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Ist es okay, Weihnachten ohne die Eltern zu feiern?

von Marie Hettich

5 DEZEMBER 2018

Life

Das haben wir den Philosophen Michael Bordt gefragt. Er muss es wissen – eines seiner Bücher heisst "Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen".

Herr Bordt, nehmen wir an, ich habe dieses Jahr überhaupt keine Lust, Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen. Was nun? Na ja, Lust ist da nicht das richtige Entscheidungskriterium. Denken Sie an Fälle, wo der Partner im Spital liegt und eine schwere Operation vor sich hat – da hat man auch keine Lust, vorbeizugehen. Man tut es aber trotzdem.

Ist Weihnachten mit der Family also Pflicht? Natürlich nicht. Das hängt ganz von den individuellen Werten ab. Viele Menschen halten es schlicht für richtig, an Weihnachten ihre Eltern zu besuchen. Auch wenn sie wissen, dass sie dort nicht die spassigste Zeit ihres Lebens haben werden.

Was aber, wenn die letzten Male furchtbar anstrengend waren? Dann ist es gut, über Alternativen nachzudenken und rechtzeitig mit den Eltern darüber zu sprechen. Man könnte sagen: Mir liegt viel daran, ein schönes Weihnachtsfest mit euch zu verbringen, aber wie wir bisher gefeiert haben, passt für mich nicht mehr. Können wir dieses Jahr vielleicht etwas anders machen?

Zum Beispiel? Es gibt Familien, die über die Feiertage gemeinsam wegfahren. Oder man lädt die Eltern mal zu sich nach Hause ein.

Sagen wir aber, ich möchte auch nach langem Abwägen ohne sie feiern. Wäre Krankmachen eine Option? Das wäre feige! Und mit einer Lüge gehts einem doch selbst nicht gut.

Wie bringe ichs ihnen also bei? Falls es konkrete Gründe gibt, die die Eltern nachvollziehen können, ist das natürlich leichter. Zum Beispiel, wenn man das ganze Jahr über beruflich sehr eingespannt war und sagt, dass man die Feiertage für sich und seinen Partner braucht. Oder wenn eine Freundin lange krank war. Wenn es allerdings nur darum geht, per se nicht mit den Eltern feiern zu wollen, gehört viel Mut dazu. Mut zum Konflikt.

Warum fällt es uns so schwer, Erwartungen von anderen zu enttäuschen? Weil es immer der leichtere Weg ist, von möglichst vielen Leuten Anerkennung zu bekommen. Anerkennung ist ja auch mit Liebe verbunden. Wer selbstbestimmt lebt, riskiert, sich von Quellen der Zuneigung und Liebe abzuschneiden.

Was bedeutet Selbstbestimmung eigentlich ganz genau? Selbstbestimmung bedeutet nicht, immer das zu tun, was im Moment für mich passt, was gerade meiner Stimmung entspricht. Im Gegenteil: Ich muss lernen, mit meinen Emotionen umzugehen und ihnen nicht zum Opfer zu fallen. Selbstbestimmt zu leben heisst so zu leben, wie ich es für richtig halte. Und das kann dann eben bedeuten, dass man an Heiligabend ganz selbstbestimmt zu den Eltern fährt, auch wenn man lieber mit Freunden um die Häuser ziehen würde.

Warum ist Selbstbestimmung auch gegenüber den Eltern wichtig? Weil die Familie unglaublich prägend ist. Erziehung besteht ganz wesentlich darin, dass Eltern ihren Kindern mitgeben, was sie selber für richtig und falsch halten. Die Auseinandersetzung damit ist als Erwachsener essenziell: Wie bin ich eigentlich geprägt? Stimmt das so für mich? Oder sind mir vielleicht ganz andere Dinge im Leben wichtig?

Was passiert, wenn Menschen kein selbstbestimmtes Leben führen? Dann werden sie immer unzufriedener und haben irgendwann den Eindruck, ihr eigenes Leben verpasst zu haben. Ich weiss nicht, wie das in der Schweiz ist, aber in Deutschland blickt man in sehr viele enttäuschte Gesichter.

Kann ich mir ein Leben nach eigenen Vorstellungen antrainieren? Eine gute Methode ist, sich jeden Abend Zeit zu nehmen, um auf den Tag zurückzuschauen und sich zu fragen: Wann habe ich heute die Erwartungen und Wünsche anderer erfüllt und wann habe ich nach meinen eigenen Vorstellungen gehandelt? Ich empfehle auch, Tagebuch zu schreiben. Nach ein, zwei Monaten wird da meistens sehr deutlich, in welchen Lebensbereichen die Selbstbestimmung zu kurz kommt. Die Feiertage eignen sich übrigens bestens, um mit dem Schreiben anzufangen.

In seinem Buch schlägt Michael Bordt eine neue, befreiende Sicht auf Enttäuschungen vor. "Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen: Vom Mut zum selbstbestimmten Leben" (Elisabeth Sandmann)

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