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"Ich wollte wissen, was andere Frauen beim Orgasmus fühlen"

von Melanie Biedermann

3 OKTOBER 2018

Entertainment

Die Freiburgerin Annie Gisler, 34, hat mit “La petite mort” einen Film über den weiblichen Orgasmus gedreht. Er zeigt, dass wir nicht nur in Sachen Sex noch immer viel verpassen.

Annie, du hast „La petite mort“ gedreht nachdem du, wie du selber sagst, gekommen bist wie nie zuvor. Was ist passiert? Bis zu dem Zeitpunkt war ich mir nie wirklich sicher, ob ich schon einen Orgasmus hatte. Im Gegensatz zu meinen männlichen Partnern war mir nie klar, ob ich wirklich fertig bin. Mit 31 hatte ich dann diesen starken Orgasmus. Es war, als wäre ich eine Rakete, die die Stratosphäre durchquert.

Warum wolltest du dich danach näher mit dem Thema beschäftigen? Das Erlebnis machte mich neugierig, ich wollte wissen, was andere Frauen beim Orgasmus fühlen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich noch nie mit jemanden darüber gesprochen hatte, wie sich ein Orgasmus anfühlt.

So richtig ins Detail gehen wir beim Freundinnen-Sex-Talk dann eben doch nicht, oder? Nein. Wer reden darüber, mit wem wir wo und wie Sex haben, ob es gut war oder nicht, und dann vielleicht noch über Penisgrössen. Aber über Sexfrust in der Beziehung oder übers Masturbieren? Diese Gespräche hatte ich vorher nie.

Eine deiner Protagonistinnen im Film sagt, sie masturbiere bis zu sechsmal am Tag. Ja. Aber andere Frauen, die ich interviewte, gaben zwar zu, sich selbst zu befriedigen, nicht aber wenn sie in Beziehungen seien. Als wäre Masturbation unfair dem Partner gegenüber oder doch nicht ganz normal.

Ist es nicht verrückt, dass wir uns für so etwas wie Masturbation immer noch rechtfertigen müssen? Absolut! Masturbation ist für Frauen definitiv auf eine Art mit Scham behaftet, die Männer weniger betrifft. Dabei geht es gerade bei der Selbstbefriedigung ja darum, den eigenen Körper zu entdecken. Davon profitieren am Ende beide Geschlechter.

Im Film zeigst du Vulven aller Art. Viele davon. Ja, ich fand es wichtig, dass wir diese Scham und den Ekel ablegen. Bis vor drei, vier Jahren hatte ich selber keine Ahnung, wie unterschiedlich sie aussehen können. Inzwischen finde ich Vulven schön. Wir brauchen diese positiven Bilder und sollten stolz sein. Es gibt doch schon genug Leid und Druck im Zusammenhang mit dem weiblichen Körper.

Warum zeigst du auch die Klitoris explizit? Weil sie unser Lustzentrum ist und viele von uns keine Ahnung haben, wie sie aussieht. Die vollständige Form der Klitoris wurde erst 1998 entdeckt und in vielen Büchern zur Sexualerziehung ist bis heute nichts über sie zu finden. Aber wie willst du denn ein gesundes Verhältnis zu deiner Sexualität entwickeln, wenn der Lust-Aspekt so konsequent ausgeklammert wird?

Im Film kommen Themen von Squirting bis Anal-Orgasmen auf den Tisch. Wurde es nie unangenehm am Set? Tatsächlich nicht. Natürlich hatte jede der fünf Frauen ihre eigenen Sensibilitäten und unterschiedliche Erfahrungen mit den Themen, aber alle waren offen. Ich habe riesigen Respekt vor jeder einzelnen, dass sie so mutig waren, vor der Kamera darüber zu reden.

Waren auch Männer im Raum? Nein, die Interviews haben wir mit einer reinen Frauencrew gedreht, diesen geschützten Rahmen zu bieten, war mir wichtig. Es hätte nicht funktioniert, wenn da noch ein Mann den Ton gemacht hätte oder so.

Kamen während des Drehs Themen auf, die du nicht auf dem Schirm hattest? An Anal-Orgasmen hätte ich zum Beispiel nie gedacht. Aber ein paar Frauen meinten: Doch, doch! Ich habe während der Dreharbeiten noch sehr viel dazu gelernt. Allein mit anderen Frauen so offen über all diese Themen zu reden, fühlte sich sehr befreiend an.

Aktuell reden alle von Selbstermächtigung. Welche Rolle spielt die sexuelle Befreiung der Frauen da deiner Meinung nach? Für mich geht sie Hand in Hand mit Empowerment und Feminismus. Seit ich mit dem Film angefangen habe und meine eigene Sexualität erforschte, fühle ich mich stärker und freier denn je. Maggie, meine 70-jährige Protagonistin, meinte, eine Frau kann Feministin sein und sich befreit fühlen, aber beides ist sie nur dann wirklich, wenn sie zwischen ihren Beinen frei ist.

Regisseurin Annie Gisler, 34, sprach in ­ihrer Doku mit fünf Frauen über den weib­lichen Orgasmus. Ein ­starkes Debüt, das die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellt. «La ­petite mort» läuft im Fokus-­Wettbewerb um den besten Film aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am Zurich Film Festival. Vorstellungen: Arthouse Piccadilly; Mi, 3. Okt., 16 Uhr, Riffraff; Do, 4. Okt., 21.30 Uhr, Riffraff; Sa, 6. Okt., 12.45 Uhr, Corso.

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