verhindern. Beginnen sollte man damit idealerweise innerhalb von 2 Stunden, möglichst innerhalb von 24 und nicht später als 48 Stunden nach dem "Unfall".
  • Darf man weiterhin Sex haben?
    Und wie man das darf! HIV ist kein Grund, auf Sex zu verzichten – allerdings heisst die Bedingung Safer Sex. Beim Geschlechtsverkehr (egal ob anal oder vaginal) schützen euch Kondome. Aber auch eine gut funktionierende HIV-Therapie bewahren die Partnerin oder den Partner sehr gut vor einer Infektion. Sollte das Kondom beim Sex reissen, hilft wieder die mehrwöchige PEP-Therapie. Die ist übrigens nur notwendig, wenn der HIV-positive Partner keine erfolgreiche Therapie macht.
  • Wie sieht so eine HIV-Therapie überhaupt aus?
    Die HIV-Therapie wird auch antiretrovirale Therapie (ART) genannt. Sie unterdrückt die Vermehrung der Viren im Körper. Im Gegensatz zu früher, als die Betroffenen während einer Therapie Unmengen unterschiedlicher Wirkstoffkeulen nehmen mussten, besteht die HIV-Therapie heute aus ein bis zwei Tabletten am Tag. Bei der Behandlung werden immer mehrere Wirkstoffe miteinander kombiniert, die an unterschiedlichen Stellen der HIV-Vermehrung ansetzen – deshalb nennt man das Ganze auch Kombitherapie. Manche Medis verhindern zum Beispiel, dass das Virus in die Zellen eindringen kann. Andere hindern es daran, in der Zelle das Kommando zu übernehmen. Und wieder andere verhindern, dass eine infizierte Zelle neue Viren freisetzt.
  • Was ist mit Kindern?
    Mittlerweile können HIV-Infizierte auf natürlichem Weg Eltern werden: Die Medikamente schützen nämlich vor einer Übertragung während der Zeugung, Schwangerschaft und Geburt. Bei bekannter HIV-Infektion kann das Übertragungsrisiko der Mama aufs Kind auf unter zwei Prozent gesenkt werden – vor allem durch einen Kaiserschnitt und den Verzicht aufs Stillen. Nach der Entbindung bekommt das Baby dann vier Wochen lang eine antiretrovirale Therapie. Weil ein Kind bis zu seinem 18. Lebensmonat Antikörper der Mutter in sich trägt, gibt es aber erst ein Test nach dieser Zeit Entwarnung.
  • Muss ich es meinem Arbeitgeber sagen?
    Grundsätzlich gilt: Arbeitnehmende müssen den Arbeitgeber über Eigenschaften aufklären, die für die Arbeit wesentlich sind. Schränkt die HIV-Infektion die Arbeitsfähigkeit ein, muss das dem Arbeitgeber mitgeteilt werden. Welche Krankheit für die Einschränkung verantwortlich ist, muss man dem Arbeitgeber aber nie mitteilen. Das bedeutet: Solange man sich gesund fühlt und nicht krankgeschrieben wird, besteht gegenüber dem Arbeitgeber keine Informationspflicht. Übrigens dürfen HIV-positive Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Schweiz alle Berufe ausüben.
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