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Jeder zweite Trans-Junge wollte sich schon das Leben nehmen

von Gina Buhl

21 SEPTEMBER 2018

Life

Eine US-Studie hat ergeben, dass über die Hälfte aller Transgender-Jungs in den USA schon einen Suizidversuch hinter sich hat. Wir haben mit einer Jugendpsychologin darüber gesprochen.

Es ist ein erschütterndes Ergebnis: In den USA haben 50,8 Prozent aller Trans-Jungs zwischen 11 und 19 Jahren schon einmal versucht, sich umzubringen. Zu diesem Ergebnis sind Forscher der University of Arizona gekommen. In ihren Untersuchungen wollten die Wissenschaftler herausfinden, inwiefern sich das Suizid-Verhalten bei verschiedenen Genderidentitäten unterscheidet. Dazu haben sie Cis-/-Intersexuelle- und Trans-Jugendliche befragt.

Deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern

Mit dieser Suizidrate unterscheiden sich die Trans-Jungs (bei der Geburt als Mädchen bezeichnet, identifizieren sich als Jungs) stark von den Ergebnissen der Trans-Girls (bei der Geburt als Jungs bezeichnet, identifizieren sich als Mädchen): Bei ihnen sind es 29,9 Prozent. Wie lässt sich das erklären? Wir haben mit Psychotherapeutin Tanja Schenker von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Zürich über die Ergebnisse der Studie gesprochen.

Frau Schenker, welche Rolle spielt die Pubertät für Trans-Jugendliche? Grundsätzlich ist das für alle Jugendlichen eine schwierige Zeit – unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität. Wir wissen, dass die Suizidrate bei allen Teens in dieser Phase ansteigt. Für Trans-Jugendliche ist die Belastung aber besonders hoch weil die körperliche Veränderung, die die Pubertät mit sich bringt, für sie viel einschneidender ist.

Warum? Nehmen wir die Trans-Jungs: In ihrer Kindheit konnten sie sich vielleicht noch so verhalten, wie es ihre Identität von ihnen verlangt hat. Sie haben also mit Cis-Jungs gespielt und sind vielleicht wegen ihrem Aussehen als solche durchgegangen. In der Pubertät fangen dann aber die Brüste an zu wachsen und die Mens setzt ein. Plötzlich passt ihre Identität nicht mehr zu ihrem Körper.

Woran liegts, dass die Zahl der Suizidversuche bei den Trans-Jungs so viel höher ist als bei den Trans-Mädchen? Die angesprochenen körperlichen Veränderungen werden bei den Trans-Jungs viel schneller deutlich. Sie sind häufig erst 12, wenn ihre Periode einsetzt. Trans-Mädchen dagegen kommen erst später in den Stimmbruch. Ausserdem legen Jungs – egal ob Trans oder nicht – oft ein eher aggressives Verhalten an den Tag und sind impulsiver. Dann ist auch ein Suizid schneller versucht.

Tut sich das soziale Umfeld schwerer, Trans-Jungs zu akzeptieren, als Trans-Mädchen? Wir nehmen aufgrund unserer Erfahrungen an, dass es umgekehrt ist. Das fängt schon sehr früh an: Wenn ein Kind, das bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurde, sich jungenhaft verhält, ist das gesellschaftlich viel akzeptierter als umgekehrt. Weibliche Trans-Teens erleben leider oft eine Stigmatisierung. Es gibt auch Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass sie häufiger gemobbt werden als Trans-Jungs.

Würde das nicht gegen die aktuellen Zahlen sprechen? Nein. Ich nehme an, dass bei der Studie der University of Arizona nicht ansatzweise alle Trans-Mädchen erfasst wurden.

Wie kommen sie darauf? Viele Trans-Frauen haben ihr Outing erst im Erwachsenenalter. Ausserdem behalten Trans-Mädchen, genau so wie Cis-Mädchen, ihre Ängste lange für sich und ziehen sich zurück.

Was können wir tun, um derart viele Suizidversuche zu vermeiden? Ich denke, es tut den Teens gut, wenn sie sehen, dass es auch anderen so geht wie ihnen. Auf Youtube gibts es schon viele gute Beispiele von Trans-Jugendlichen und auch in Serien werden sie sichtbarer. Es braucht aber unbedingt noch mehr Vorbilder in den Medien. Ausserdem ist es sehr wichtig, dass Eltern und Freunde die Jugendlichen in ihrer Identität so früh wie möglich unterstützen. Untersuchungen haben ergeben, dass Trans-Jugendliche, die früh zu ihrer Identität stehen können, sich bezüglich Ängsten und Depressionen kaum von den Cis-Jugendlichen unterscheiden.

Hier findet ihr Youtube-Inspo und weitere Infos:
  • TheRealAlexBertie: Der britische Trans-Boy verbindet seine Transistions-Story mit Shopping-Hauls und gibt Tipps und Ratschläge an die LGBTQ-Community.
  • Stef Sanjati: Hier findet ihr spannende Trans-Education-Videos, Make-up-Tutorials und Transition-Vlogs.
  • Justin Blake: Der Trans-Boy nimmt euch mit auf seine Transitions-Reise und liefert monatliche Updates, wie sich sein Körper mit Hilfe von Testosteron verändert.

Weitere Infos und Anlaufstellen:

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